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Stillen

Gute Ernährung von Anfang an

28.03.2006
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Stillen

Gute Ernährung von Anfang an

von Inga Leo-Gröning, Bad Vilbel

 

In den ersten Wochen nach der Entbindung scheint für Mütter, die ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben, das Leben so turbulent zuzugehen wie nie zuvor. Mit fundierten Antworten zu vielen Fragen rund ums Stillen können Apotheker den Müttern verlässlichen Rat geben.

 

Die Vorteile des Stillens sind unübersehbar. Wird gestillt, ist dies für die Dauer der Stillzeit die beste Allergieprävention. Muttermilch ist immer körperwarm, keimfrei, frisch und zu jeder Zeit vorhanden. Sie enthält in optimaler Zusammensetzung alle Nähr- und Mineralstoffe, Vitamine (bis auf Vitamin D) und Immunglobuline. Der größte Nachteil für die Mutter ist ihre ständig nötige Anwesenheit, wobei sich Zeiten kurzer Abwesenheit sehr gut durch im Voraus abgepumpte Milch überbrücken lassen.

 

Circa 10 Prozent der Mütter können nicht stillen; ihnen stehen Fertigsäuglingsnahrungen zur Verfügung (1). Dazu zählen auch Frauen, die auf Grund einer offenen Tuberkulose, einer akuten Hepatitis-C- oder einer HIV-Infektion nicht stillen sollten. Bei einer Galactosämie oder einer Glucose-Galactose-Malabsorption beim Kind sollte nicht gestillt und milchfreie Säuglingsnahrung verwendet werden (2).

 

Ist eine Medikamenteneinnahme unbedingt erforderlich, muss für jeden Arzneistoff geprüft werden, ob er in die Muttermilch übergeht und das Stillen fortgesetzt werden kann (3). Begünstigt wird der Übergang von Arzneistoffen, wenn diese ein geringes Molekulargewicht (unter 200), eine niedrige Eiweißbindung und gute Fettlöslichkeit haben, sowie bei alkalisch reagierenden Stoffen, da die Muttermilch (pH 6,8 bis 7,1) gegenüber dem Plasma (pH 7,4) eine relative Azidität aufweist. Weiterhin zu beachten sind die Art der Medikation (kurzzeitig oder Dauermedikation), das Alter des Kindes, die Menge des von ihm aufgenommenen Stoffs und die dadurch eventuell beim Kind hervorgerufenen Störungen.

 

Für die Selbstmedikation sind in der Tabelle 1 etliche in der Stillzeit verwendbare Arzneistoffe aufgeführt. Anfragen bezüglich der Medikation in Schwangerschaft und Stillzeit können auch an das europäische Netzwerk embryonaltoxischer Beratungsstellen (ENTIS) gestellt werden, die innerhalb von 24 Stunden schriftliche Risikobewertungen abgeben (www.reprotox.de).

Tabelle 1: Auswahl von Arzneimitteln der Selbstmedikation, die während der Stillzeit anwendbar sind

Stoffgruppe Arzneistoffe
Analgetika Paracetamol
Ibuprofen (maximal 1600 mg/d)
bei Migräne Paracetamol und Dimenhydrinat in Einzeldosen
Antacida
H2-Rezeptorenblocker
Magaldrat
Hydrotalcit
Sucralfat
2. Wahl: Famotidin
Anthelmintika Niclosamid
Antidiarrhoika Kohle
Smektit
Weißer Ton/Pektin
Loperamid (nur kurzzeitig)
Antiemetika Dimenhydrinat
Antihistaminika, Antiallergika Dimetinden
Loratadin
Cetirizin
Cromoglicinsäure
Antimykotika Nystatin
Clotrimazol
Miconazol
Antiparasitäre Mittel

gegen Läuse
gegen Skabies
Pyrethrumextrakt
Benzoylbenzoat
Antitussiva Dextrometorphan
Karminativa Dimeticon
Kümmel- und Aniszubereitungen
Expectorantien Acetylcystein
Ambroxol
Hämorrhoidenmittel Aescin
Hamamelisblätterfluidextrakt
Laxantien Leinsamen
Weizenkleie
Bisacodyl
Lactulose
Venenmittel Rotes Weinlaub
Flavonoide
Virustatika Aciclovir (äußerlich, oral)
Wundbehandlungsmittel Kamillenblütentrockenextrakt
Hamamelistrockenextrakt
Octenisept
aus (3, 12, 13)

