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Mehr Informationen für Versicherte

29.03.2011  14:27 Uhr

Von Ines Landschek, Berlin / Die Pharmaindustrie fordert Änderungen, um die neue Mehrkostenregelung transparenter zu machen. Damit Verbraucher sich über verschreibungspflichtige Arzneimittel informieren können, wollen Hersteller die Beipackzettel ins Internet stellen dürfen.

In die Rolle eines Verbraucherschützers schlüpfte vorige Woche der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI): Eigentlich sei das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) dazu da, die »Freiheitsrechte der Versicherten zu stärken«, sagte Dr. Bernd Wegener auf dem BPI-Unternehmertag vorigen Donnerstag in Berlin. Er räumte ein, dass Patientenrechte nicht immer oberste Priorität beim BPI haben. Aber auch die Pharmaindustrie wolle, dass Versicherte in Deutschland optimal versorgt sind. »Offensichtlich werden sie aber durch die Mehrkostenregelung nicht wie beabsichtigt mehr Auswahlmöglichkeiten haben. Sondern diese werden durch bürokratische Monster ad absurdum geführt«, urteilte der BPI-Vorstandsvorsitzende. Die Mehrkostenregelung lasse die Patienten im Dunklen, sie wüssten nicht, welche Kosten ihre Kassen erstatten.

 

Kassen erstatten unterschiedlich viel

 

Wegener erläuterte die Praxis: Ein Versicherter, der ein Arzneimittel seiner Wahl möchte, bezahlt das Medikament in der Apotheke aus eigener Tasche, ohne dass der Apotheker ihm sagen kann, wie viel die Krankenkasse von dem Preis zurückzahlt. Der Versicherte muss die Rechnung bei seiner Kasse einreichen. Je nachdem, bei welcher Krankenkasse er Mitglied ist, bekommt er mehr oder weniger zurück. Für ein Medikament, das zum Beispiel 31 Euro kostet, bedeutet das Folgendes: Ist ein Patient bei der Techniker Krankenkasse (TK) versichert, zieht die TK zuerst die gesetzliche Zuzahlung von fünf Euro ab. Danach behält die TK noch einmal 20 Prozent Rabatt vom Erstattungsbetrag ein für angeblich entgangene Vertragsrabatte und 10 Prozent für die höheren Kosten im Vergleich zur Abgabe eines rabattierten Arzneimittels oder eines preisgünstigen Medikaments. Das sind 5,20 Euro plus 2,60 Euro. Bleibt eine Restsumme von 18,20 Euro, die die Kasse dem Versicherten auszahlt.

Ist der gleiche Patient bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Baden-Württemberg versichert ist, habe er ungleich schlechtere Karten, sagte Wegener. Vom gleichen Ausgangspreis von 31 Euro ziehe diese Kasse einen pauschalen Erstattungsabschlag für entgangene Rabatte von 20 Euro ab. Hinzu kommen fünf Euro für die gesetzliche Zuzahlung und ein Abschlag für Verwaltungskosten in Höhe von 5 Prozent des Erstattungsbetrags, also 30 Cent. So bleibt eine Restsumme von 5,70 Euro. Aber die ist dem Patienten noch nicht sicher. Denn die AOK Baden-Württemberg hat noch einen Zusatzpassus, der für einen Laien völlig undurchsichtig sei. Wegener: »Es ist klar erkennbar, dass es Krankenkassen gibt, die ihre Versicherten weiterhin ausschließlich als Menge betrachten, die sie gewinnbringend in Rabattvertragsverhandlungen einbringen können.« Der BPI-Chef forderte die Aufsichtsbehörden zum Handeln auf.

 

Für Anpassungen im Sinne des AMNOG plädierte Wegener auch bei der Information der Versicherten. Bestehende Beschränkungen für verschreibungspflichtige Arzneimittel und OTC-Medikamente, die verhindern sollen, dass Versicherte durch Werbung zum Kauf animiert und einseitig informiert werden, seien im Internetzeitalter überholt, erklärte er. Der Gesetzgeber müsse Pharmafirmen erlauben, ihre behördlich kontrollierten Packungsbeilagen auf den eigenen Internetseiten veröffentlichen zu dürfen.

 

Verständliche Verbraucherhinweise

 

Auch bei OTC-Arzneimitteln sollten Verbraucher angemessen informiert werden, sagte Wegener. Da Produkte der Selbstmedikation selten vom Arzt verordnet werden, sei die Information durch die Hersteller umso wichtiger – besonders weil die für die Gebrauchsinformation vorgeschriebenen Angaben zu Wirkung, Interaktionen und Nebenwirkungen von OTC-Präparaten für die Anwender oft verwirrend und schwer zu verstehen seien. Für die Hersteller von OTC-Arzneimitteln forderte Wegener die Möglichkeit, Verbraucherinformationen anders zu gestalten. »Nur so kann eine eigenverantwortliche Information der Verwender erfolgen.« Außerdem sollten OTC-Hersteller Verbrauchern, Studien und Testergebnisse zur Verfügung stellen können. Bei Nahrungsmitteln mit gesundheitlichem Nutzen sei das schließlich erlaubt. »Aus diesem Grund bedarf es einer dringenden Reform des Heilmittelwerbegesetzes », sagte Wegener.  /

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