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Bayer stärkt sich mit Schering

28.03.2006
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Pharmaindustrie

Bayer stärkt sich mit Schering

von Thomas Bellartz, Berlin, und Volker Danisch, Leverkusen

 

In den vergangenen Monaten waren die Nachrichten wieder besser geworden, die aus der Bayer-Zentrale in Leverkusen in die Welt drangen. Nach Lipobay und Konsolidierungskurs will der Traditionskonzern wieder Anschluss an die Weltspitze finden - ein weiter Weg, trotz Schering-Übernahme.

 

Lange Zeit schien Bayer gegen das heftige Fusionsfieber in der Pharmabranche immun zu sein. Als im Ausland die Pharmariesen durch Zusammenschlüsse immer größer wurden, blieb Bayer dem jahrzehntelangen Kurs treu, aus eigener Kraft im internationalen Wettbewerb erfolgreich in vielen Bereichen mitzumischen. Zukäufe gab es im Bayer-Pharmabereich bislang nicht. Nun soll mit der geplanten Schering-Übernahme gleich die größte Akquisition in der 140-jährigen Geschichte des Leverkusener Chemiekonzerns gestemmt werden.

 

Als Bayer 2001 den umsatzstarken Blutfettsenker Lipobay vom Markt nahm, der weltweit mit dem Tod von rund 100 Menschen in Verbindung gebracht worden war, wurde der gesamte Konzern erschüttert. Nicht nur Umsatz brach weg, auch das Image litt. Der Umbau des Pharmabereichs und Vergleiche mit Patienten kosteten Bayer in den vergangenen Jahren einen Milliardenbetrag.

 

Bayer-Chef Werner Wenning suchte einen starken Partner für Pharma, war sogar bereit, die unternehmerische Führung in andere Hände zu legen. Vergeblich: Die Pharmaforschung musste wegen des geringeren Umsatzvolumens auf weniger Therapiegebiete wie Herz-Kreislauf-Mittel und Kebsmittel konzentriert werden. Anderes wurde verkauft oder aufgeben.

 

Jetzt, viereinhalb Jahre später, sieht das Bild wieder anders aus: Bayer fand nach einer Rosskur zu alter Stärke zurück und setzt an, das Berliner Pharmaunternehmen Schering zu schlucken. In der extrem teuren Pharmaforschung kämen beide Pharmabereiche zusammen genommen auf ein Jahresbudget von ungefähr 1,5 Milliarden Euro und wären damit auch im internationalen Vergleich gesehen künftig wettbewerbsfähig. »In den letzten drei Jahren hatten wir die Hände voll mit der Restrukturierung unseres Unternehmens«, verdeutlichte Wenning am vergangenen Freitag in Leverkusen. Nach der Neuaufstellung zu drei Teilkonzernen sowie der Abspaltung des Chemiestammgeschäftes, das jetzt als Lanxess selbstständig arbeitet, habe die Ertragskraft zugenommen.

 

Auch das sehr gute Geschäftsjahr 2005 lasse Bayer wieder nach vorn schauen. Mit einem Konzernergebnis von fast 1,6 Milliarden Euro erzielte Bayer den vierthöchsten Gewinn der vergangenen zehn Jahre. Das schwarze Jahr 2003 scheint fast vergessen, in dem Bayer in Folge des Lipobay-Desasters, der lahmenden Chemiekonjunktur und hoher Wertberichtigungen mehr als 1,3 Milliarden Euro Verlust auswies.

 

Der massive Arbeitsplatzabbau im Leverkusener Konzern kam 2005 zum Stillstand. Seit 2002 wurden weltweit 14.000 Stellen gestrichen. Mit der geplanten Übernahme von Schering bekommt das Thema Arbeitsplätze neue Aktualität. Von den 60.000 Pharma-Stellen bei Bayer und Schering sollen in den nächsten Jahren mit dem Abbau von Doppelstrukturen weltweit etwa 6000 Jobs wegfallen. Mit Schering macht Bayer in der Pharmabranche Boden gut. Die gesamte Gesundheitssparte, zu der unter anderem auch rezeptfreie Mittel wie Aspirin und die Tiermedizin gehören, kommt in einem weltweiten Vergleich auf Platz 12. Bisher stand Bayer auf Platz 15 und Schering auf Platz 20. Wenning sprach von einem positiven Signal für die deutsche Pharmaindustrie, die früher als die Apotheke der Welt galt.

 

Nicht auffällig

 

Für den deutschen Markt bildet sich mit dem Pharma-Zusammenschluss von Bayer und Schering ein neues Schwergewicht. International wird der neue deutsche Champion mit zusammengerechnet mehr als 9 Milliarden Euro Pharma-Umsatz aber nicht sonderlich auffallen. Zusammen mit dem rezeptfreien Geschäft und Tier-Arzneimitteln erreicht Bayer HealthCare Erlöse von 15 Milliarden Euro.

 

Die weltweite Nummer eins, der US-Konzern Pfizer, kam 2005 unterdessen auf einen Umsatz von 51,3 Milliarden Dollar (42,75 Milliarden Euro). Allein der Gewinn lag bei 8,1 Milliarden Dollar - trotz eines Rückgangs von 29 Prozent. Der Börsenwert liegt bei der für deutsche Verhältnisse Schwindel erregenden Summe von mehr als 188 Milliarden Dollar; da wirkt das siegreiche Bayer-Gebot für Schering von 16,3 Milliarden Euro wie eine kleine Pille.

 

Auch im europäischen Vergleich wird die neue Bayer Schering Pharma mit Sitz in Berlin nicht das Maß der Dinge sein. Der Konzern Sanofi-Aventis, in dem die Pharmasparte der einstigen deutschen Hoechst steckt, kam auf 27,3 Milliarden Euro Umsatz, Novartis auf 32,2 Milliarden Dollar (26,6 Milliarden Euro) und der ebenfalls Schweizer Roche-Konzern auf 35,5 Milliarden Franken (22,5 Milliarden Euro). GlaxoSmithKline aus Großbritannien stand vorn mit einem Umsatz von 21,6 Milliarden Pfund (31,3 Milliarden Euro). Der nächste Konkurrent in Deutschland, Boehringer Ingelheim, hatte 2004 einen Umsatz von 8,2 Milliarden Euro. Zahlen für das vergangene Jahr kommen Anfang April.

 

Wettbewerbsfähig

 

Größe wird für Pharma-Konzerne im internationalen Vergleich überlebenswichtig. Mit dem Ablauf von Patenten und der starken Konkurrenz billigerer Nachahmer-Medikamente muss ein Unternehmen auch plötzliche sehr hohe Einnahmeausfälle verkraften können. Für das Zusammengehen von Bayer und Schering spricht auch, dass sie in der extrem teuren Pharmaforschung zusammen genommen auf ein Jahresbudget von ungefähr 1,5 Milliarden Euro kommen und damit auch im internationalen Vergleich gesehen künftig wettbewerbsfähig wären.

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