Zusammensetzung der Muttermilch

 

In der Schwangerschaft wird unter dem Einfluss der Hormone Progesteron und Estrogen, die erst von den Eierstöcken und dann vom Mutterkuchen gebildet werden, im Hypothalamus das Hormon Prolaktin synthetisiert. Prolaktin und das in der Plazenta gebildete Hormon HPL (humanes Plazenta Lactogen) bewirken, dass das Drüsengewebe der Brüste zu wachsen und zu reifen beginnt.

 

Die Größe der Brüste wird nur vom Fettgewebe bestimmt. Entscheidend für das Stillen ist jedoch die Ausbildung des Drüsengewebes, das man in seinem Aufbau am besten mit einem verzweigten Strauch vergleichen kann. Die Wurzel stellt die Brustwarze (Mamille) dar, die Stämme die so genannten Milchseen, an den Ästen (Milchgängen) sitzen Zweige (Lappen) mit Stielen (Läppchen) und den Früchten (Milchbläschen).

 

In der Schwangerschaft entsteht nur wenig Muttermilch, da in der Plazenta gebildetes Progesteron über Rezeptoren an den Milchdrüsen die Milchbildung blockiert. Nach der Geburt sinkt der Progesteronspiegel durch die Ausstoßung der Plazenta rapide, so dass die Hemmung der Milchbildung aufgehoben wird. Zusätzlich wird durch den Saugreiz des Kindes an der Brust im mütterlichen Körper Oxytocin ausgeschüttet, das in beiden Brüsten den Milchspendereflex auslöst.

 

Die Milch ist nicht immer gleich, sondern passt sich den Bedürfnissen des Säuglings an. Die Vormilch (Kolostrum) wird bereits in der Schwangerschaft gebildet. Sie ist relativ dickflüssig, gelb, reich an Eiweiß und Mineralien und hat einen geringen Fettanteil. Zusätzlich ist sie angereichert mit Immunglobulinen, die das Neugeborene vor Infekten schützen. Diese Vormilch erhält das Kind, bis durch den Milcheinschuss zwischen dem dritten und fünften Tag nach der Entbindung die Übergangsmilch mit höherem Fett- und Kohlenhydratanteil, aber geringerem Eiweißanteil entsteht.

 

Nach etwa zwei Wochen wird reife Muttermilch gebildet. Sie enthält alle erforderlichen Fette, Kohlenhydrate und Proteine, die der Säugling bis zu seinem sechsten Lebensmonat braucht.

 

Da die Muttermilch je nach Tageszeit unterschiedlich zusammengesetzt ist, kann die bei der einzelnen Mahlzeit getrunkene Milchmenge schwanken. Die Tagestrinkmenge des Kindes hingegen ist ziemlich konstant und zwar unabhängig davon, wie oft die Mutter ihr Kind anlegt. Neugeborene trinken innerhalb von 24 Stunden sechs bis elf Mahlzeiten (bis zu 100 ml pro Tag); nach zwei Wochen pendelt sich ein Rhythmus von ungefähr sechs bis acht Mahlzeiten täglich (gesamt 350 bis 600 ml) ein. Mit zunehmendem Alter schwanken die täglichen Trinkmengen je nach Kind zwischen 400 und 800 ml (ein Monat alt) und 400 bis 1000 ml (vier Monate alt) (1).

 

Bei Babys, die an der Brust einschlafen, muss die Mutter darauf achten, dass das Kind mindestens sechs Mahlzeiten pro Tag aufnimmt. Es ist wichtig, das Kind ausreichend lange an der Brust zu lassen, da der Milchspendereflex erst nach zwei bis drei Minuten einsetzt. Dann erhält es zunächst die durstlöschende Vormilch, anschließend die kalorienhaltigere sättigende Hintermilch. Während heißer Sommertage trinken Babys zusätzlich oft nur kurze Zeit, um ihren Durst zu stillen (2,3).

