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Misteltherapie

Komplementärmediziner fordern Anerkennung

28.03.2006
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Misteltherapie

Komplementärmediziner fordern Anerkennung

von Gudrun Heyn, Berlin

 

Trotz der fehlenden Anerkennung seitens der Schulmediziner gilt die Misteltherapie in der Akut- und Rekonvaleszenzphase als echte Supportivtherapie. Befürworter fordern, komplementärmedizinische Behandlungsverfahren unter anderen als evidenzbasierten Gesichtspunktenzu bewerten.

 

Mistelpräparate werden seit über 85 Jahren in der Krebsmedizin eingesetzt und inzwischen liegen mehr als 90 klinische Studien vor. Doch wird deren Aussagegehalt nach wie vor kontrovers diskutiert, da die Studien nicht den Anforderungen der evidenzbasierten Medizin genügen. Nach schulmedizinischen Gesichtspunkten muss eine klinische Studie prospektiv, randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert sein. Doch ist vor allem eine Randomisierung im Rahmen komplementärmedizinischer Verfahren schwierig. Die Mehrzahl der Onkologiepatienten will nicht auf eine Misteltherapie verzichten. So bestanden bei der Rekrutierung einer Studie in Heidelberg 970 von 1000 Patienten darauf, mit dem Mistelpräparat behandelt zu werden. Auch das Verblinden erweist sich in der Praxis als schwer durchführbar, da eine charakteristische leichte Hautrötung um die Injektionsstelle das Verum verrät.

 

Trotz der geteilten Meinung zur Aussagekraft der vorliegenden Studien, gilt die Anwendung der Misteltherapie bei verschiedenen Tumoren in Kombination mit einer adjuvanten Chemotherapie inzwischen als gut untersucht. Vor allem unerwünschte Wirkungen wie Müdigkeit und Erschöpfung können durch die Gabe von Mistelpräparaten gemildert werden. »Auch bei der Strahlentherapie gibt es eine Reihe von Hinweisen, dass die Zeit der Rekonvaleszenz durch eine Misteltherapie verkürzt werden kann«, sagte Professor Dr. Reinhard Saller vom Universitätsspital Zürich auf einem von Weleda ausgerichteten Symposium.

 

Dagegen ist die Datenlage bezüglich einer Lebenszeitverlängerung offen. Ebenso schwer zu fassen sei die Wirksamkeit von Mistelpräparaten nach Abschluss der Tumortherapie. Weder in der chronischen Situation, noch in der Rezidiv- und Terminalphase lassen sich die Ergebnisse einer Misteltherapie voraussagen. Für die Patienten sei es jedoch wichtig, auch in diesem Lebensabschnitt aktiv mit der eigenen Erkrankung umzugehen.

 

»Betroffene, die ihre persönliche Sicht in das Krankheitsmanagement mit einbringen, können gegebenenfalls patientenspezifische Potenziale aktivieren, die über die pharmakologischen Wirkungen der Mistel hinausgehen«, sagte Saller. Neben den Zielen der Tumor-, Supportiv- und Palliativtherapie sei es daher legitim, mit der Komplämentärmedizin die Kräfte der Patienten zu fördern. Zusätzlich zu klinischen Studien sollte es deshalb auch eine Versorgungsforschung geben, die den Nutzen von Gesundheitsleistungen überprüft.

 

Mit Vorurteilen aufräumen

 

»Auf Grund der langjährigen Erfahrungen und der zahlreichen Untersuchungen wird die Misteltherapie in der Akut- und Rekonvaleszenzphase inzwischen als echte Supportivtherapie verstanden«, sagte Professor Dr. Gerd Nagel von der Stiftung Patientenkompetenz Männedorf, Schweiz. In einzelnen Bereichen gebe es aber immer noch Vorurteile. So werde schon seit mehr als zehn Jahren behauptet, dass Mistelpräparate bei der Therapie eines malignen Melanoms kontraindiziert seien, weil sie das Tumorwachstum stimulieren. Weder langjährige Beobachtungen noch das Ergebnis einer 2005 veröffentlichten Studie geben jedoch Hinweise darauf. Auch eine statistisch signifikante Häufung von Hirnmetastasen konnte nicht gefunden werden.

 

In Deutschland sind insgesamt sieben verschiedene Mistelpräparate aus Extrakten der weißbeerigen Mistel (Viscum album L.) im Handel. Abnoba® viscum, Helixor®, Iscador® und Iscucin® sind anthroposophische Präparate, deren Kosten in jedem Krankheitsstadium von der jeweiligen gesetzlichen Krankenkasse erstattet werden. Cefalektin®, Eurixor® und Lektinol® gehören zu den Phytotherapeutika, die nur in der palliativen Situation erstattungsfähig sind.

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