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Wirtschaft

Apotheke im Wertewandel

11.03.2015  10:25 Uhr

Von Christiane Berg, Hamburg / Auf der diesjährigen Interpharm in Hamburg ging es um Herausforderungen, denen sich die Apotheke in Zukunft stellen muss. Dabei standen Themen wie Vernetzung, wachsende Gesundheitskompetenz der Patienten und Wertewandel der jungen Arbeitnehmer im Mittelpunkt.

Der erste Tag des Kongresses war dem Thema »Vernetzte Apotheken« gewidmet. Als große Zukunftschance für die Apotheke betonte Professor Kristina Friedland aus Erlangen die Bildung heilberuflicher Netzwerke. Die meisten dieser Netzwerke befänden sich derzeit am Beginn beziehungsweise in der Mitte ihrer jeweiligen Studienphase, so Friedland. Dabei verwies sie unter anderem auf das vom Bundesgesundheitsministerium finanzierte ABDA-Projekt PRIMA (Primär­system-Integration des Medikationsplans mit Akzeptanzuntersuchung) sowie das Projekt Metropol-Mediplan-2016.

 

Bei beiden Projekten wird die Akzeptanz von Medikationsplänen untersucht, die gemeinsam von Arzt und Apotheker elektronisch erstellt und gepflegt werden. Die Referentin sprach von einem »hochinteressanten Gebiet, das in den nächsten Jahren noch deutlich wichtiger werden wird«. Für Apotheker seien hier große Entfaltungsmöglichkeiten gegeben.

 

Selbstbewusste Patienten

 

Vor großen Möglichkeiten steht die Apotheke auch mit Blick auf den demografischen Wandel und die wachsende Zahl multimorbider und chronisch kranker Menschen. 

 

Deren Gesundheitsversorgung werde insbesondere in ländlichen Regionen ohne IT-Vernetzung und E-Health-Anwendungen nicht mehr umsetzbar sein, sagte Professor Roland Trill aus Flensburg. Die derzeitige Daten-Revolution führe nicht nur zu einer Verbesserung und Standardisierung der medizinischen Betreuung. Sie gehe auch mit einem grundsätzlich gesteigerten Selbstbewusstsein der Patienten einher, die sich »als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe mit den Leistungserbringern im Gesundheitswesen bewegen wollen«.

 

So nutzen laut Trill immer mehr Bürger spezifische Patienten-Websites und Gesundheitsportale, um sich im Vorfeld einer Therapie über ihre Erkrankungen zu informieren oder einem Arztbesuch unter Umständen ganz aus dem Weg zu gehen. Zeitgleich wachse der sogenannte zweite Gesundheitsmarkt als gegenwärtig wichtigster Treiber von E- Health-Anwendungen. So gebe es im Moment allein 100 000 E-Health-Apps.

 

Der »innere Arzt«

 

Einer Studie zufolge wollten drei Viertel der internetaffinen Deutschen über 65 Jahre zukünftig ihre Gesundheit und Vitalwerte mithilfe von E-Health verstärkt selbst im Auge behalten, so Trill. 73 Prozent dieser Senioren möchten an bevorstehende Termine oder Medikamenteneinnahmen erinnert werden. 81  Prozent wollen Zugriff auf ihre Patientendaten haben.

 

Trill betonte, die Marktmacht im Gesundheitswesen werde sich zukünftig deutlich verschieben, da die Gesundheitskompetenz und -mündigkeit des Bürgers wachse. Dieser werde lernen, mehr und mehr auf seinen »inneren Arzt« zu hören. Diese Entwicklung müsse die Apotheke beachten. Berücksichtigen muss die Apotheke verstärkt auch die besonderen Wertvorstellungen der jungen Arbeitnehmer. Das betonte die Hamburger Diplom-Psychologin Isabelle Pfister am zweiten Tag der Interpharm, der unter der Überschrift »Arbeitsplatz Apotheke« stand.

 

Die sogenannte Generation Y sei nicht nur durch IT-Technologie, Globalisierung oder Pluralisierung der Lebensformen, sondern auch und gerade durch zentrale Lebensereignisse wie 9/11 oder Fukushima geprägt. Pfister sprach von neuen Ängsten und Unsicherheiten, die dazu geführt hätten, dass diese jungen Menschen mehr denn je nach Sinn statt nach Status, Geld und Prestige suchen.

 

»Wir wollen wertvolle Tätigkeiten ausüben und Verantwortung übernehmen, anderen Interessen nicht im Wege stehen und uns weiterentwickeln«, sagte die Referentin. Der Arbeitsplatz Apotheke sei für die Generation Y aber nur dann interessant, wenn er die eigenverantwortliche Betreuung und Entwicklung spezifischer Arbeitsbereiche und Schwerpunkte bei Berücksichtigung der Familiensituation, gerechter Bezahlung und adäquater Fort- und Weiterbildung ermöglicht.

 

»Wir wollen einen Job, der uns Spaß, Freude und Wertschätzung bringt«, so Pfister. Der Wertewandel, den die Generation Y anstößt, sei für alle relevant und unumgänglich. Auch die Apotheke müsse sich auf diesen Wandel einstellen, um als attraktiver Arbeitgeber zu bestehen.

 

Mehr Respekt

 

Neben der Zukunftsfähigkeit der Apotheke ging es am Rande der Interpharm derweil auch um mangelnde Wertschätzung. Mehr Respekt und Anerkennung der Leistungen der Apotheker und hier unter anderem der Einsparungen, die diese im Rahmen der Umsetzung der Rabattverträge erbringen, forderten der Vorsitzende des Hamburger Apothekervereins (HAV), Jörn Graue, und Hamburgs Kammerpräsident Kai-Peter Siemsen. Sie bezogen sich damit auf Äußerungen des Chefs der DAK Gesundheit, Professor Herbert Rebscher. Dieser hatte Null-Retaxationen wegen kleiner Formfehler als richtig bezeichnet. Ein formeller Fehler dürfe auch im Sozialrecht niemals zur Verweigerung der Rechnungszahlung führen, sagte Graue. Mache die Kasse dennoch von ihrem Gewaltmonopol Gebrauch und verweigere die Zahlung, so verstoße sie gegen mehr als nur gegen die guten Sitten, sagte der HAV-Vorsitzende. /

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