 

Während der Wachstumsschübe, die zwischen dem sechsten bis zehnten Tag sowie mit circa einem, drei und sechs Monaten auftreten und sich durch größeren Hunger zeigen, sollte das Kind nach kürzerer Zeit wieder angelegt werden, um die Milchproduktion zu steigern. Nach spätestens 48 Stunden stellt sich der mütterliche Körper auf die erhöhte Nachfrage ein (4).

 

Richtige Haltung beim Stillen

 

Die richtige Stillhaltung und das richtige Anlegen des Kindes sind das A und O, um sowohl Rückenschmerzen der Mutter als auch wunden Brustwarzen vorzubeugen.

 

Mit Hilfe eines Stillkissens liegt das Baby hoch genug, dass die Mutter gerade sitzen kann. Die Stillpositionen können je nach Bedarf variieren. Bauch an Bauch ist möglich; man kann das Kind aber auch so halten, dass sein Bauch an der Hüfte der Mutter liegt und seine Füße nach hinten zeigen. Wenn das Kind den Mund zum Trinken öffnet, wird es an den Körper gezogen und soll mit dem Mund die Mamille und einen Teil des Warzenhofs erfassen. Für Mutter und Kind ist eine ruhige, entspannte Atmosphäre ein Muss fürs Stillen, da sonst der Milchfluss ins Stocken gerät oder sich das Kind ablenken lässt (4).

 

Dass während der Stillzeit nicht geraucht wird, versteht sich von selbst. Zum einen führt Rauchen zu einem verspäteten Milcheinschuss und verringert die Milchproduktion, zum anderen übersteigen die Nikotinwerte in der Muttermilch die Blutwerte der Mutter. Ebenso finden sich Dioxine, Benzpyrene und Nitrosamine in der Muttermilch wieder. Eine im Dezember 2005 veröffentliche Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zeigt, dass mehr als 170.000 Neugeborene jährlich bereits im Mutterleib den Schadstoffen des Tabaksrauchs ausgesetzt waren. In Deutschland sterben jährlich etwa 60 Säuglinge allein auf Grund des Passivrauchens oder wegen vorgeburtlicher Schadstoffbelastungen (5).

 

Milch abpumpen und einfrieren

 

Wenn die Mutter kurzzeitig nicht erreichbar ist, ist ein entsprechend großer Vorrat an abgepumpter, eingefrorener Milch je nach Alter in Portionen von 50 bis 100 ml nötig (Tabelle 2). Abpumpen kann man die Seite, an der das Kind nicht getrunken hat oder circa 1,5 bis 2 Stunden nach der letzten Mahlzeit beide Seiten. In vorsterilisierten Polyethylen- oder Polycarbonat-Tüten, mit Datum des Abpumpens versehen, lässt sich die Milch gut einfrieren und auftauen. Die Milch sollte im handwarmen Wasserbad gleichmäßig erwärmt und ihre Temperatur vor dem Verfüttern auf der Handinnenseite getestet werden.

Tabelle 2: Aufbewahrung von Muttermilch

Lagerung Haltbarkeit
bei Raumtemperatur 6-8 Stunden
Kühlschrank (4 bis 6 °C) 3 Tage
separates Tiefkühlfach 3-4 Monate
Gefriertruhe (-19 °C) 6-12 Monate

Cave: Nicht verbrauchte, aufgewärmte Milch darf nicht mehr verwendet werden, da die Gefahr einer Keimvermehrung zu hoch ist.

 

Um Milchstau zu vermeiden und die Milchproduktion weiterhin zu stimulieren, muss die Mutter während ihrer Abwesenheit alle drei bis vier Stunden abpumpen.

 

Probleme mit den Brustwarzen

 

Flache oder eingezogene Brustwarzen entstehen durch verkürzte Bindegewebefasern infolge von Verwachsungen. Stillen ist trotzdem möglich, wenn die Frau darauf achtet, dass das Kind einen ausreichend großen Bereich des Warzenhofs in den Mund nimmt. Nach einem bis drei Monaten stehen die Warzen auf Grund des regelmäßigen Saugens des Babys wieder nach vorne.

