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Acetylsalicylsäure

Schutz vor Krebs und Metastasen

27.03.2012
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Von Daniela Biermann / Die langfristige Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) senkt das Krebsrisiko und hemmt offenbar auch die Metastasenbildung. Zu diesen Ergebnissen kommen aktuelle Publikationen in »Lancet« und »Lancet Oncology«. Um eine generelle Empfehlung auszusprechen, ASS zur Prophylaxe von Krebs einzunehmen, ist es aber noch zu früh.

In den vergangenen Jahren zeigten mehrere nachträgliche Auswertungen klinischer Studien, dass die regelmäßige Einnahme von niedrig dosiertem ASS das Risiko reduziert, an Krebs zu erkranken und zu versterben. Drei aktuelle Publikationen in den Fachjournalen »Lancet« und »Lancet Oncology« bestätigen diese Beobachtungen. Ein Grund hierfür könnte sein, dass ASS anscheinend solide Tumoren hindert, in entfernte Gewebe zu streuen, schreiben die Forscher um Professor Peter M. Rothwell von der Universität Oxford.

Die Wissenschaftler werteten mehrere randomisierte Studien aus. Diese sollten zeigen, dass die tägliche Einnahme von mindestens 75 mg ASS vor kardiovasku­lären Ereignissen wie Herzinfarkt schützt. Bei 31 Studien mit rund 70 000 Teilnehmern traten in der ASS-Gruppe im Vergleich zur Kontrollegruppe aber auch 15 Prozent weniger Todesfälle aufgrund von Krebs auf (562 versus 664 Krebstote). Nahmen die Patienten ASS länger als fünf Jahre ein, reduzierte sich ihr relatives Risiko für einen Krebstod sogar um 37 Prozent. In sechs Studien zur Primärprävention kardiovasku­lärer Ereignisse mit rund 35 000 Patienten schützte ASS nach einer Einnahmedauer von drei Jahren Frauen und Männer gleichermaßen, an Krebs zu erkranken. 324 Krebserkrankungen traten in der Gruppe der ASS-Anwender und 421 bei den Nicht-Anwendern auf. Die Inzidenz sank somit um 24 Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Von 1000 Teilnehmern erkrankten ohne ASS zwölf Patienten an Krebs, mit ASS waren es neun (doi: 10.1016/S0140-6736(11)61720-0).

 

ASS als Unterstützung der Krebstherapie

 

Interessanterweise verschwand nach einer gewissen Zeit unter ASS sowohl der gewollte Schutz vor kardiovaskulären Ereignissen als auch das Risiko für schwere Blutungen, während das verminderte Krebsrisiko blieb. Erstaunlicherweise sank unter ASS, über mehr als drei Jahre eingenommen, auch das Risiko, an einer extrakraniellen Blutung zu versterben. Die Krebsvorsorge solle in Zukunft daher öfter der Hauptendpunkt in Studien mit ASS sein, fordern die Autoren. Das Nutzen-Risiko-Profil scheint positiv zu sein. Ob die Daten irgendwann einmal ausreichen, um die tägliche ASS-Einnahme für alle Menschen zu empfehlen, ist derzeit noch fraglich.

 

Wenn ein Mensch erst einmal an Krebs erkrankt ist, hängt seine Prognose meist stark davon ab, ob der Tumor Metastasen bildet. Tierversuche zeigen, dass Thrombozyten an der Bildung von Fernmetastasen über den Blutstrom beteiligt sind. Thrombozyten sind wiederum Angriffsziel für ASS. Über welchen Mechanismus der Arzneistoff die Metastasenbildung hemmt, ist noch unklar. Dass der Effekt eine klinische Rolle spielt, bestätigten Rothwell und Kollegen nun erstmals beim Menschen.

 

Die Wissenschaftler werteten nachträglich fünf große randomisierte, kontrollierte Studien aus, in denen mehr als 17 000 Patienten zur Verhinderung vaskulärer Ereignisse einmal täglich mindestens 75 mg ASS erhielten; im Schnitt über 6,5 Jahre. In der ASS-Gruppe reduzierte sich das relative Risiko für alle Krebsarten mit Fernmetastasen um 36 Prozent im Vergleich zur Kontrolle. Adenokarzinome, zum Beispiel in Lunge, Darm oder Brust, die häufig metastasieren, traten 46 Prozent seltener auf. Das Risiko für andere solide Tumoren wie in der Blase oder an den Nieren sank um 18 Prozent. In der ASS-Gruppe traten 35 Prozent weniger Todesfälle aufgrund von Adenokarzinomen auf. Der schützende Effekt war unabhängig von Alter und Geschlecht der Probanden und bei Rauchern stärker ausgeprägt (doi: 10.1016/S0140-6736(12)60209-8).

 

Der Effekt ist vermutlich nicht nur auf ASS beschränkt, sondern dürfte auch bei anderen Arzneistoffen zu finden sein, die mit Thrombozyten interagieren, vermuten die Wissenschaftler. Klinische Studien mit einer derartigen Komedikation in der Krebstherapie laufen bereits. / 

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