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Pharmaforschung

»Langer Atem lohnt«

20.03.2018  14:37 Uhr

Von Jennifer Evans, Berlin / Pharmaforscher erzählen, was sie auf ihrem Weg in die Branche erlebt haben und was sie bei ihrer Arbeit motiviert. »Research on Stage« heißt das neue Format, zu dessen Premiere der Verband der forschenden Pharma-­Unternehmen (vfa) kürzlich in Berlin eingeladen hatte.

Bis ein Medikament auf den Markt kommt, dauert es meist mehr als zehn Jahre. In dieser Zeit forschen, hoffen, verwerfen oder jubeln die Wissenschaftler, bleiben jedoch meistens im Hintergrund. Dabei hätten sie so viele spannende Geschichten zu erzählen, betonte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. An diesem Abend im Berliner Kino International stehen die Forscher im Rampenlicht. Der ideale Ort, so Fischer, um in kurzen Live-Vorträgen einige der Experten und deren persönliche Geschichte kennenzulernen.

Zum Beispiel den Mikrobiologen Dr. Nkacheh Atenchong, der über das Thema Ebola promovierte. Seit 2015 arbeitet er bei MSD – Burgwedel Biotech, in der Produktionsstätte eines Ebola-Impfstoffs. In seiner Heimat Kamerun habe er bereits sehr früh schon als Kind viele Menschen leiden sehen, so Atenchong. Damals habe er sich geschworen: »Wenn ich die Chance dazu bekomme, werde ich an Infektionskrankheiten forschen.« Obwohl Ebola lange nicht im Fokus der Wissenschaft stand, war es ihm ein persönliches Anliegen, die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen sogenannte Neglected Tropical Deseases voranzubringen. Als es in Westafrika 2014 und 2015 zum bisher größten Ebolafieber-Ausbruch in der Geschichte kam, war sein Wissen plötzlich gefragt. Dieses Ereignis habe ihm gezeigt, dass sich in der Forschung ein langer Atem lohnt, denn »irgendwann kommt der Tag, an dem jede Erkenntnis zählt«.

 

Ebenfalls in Afrika begann die Geschichte von Professor Dr. Jan van Lunzen von ViiV Healthcare. 1985 war er als Medizinstudent in Kenia und begegnete dort erstmals HIV-Infizierten. Damals habe man Betroffenen noch keine Diagnose stellen können, und »ich war viel zu häufig auf Beerdigungen«, erinnert er sich. Praktisch sein gesamtes Berufsleben hat van Lunzen HIV-Patienten behandelt und ihre Krankheit erforscht. Während man früher lediglich die Symptome lindern konnte, genüge heute bestenfalls eine einzige Tablette, um das Virus wirksam zu unterdrücken. »Dass nun HIV-infizierte Mütter gesunde Kinder zur Welt bringen können, ist ein Wunder.« Doch damit nicht genug: Bis 2030 will der Wissenschaftler die Krankheit heilen können.

 

Die Biochemikerin Dr. Gitte Neubauer ist Geschäftsführerin des Biotechnologie-Unternehmens Cellzome. Dort erforscht sie die Wirkung von Arzneimitteln auf molekularer Ebene. Neubauer freut sich immer, wenn sie ihren »Angelhaken in die Proteinsuppe werfen« darf. Die menschliche Zelle beschreibt sie als einen See, in dem 10 000 bis 20 000 Proteine herumschwimmen. Der Wirkstoff an der Angel ist ihr Köder. Zieht sie die Angel heraus, wird schnell klar, womit der Wirkstoff interagiert hat. Treffe er jenes Enzym, das er hemmen soll, produziere er eine therapeutische Wirkung. Treffe er nicht, könne er möglicherweise eine andere Wirkung verursachen. Mit diesen Erkenntnissen lassen sich präzise Medikamente entwickeln. Ihre Faszination für Naturwissenschaften sei früher im Elternhaus nicht gleich auf Verständnis gestoßen: »Meine Mutter sagte: Du brauchst nicht aufs Gymnasium, du heiratest sowieso und übernimmst den Bauernhof.« Längst hat Neubauers Familie erkannt, dass es sie viel glücklicher macht, »jeden Tag ein wenig mehr zu verstehen, wie das Leben eigentlich funktioniert«.

 

An die Kindheit erinnert sich auch Dr. Charlotte Christine Kopitz von Bayer bei ihrer täglichen Laborarbeit oft zurück, vor allem ans Puzzeln. Ihre Vorliebe fürs Problemlösen steckt die studierte Zoologin heute jedoch in die medizinische Grundlagenforschung. Zusammen mit ihrem Team entwickelt sie mithilfe kleinster Moleküle neuartige Krebstherapien. Ihre Arbeit beschreibt sie so: »Welche Puzzleteile muss ich dem Tumor wegnehmen, um ihn ins Verderben zu stürzen?« Das Spiel hat sie nie losgelassen, es bleibt sogar ihr täglicher Antrieb: »Heute puzzle ich, um Patienten zu helfen.« /

»Forscherstorys«

Die Videos der sogenannten Forscherstorys sind auf www.research-on-stage.de zu sehen. Nach Angaben des vfa werden bis Juni 2018 noch weitere Wissenschaftler ihre persönlichen Geschichten erzählen. Diese werden ebenfalls auf der Website abrufbar sein. Insgesamt sollen es bis zum Sommer mehr als ein Dutzend Beiträge werden. Zusätzlich gibt es online ergänzendes Material wie Artikel, Fotos und Podcasts rund um die Welt der Pharmaforscher.

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