 

Um die Brustwarzen vorher hervorzuholen, müssen die Gewebefasern gedehnt werden. Dafür gibt es verschiedene Brustwarzenformer. Als übergangsweise Alternativen kann die Mutter sowohl mit einer Milchpumpe kurz vor dem Stillen anpumpen, bis die Mamillen hervorstehen, oder Stillhütchen benutzen. Diese Artikel sind eine sinnvolle Hilfe für Mutter und Kind.

 

Brustwarzenformer können ab dem 7. Monat oder erst während der Stillzeit getragen werden. Sie bestehen aus zwei Schalen, einer härteren äußeren und einer weicheren inneren. Beim Tragen dürfen sie wie die Kleidung und der BH nicht einengen, da sonst eventuell die Milchgänge abgedrückt werden. Die Tragezeit wird von zehn Minuten auf acht Stunden täglich erhöht; in der Schwangerschaft darf sie nur langsam gesteigert werden, damit keine frühzeitigen Wehen ausgelöst werden.

 

Ein anderes Produkt besteht nur aus einer durchsichtigen Brustwarzenform mit Dichtungsring, an dem ein Ventil und ein Spritzeneingang zum Abziehen der Luft in der Form angebracht sind (Beispiel Avent NipletteTM). Durch das Abziehen der Luft kann die Frau die Saugkraft selbst bestimmen. Die Tragezeit beträgt sofort acht Stunden. Bei regelmäßiger Anwendung ist eine dauerhafte Korrektur nach einem bis drei Monaten erreicht, ein späteres eventuelles Einziehen der Brustwarze kann durch gelegentliches Tragen korrigiert werden. Der Former sollte nicht mehr verwendet werden, wenn das Stillen bereits funktioniert, denn das Baby kennt die Brustwarze so und kann sie selbst herausziehen (6).

 

Stillhütchen bestehen aus transparentem flexiblen Silikon und imitieren die Mamille. Um Entzündungen der Brustspitze zu vermeiden, müssen sie so groß sein, dass die Mamille ausreichend Platz hat, wenn sie in den Trichter gezogen wird. Sie werden vor dem Aufsetzen am Rand umgeklappt wie ein Sombrero, nach dem Aufsetzen wird der Rand heruntergeklappt. Es versteht sich von selbst, dass Stillhütchen möglichst nur mit gewaschenen Händen angefasst werden. Nach Gebrauch werden sie gründlich ausgespült, einmal täglich ausgekocht und trocken aufbewahrt.

 

Stillhütchen kann man zwischenzeitlich auch verwenden, um wunde Mamillen zu schonen oder bei zu schwachem Saugreflex des Babys. Sobald die Mamille sich an die neue Aufgabe gewöhnt hat, geschieht das Entwöhnen des Babys problemlos.

 

Zu Beginn der Stillzeit schmerzen die Brustwarzen oft am meisten, was aber relativ schnell nachlässt. Bleibende Schmerzen signalisieren, dass das Kind nicht richtig an der Brust liegt und nur den vorderen Teil der Brustwarze fasst. Bearbeitet es diese mit den Zahnleisten, kann es zu rissigen und wunden Brustwarzen kommen. Man nimmt das Kind von der Brust, indem man ihm den kleinen Finger in den Mundwinkel steckt, um den Unterdruck zu reduzieren. Beim nächsten Versuch ist auf korrektes Anlegen des Babys zu achten. Die maximale Saugdauer pro Seite liegt bei 20 Minuten und sollte nicht überschritten werden.

 

Ein weiterer Grund für wunde Brustwarzen kann ein zu kurzes Zungenbändchen des Kindes sein. Dies kann sich mit der Zeit dehnen oder wird operativ vom Arzt durchtrennt. Ein zu kurzes Zungenbändchen erkennt man beim Herausstrecken der Zunge an einer Einkerbung an der Zungenspitze.

 

Durch die Montgomerschen Drüsen werden die Mamillen mit Fett und Feuchtigkeit versorgt. Auf trockene, wunde, rissige oder raue Brustwarzen kann die Frau zweimal täglich hoch gereinigtes Wollwachs (Lanolin) dünn auftragen. Stillen ist hierbei möglich. Nicht mehr verwendet werden Salben mit hohem Zuckergehalt (Soorgefahr) oder Vitaminen (unkontrollierte Aufnahme durch das Kind), zumal ein Entfernen vor dem Stillen kaum möglich ist (4, 8).

