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Mit jeder Reform wird es komplizierter

28.03.2006
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Bürokratie

Mit jeder Reform wird es komplizierter

von Daniel Rücker, Eschborn

 

Wer Pharmazie studiert hat, will sich im Beruf vor allem um seine Kunden und Patienten kümmern. Doch Kundengespräche werden für viele Apotheker seltene Höhepunkte im Berufsalltag. Statt mit Menschen, müssen sie sich mit Papier beschäftigen. Die wuchernde Bürokratie wird zum großen Ärgernis.

 

Nach einer Umfrage der Apothekerkammer Westfalen-Lippe empfinden fast 85 Prozent der Apothekerinnen und Apotheker ihre bürokratischen Aufgaben als sehr starke Einschränkung. Zwischen einer und drei Stunden verbringen die Pharmazeuten im Durchschnitt mit der Büroarbeit. Darunter leiden nicht nur die Apotheker. »Der tägliche Papierkrieg geht letztlich zu Lasten der Patienten«, sagt Kammerpräsident Hans-Günter Friese. In der Untersuchung hat die Kammer 327 Apotheken befragt. Friese will das Umfrageergebnis nicht als grundsätzliche Ablehnung bürokratischer Aufgaben interpretieren. Sachgerechte Verwaltungsregeln seien durchaus im Sinne einer hohen pharmazeutischen Qualität. Die mit jeder Gesundheitsreform weiter steigenden Regulierungen seien aber kaum noch zu ertragen. Als akademischer Heilberufler sei der Apotheker bereit und in der Lage, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Eine staatliche Bevormundung ist da keinesfalls angebracht. Das Ausmaß der Unzufriedenheit der Kollegen hat die Kammer überrascht. Kammergeschäftsführer Jochen Stahl: »Wir haben schon im Vorfeld damit gerechnet, dass das Verhältnis zwischen heilberuflicher Tätigkeit und Verwaltungsaufwand in einem Ungleichgewicht ist. Gleichwohl hat uns das Ergebnis dieser Umfrage erschreckt.«

 

Kostenfaktor Bürokratie

 

Hauptverantwortliche für die ausufernde Verwaltungsarbeit sind die Krankenkassen (siehe Kasten). Jede neue Gesundheitsreform hat die Regulierung weiter wachsen lassen. Auch um Kosten zu sparen, halten sich die Kassen bei Abrechnungen sklavisch an den Wortlaut von Gesetzestexten und Lieferverträgen. Schließlich können sie bei Nichtbeachtung der Vereinbarungen retaxieren. Pragmatischen Lösungen sind sie deshalb kaum noch aufgeschlossen - zu Lasten der Apotheker.

Hitliste der Bürokratie

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Abrechnungen mit den Krankenkassen

Genehmigung von Hilfsmitteln und Medizinprodukten

Dokumentation von Betäubungsmitteln

Rezeptkontrolle

Arbeitsmedizinische und technische Untersuchungen sowie Bestimmungen des Datenschutzes

Erstellung von Zuzahlungsbescheinigungen, Patientenquittungen und Jahresbelegen

Abrechnung von Sprechstundenbedarf

Verordnungen und Prüfprotokolle

Suche nach Reimporten und deren Lieferfähigkeit

Überprüfung der Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln

 

Besonders lästig ist dies bei der Beantragung von Medizinprodukten oder Hilfsmitteln. Friese: »Auf umständlichsten Weg müssen wir uns hier erst die Genehmigung der Krankenkassen einholen.« Immer wieder beklagen sich Apotheker bei der Kammer, weil sie auch für preiswerte Produkte Kostenvoranschläge einholen müssen. Da mehr Bürokratie auch mehr unproduktive Arbeit bedeutet, bewirkt sie letztlich genau das, was sie eigentlich verhindern will: einen Anstieg der Kosten. Nach Frieses Überzeugung wäre die Bürokratie in der Arzneimittelversorgung durchaus einzudämmen: »Bei Hilfsmitteln könnten zum Beispiel Obergrenzen eingeführt werden, an denen sich der Apotheker orientiert.« Nach den Ergebnissen der Umfrage will sich Friese für einen Abbau der Bürokratie einsetzen.

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