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Migräne-Prophylaxe

Monoklonal statt multimodal

20.03.2018
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Von Kerstin A. Gräfe, Frankfurt am Main / Zur Prophylaxe von Migräne-Attacken kommen seit Jahrzehnten multimodale Behandlungskonzepte zum Einsatz. Einen neuen Ansatz verfolgen monoklonale Antikörper, die gezielt über eine Blockade des proinflammatorischen Neuropeptids CGRP die Weiterleitung von Schmerzsignalen modulieren.

Das Neuropeptid CGRP (Calcitonin ­Gene-Related Peptide) spielt eine ­wesentliche Rolle in der Pathophysio­logie der Migräne. »CGRP wirkt stark gefäß­erweiternd und ist zentral an der Schmerzauslösung sowie der neuro­genen Entzündung beteiligt«, sagte ­Privatdozent Dr. Charly Gaul von der Migräne- und Kopfschmerzklinik in ­Königstein auf dem 29. Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt am Main. So hätten Migräne-Patienten bei einer ­Attacke erhöhte CGRP-Level. Umgekehrt ließen sich bei ihnen mit CGRP-Infusionen Attacken auslösen.

Zielstruktur CGRP

 

Insofern lag es aus therapeutischer Sicht nahe, Arzneistoffkandidaten mit der Zielstruktur CGRP zu entwickeln. »Derzeit befinden sich vier humanisierte monoklonale Antikörper zum Einsatz in der Migräne-Prophylaxe in der ­klinischen Prüfung«, informierte der Schmerzmediziner. Während sich Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab direkt gegen CGRP richten, blockiert Erenumab den CGRP-Rezeptor. Eptinezumab wird alle drei Monate intravenös injiziert, die anderen Antikörper werden entweder monatlich oder im Abstand von drei Monaten subkutan injiziert.

 

»Die derzeit laufenden Studien in den Phasen II und III der klinischen Prüfung unterscheiden sich nur marginal im Design«, sagte Gaul. Er stellte am Beispiel der Phase-III-Studie STRIVE ­aktuelle Daten von Erenumab vor. An der randomisierten, placebokontrollierten Studie nahmen 955 Patienten mit episodischer Migräne teil. Sie ­erhielten ein halbes Jahr lang einmal im Monat subkutan entweder 70 mg oder 140 mg Erenumab oder Placebo. Als ­primärer Endpunkt war die durchschnittliche Reduktion der Migräne-­Tage in den letzten drei Monaten des Prüfungszeitraums im Vergleich zum Ausgangswert definiert. Letzterer ­betrug 8,3. Zu Studienbeginn hatten die Patienten also durchschnittlich an 8,3 Tagen pro ­Monat Migräne gehabt.

 

Wie Gaul erläuterte, verringerte Erenumab in den beiden Dosierungen die Zahl der Migräne-Tage um 3,2 beziehungsweise 3,7 Tage. In der Placebogruppe fiel der Rückgang mit 1,8 Tagen signifikant geringer aus. Etwa 50 Prozent der Erenumab-Patienten mit 140 mg konnten ihre monatlichen Attacken halbieren. Mit 70 mg Erenumab gelang die Reduktion der Migräne-­Attacken um die Hälfte bei 43,3 Prozent, in der Placebogruppe bei 26,6 Prozent.

 

Schnelles Ansprechen

 

»Auffällig war die erhebliche Anzahl von Patienten, die ausgesprochen gut und sofort angesprochen haben«, so Gaul. Dauert es mit bisherigen Prophylaxe-Medikamenten Wochen bis Monate, ehe ein Ansprechen spürbar wird, waren es bei der Anti-CGRP-Antikörper-Therapie nur Tage. »Das ist ein Phänomen, das wir so noch bei keiner Pro­phylaxe-Studie gesehen haben«, kommentierte der Referent.

 

Ein weiterer positiver Aspekt zeichnet sich Gaul zufolge in der Langzeit­anwendung ab. In der offenen Verlängerungsstudie OLE ging unter 70 mg Erenumab die Anzahl der Migräne-Tage noch weiter zurück. Nach 64 Wochen sank sie von 6,3 zu Beginn auf 3,7. Keine Attacken im letzten Monat der Zwischenauswertung hatten immerhin 26 Prozent der Teilnehmer. Und auch bei der chronischen Migräne (mehr als 15 Kopfschmerztage im Monat) scheint die CGRP-Blockade Besserung zu bringen: Hier sank die Zahl der Migräne-Tage im Mittel um 6,6.

 

Laut Gaul bewegten sich die Nebenwirkungen auf Placeboniveau. Allerdings trat unter Erenemub – wie auch in den Studien mit Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab – eine erhöhte Inzidenz an Infektionen der oberen Atemwege auf. Weitere unerwünschte Wirkungen waren Schmerzen an der Injektionsstelle und Nasopharyngitis. Die Hersteller Amgen und Novartis rechnen Gaul zufolge noch in diesem Jahr mit der Zulassung von Erenumab. /

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