 

Zu wenig oder zu viel Milch

 

Hat die Mutter das Gefühl, dass die Milch nicht reicht, sollte sie auf Ruhe beim Stillen achten und sich entspannen, die Brust vorher zehn Minuten wärmen und ausreichend trinken. Wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, kann Oxytocin nasal (1 Sprühstoß in ein Nasenloch, 4 I.E.) zwei bis drei Minuten vor dem Stillen verabreicht werden. Durch die Kontraktion der myoepithelialen Zellen im Bereich der Brustdrüse, die zur glatten Muskulatur gerechnet werden, kommt es zum Milchfluss. Vorteilhaft ist es, wenn die Mutter bei der Anwendung sitzt, da in seltenen Fällen der Blutdruck abfallen kann. Als Nebenwirkungen sind ferner Reizungen der Nasenschleimhaut, Gebärmutterkontraktionen, Blutdruckanstieg oder Allergien möglich (7).

 

Die Produktion von zu viel Milch kann durch Pfefferminz- und Salbeitee reduziert werden. Das Gleiche erreicht man durch 20-minütiges Kühlen der Brüste nach dem Stillen.

 

Auslaufende Milch ist ein temporäres Problem. Ein paar Wochen nach der Geburt sind die Schließmuskeln kräftig genug, um den Milchfluss zu stoppen. Bis dahin kann man Stilleinlagen aus Baumwolle (maschinenwaschbar) oder Baumwolle/Seide (nur Handwäsche) verwenden. Papiereinlagen ohne Plastikfolie sind bei Pilzinfektionen empfehlenswert, da sie nur einmal verwendet werden. Milchauffangschalen sehen aus wie Brustwarzenformer, haben aber kein Loch in der äußeren Schale. Die darin aufgefangene Milch darf nur verfüttert werden, wenn Hygiene und Haltbarkeitsdauer der Milch bei Körpertemperatur beachtet werden.

 

Milchstau beseitigen

 

Kann die Milch nicht aus den Milchgängen ausfließen, fühlt sich die Brust gespannt an. Sie wird druckempfindlich und weist eine bis mehrere harte, teilweise gerötete Stellen auf, an der sich ein Milchstau befindet. Meist ist eine nicht vollständige Entleerung durch falsche Anlegetechnik oder Stress beim Stillen die Ursache. Andere Ursachen können ein einengender BH oder Tragetuch sein. Ebenso kommen zu lange Fütterungspausen oder eine mit eingetrockneter Milch verstopfte Milchdrüse infrage.

 

Sinnvoll ist es, die Brust zehn Minuten vor dem Stillen mit einer Wärmflasche oder warmen Kompresse zu wärmen, wobei Mamille und Hof frei gehalten werden. Das Kind kann den Stau am effektivsten beseitigen, wenn es so angelegt wird, dass sein Unterkiefer zur gestauten Stelle weist. Anschließend kann die Mutter die Stelle mit Wärme oder Kälte behandeln, je nachdem was ihr angenehmer ist. Alternativ kann man versuchen abzupumpen oder die Brust auszustreichen, wobei man sanft kreisend von außen nach innen, dann mit der ganzen Hand von allen Seiten bis über die Brustwarze streicht. Der Gang zum Arzt ist erforderlich, wenn sich die Entzündung nicht innerhalb von einem bis zwei Tagen bessert.

 

Antibiotika bei Mastitis

 

Wird der Milchstau nicht gelöst, können Staphylokokken oder andere Keime wie Proteusarten oder Escherichia coli in die gestaute Milch gelangen und innerhalb von einem bis zwei Tagen eine Mastitis hervorrufen. Ebenso kann eine Mastitis entstehen, wenn Staphylokokken durch Rhagaden in die Lymphspalten eindringen. Die Brustdrüsenentzündung tritt bei knapp einem Prozent aller Frauen während der achtwöchigen Wochenbettzeit auf.

 

Die meist nur einseitig gerötete Brust fühlt sich gespannt, hart und heiß an. Sie ist auf Druck schmerzempfindlich. Dazu kommen grippeartige Gliederschmerzen, allgemeines Mattigkeitsgefühl, Schüttelfrost, Erbrechen und Fieber über 39 °C. Auch die Lymphknoten in der Achselhöhle können geschwollen sein.

 

Neben einer Therapie mit Penicillinen oder Cephalosporinen ist Bettruhe angezeigt. Das Stillen ist möglich und sinnvoll, solange kein eitriges Sekret austritt, was der Arzt mikroskopisch feststellen kann. Ungeduldige Kinder sollten erst an die gesunde Seite angelegt werden, bis der erste Hunger gestillt ist. Da die Antibiotika in die Muttermilch übergehen, kann es beim Säugling zu Durchfall kommen. Wird die Mastitis nicht ausreichend oder zu spät behandelt, kann ein Abszess (Eiteransammlung) entstehen, der operativ entfernt werden muss.

 

Eine lokale Candida-Infektion (Soor) der Mamille äußert sich bei der Mutter durch juckenden, brennenden oder stechenden Schmerz, der auch nach den ersten Stillminuten nicht nachlässt. An Wangen, Gaumen und Po des Kindes zeigen sich weiße Pünktchen, Beläge oder ein Ausschlag. Neben dem Beachten der Hygieneregeln werden Mutter und Kind mit Nystatin-haltigen Cremes behandelt.

 

Beratung zu Milchpumpen

 

Zu Stillbeginn löst das Kind in raschen Abständen mit circa 120 Saugzyklen pro Minute den Milchspendereflex aus. Dann trinkt das Baby mit 40 bis 60 Saugzyklen pro Minute langsamer weiter. Ein Saugzyklus umfasst das Saugen, Schlucken und Atmen; diese Schritte haben individuell je nach Kind ein Verhältnis von 1:1:1 bis 3:1:1. Dieser physiologische Saugrhythmus des Kindes wird durch die neueren Pumpen imitiert (8, 9).

 

Eine halbautomatische Milchpumpe, bei der die Mutter die Zyklen selbst regulieren muss, schafft nur bis 25 Zyklen pro Minute. Milchpumpen mit wenigen Zyklen haben eine höhere Saugwirkung auf die Mamille, die dann länger im Saugtrichter verweilt. Die Brust wird dadurch geringer stimuliert.

 

Den Milchspendereflex löst man mit einer elektrischen Pumpe aus, indem man ein niedriges Vakuum und eine hohe Zykluszahl verwendet. Fließt die Milch, wird die Zykluszahl reduziert und das Vakuum erhöht. Schmerzen dürfen dabei nicht auftreten. Wenn die Milch nicht fließt, darf man maximal fünf Minuten pumpen und sollte es dann später wieder probieren. Mit elektrischen Milchpumpen können in zehn Minuten circa 60 bis 120 ml Muttermilch abgepumpt werden. Elektrische Milchpumpen eignen sich zum Entleeren größerer Mengen Muttermilch. Für Mütter, die arbeiten gehen oder Frühchen ernähren, ist ein Doppelpumpenset vorteilhaft (8, 9).

 

Manuelle Pumpen sind bei gelegentlichem Einsatz oder beim Abpumpen kleinerer Mengen sinnvoll. Bei neueren Handmilchpumpen ist auch eine Stimulation des Milchflusses möglich. Wenn die Milch fließt, pumpt man gleichmäßig in entspannter Haltung, damit der Milchspendereflex nicht stockt. Kolben- und Hebelpumpen ermüden die Mutter relativ schnell. Ballonpumpen sind auf Grund der bakteriellen Besiedlung des nicht sterilisierbaren Ballons nicht empfehlenswert.

 

Das Zubehörset und die Handpumpen sind nach jeder Verwendung gründlich mit klarem Wasser zu säubern. Schlierige Sauger können mit Salz bestreut und geknetet, anschließend mit klarem Wasser gründlich gespült werden. Einmal täglich sind alle Teile auszukochen, indem man sie für zwei bis drei Minuten in bereits kochendes Wasser legt. Dabei müssen alle Teile vollständig mit Wasser bedeckt sein.

 

Fütterhilfen für Babys

 

Sind die Neugeborenen von ihrer Mutter kurzzeitig aus medizinischen Gründen getrennt und sollen trotzdem Muttermilch erhalten, können Fütterungshilfen eingesetzt werden. Das gilt ebenso für Kinder, die mehr als 10 Prozent des Geburtsgewichts abgenommen haben oder Frühgeborene, für die die Muttermilch mit Eiweiß und Fett angereichert werden muss.

 

Da die Fütterung mit Brust und Flasche unterschiedliche Trinktechniken vom Kind verlangt, ist es sinnvoll, Zufütterungshilfen zu verwenden, um eine so genannte Saugverwirrung zu vermeiden und die in den ersten Lebenswochen ablaufenden Lern- und Prägemechanismen nicht zu stören. Hier können Einmalbecher, Haberman-Sauger oder Spezialtrinkbecher mit weichem löffelförmigen Mundstück verwendet werden.

 

Bei Zufüttern mit dem Becher wird dieser bis zur Hälfte gefüllt und sanft ohne Druck auf der Unterlippe des Kindes angesetzt, so dass der Becherrand die Mundwinkel des Babys berührt. Ein Nahrungstropfen wird auf die Zunge gegeben und das Schlucken abgewartet. Während der Nahrungsaufnahme wird der Becher an den Lippen gelassen, damit sich das Baby aktiv beteiligt.

 

Der Haberman-Sauger ist ein Sauger mit angeschlossener Flasche, der auf die geringste Sauganstrengung reagiert, wobei ein Einwegventil verhindert, dass die Milch zu schnell fließt und das Kind überfordert wird. Er ist geeignet für saugschwache Babys sowie Kinder mit Lippen-, Gaumen- oder Kieferspalten, mit Down-Syndrom oder neurologischen Problemen. Der Spezialtrinkbecher hat ein Kontrollventil und ein Reservoir für die Regulierung der Nahrung.

 

Alternativ können Spritzen mit Fingerfütteraufsatz (Beispiel: Fingerfeeder), die am Finger fixiert werden, oder ein Brusternährungsset verwendet werden. Ein Fingerfütteraufsatz ist ein Silikonaufsatz für Spritzen. Dabei liegt das Baby mit dem Rücken an den Knien der Mutter, so dass die Mutter beide Hände frei hat. Zum Mundöffnen streichelt sie die Wangen und stimuliert die Lippen des Kindes. Der saubere Finger wird mit der Fingerkuppe in Richtung Gaumen geführt. Ein bis zwei Minuten lässt man das Kind am Finger saugen. Sobald Saug-, Kiefer- und Schluckbewegungen einsetzen, wird der Fingerfeeder sanft neben dem Finger in den Mundwinkel eingeführt. Die Milch soll nur in kleinen Portionen von 0,5 ml zugeführt werden, da der Schluck eines Neugeborenen nicht größer ist. Das Füttern mit dem Fingerfütteraufsatz hat den Vorteil, dass das Kind Kiefer- und Zungenbewegung wie beim Trinken an der Brust übt.

 

Die Schläuche des Brusternährungssets werden so mit Pflastern am Körper der Mutter befestigt, dass das Kind gleichzeitig an der Brustwarze saugen kann. Von der Vorratsflasche fließt die Milch durch farbcodierte Schläuche, die unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten zulassen, in den Mund des Babys. Dies kann bei mütterlichem Milchmangel, zur Relaktation (Wiedereinschuss der Milch nach einer Stillpause) oder beim Stillen eines Adoptivkindes verwendet werden (8).

 

Abstillen

 

Meist ergibt sich das Abstillen von ganz allein, indem immer mehr Mahlzeiten durch Breie ersetzt werden. Unterstützt werden kann es durch Pfefferminz- oder Salbeitee, Einnahme von Phytolacca D2 oder Kühlen der Brust.

 

Der Prolaktinhemmer Bromocriptin wurde wegen möglicher Risiken für die Mutter (Schlaganfall und Herzinfarkt) in den USA und Kanada vom Markt genommen (10). In Deutschland ist er zugelassen bei den Indikationen primäres und sekundäres Abstillen, das heißt beim Abstillen sofort nach der Geburt und zu einem späteren Zeitpunkt aus medizinischen Gründen, zum Beispiel bei Milchstau, sowie bei beginnender Mastitis, sofern andere Maßnahmen nicht geholfen haben (11). Allerdings ist die empfohlene Bromocriptin-Dosis bei Mastitis höher als die zum Abstillen, sodass die Konsequenz des iatrogen induzierten Stillendes der Mutter vorher erklärt werden muss.

 

Cabergolin ist nur zum primären Abstillen, Metergolin auch zum sekundären Abstillen zugelassen. Allerdings gibt es hier keine hinreichenden Sicherheitsstudien, so dass alle Ergolinderivate nur eingesetzt werden sollen, wenn andere Maßnahmen nicht geholfen haben.

 

Natürlicher Wochenfluss

 

Der Wochenfluss (Lochien) ist ein Wundsekret aus Plazentaresten und Blut, da die Ablösung der Plazenta an der Gebärmuttermuskulatur Schürfwunden verursacht. Menge und Zusammensetzung des Wochenflusses ändern sich im Heilungsverlauf. In der ersten Woche ist er noch blutig, in der zweiten Woche braunrot bis gelblich, in der dritten bis sechsten Woche schleimig grau-weiß. Nach sechs Wochen hört der Wochenfluss auf. Der gesamte Blutverlust im Wochenbett liegt zwischen 200 und 500 ml.

 

Die Gebärmutterhöhle wird kurz nach der Geburt von aufsteigenden Bakterien, beispielsweise Staphylokokken und Streptokokken, aus der Scheide besiedelt. Da der Wochenfluss infektiös sein kann, muss die Wöchnerin eine penible Intimhygiene (Duschen, keine Anwendung von Tampons) einhalten.

 

Normalerweise werden die Bakterien über den Wochenfluss hinaus transportiert. Sind Nachwehen und Wochenfluss jedoch schwach, kann es zum Sekretstau kommen. Der obere Gebärmutterrand ist dann höher zu ertasten, als es der Wochenbettdauer entspricht. Um den Wochenfluss wieder in Gang zu bringen, wird der Bauch massiert und gewärmt; auch gymnastische Übungen sind sinnvoll. Andernfalls können die aufsteigenden Bakterien zum Kindbettfieber (Endometritis puerperalis) führen, was früher die Hauptursache der hohen Müttersterblichkeit war.

 

Die Erkrankung äußert sich durch erhöhte Temperatur oder Fieber, Druckschmerzen im Unterleib, übel riechenden Wochenfluss und eventuell Blutungen. Weitere Anzeichen sind Übelkeit und Erbrechen sowie Schocksymptome wie Unruhe, starke Puls- und Atembeschleunigung und Blutdruckabfall. In der Therapie wird die Rückbildung der Gebärmutter durch Methergin unterstützt. Mit Antibiotika heilt die Infektion meist folgenlos aus.

Literatur

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Largo, R. H., Babyjahre. Pieper München 2003.

Nationale Stillkommission, www.bfr.bund. de, Abruf Februar 2005.

Spielmann, H., et al., Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit. Urban & Fischer Verlag, München 2000.

Lothrop, H., Das Stillbuch. Kösel Verlag München 2001.

www.tabakkontrolle.de, Abruf Januar 2006.

www.avent.com, Abruf Januar 2006.

Fachinformation Oxytocin, www.fachinfo.de, Abruf Januar 2006.

www.medela.de, Abruf Januar 2006.

www.ameda.ch, Abruf Januar 2006.

Arzneitelegramm 3 (1995) 27.

Fachinformation Pravidel, www.fachinfo.de, Abruf Januar 2006.

Rote Liste 2006.

Paulus, W., MMW-Fortschr. Med. 147, Nr. 16 (2005) Online-Langfassung.

 

Die Autorin

Inga Leo-Gröning studierte Pharmazie in Marburg und erhielt 1994 die Approbation als Apothekerin. Nach der Diplomarbeit in der Pharmazeutischen Technologie schloss sie im Jahr 2000 ihre Promotion bei Professor Dr. Ulrich Matern in der Pharmazeutischen Biologie, Marburg, ab. Seitdem war und ist Dr. Leo-Gröning ­ mit Unterbrechung durch die Elternzeit ­ in mehreren öffentlichen Apotheken tätig. 2003 erwarb sie den Titel der Fachapothekerin für Offizinpharmazie.

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Dr. Inga Leo-Gröning

Kreisstraße 69

61118 Bad Vilbel

leogroening(at)compuserve.de

 

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