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Wiedereinstieg

»Es ist wirklich ein hartes Brot«

18.03.2013
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Von Maria Pues / Nach 18 Jahren Apotheken-Abstinenz den Wiedereinstieg in den Beruf zu finden, dazu gehören Mut, Ausdauer und Glück. Ein Bericht über eine, die es geschafft hat.

Während sich in ihrem Alter manche insgeheim bereits Tagträumen hingeben, wie sie ihre rabattvertragsfreien Jahre nach dem Ende der Erwerbstätigkeit am schönsten verbringen könnten, ist Silke Meier den umgekehrten Weg gegangen. Nach 18 Jahren Apotheken-Abstinenz wagte die 50-Jährige den Schritt zurück in die öffentliche Apotheke. Die Schritte – im Plural – müsste es zutreffender heißen, denn kurz oder gar leicht ist dieser Weg nicht.

Seit einem Vierteljahr arbeitet sie inzwischen in Teilzeit in einer Apotheke im Rhein-Main-Gebiet. Dennoch komme sie immer in Situationen, in denen sie sich richtig unbeholfen fühle, erzählt sie im Gespräch mit der PZ. Deshalb möchte sie auch ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

 

Warum suchen – nicht nur – Apothekerinnen gerade diese Herausforderung? Damit dieses harte Studium nicht völlig »für die Katz’« war, lautet Meiers pragmatische Antwort. Dass sie wieder in ihrem Beruf arbeiten möchte, wenn ihre drei Kinder alt genug sind, hatte sie sich schon vor etlichen Jahren überlegt. Doch wie fängt man das an? Bereits damals begann sie, ihr Fachwissen mithilfe von Fachliteratur und durch Fortbildungsvorträge der Apothekerkammer und des -verbandes auf den neuesten Stand zu bringen. Regelmäßig habe sie auch das Fertigarzneimittelseminar besucht, das die Frankfurter Pharmaziestudenten des jeweiligen achten Semesters zweimal im Jahr sehr professionell auf die Beine stellen, erzählt sie und lobt das tolle Skript, das es dort außerdem gebe. »Natürlich habe ich auch immer die Stellenanzeigen gelesen«, berichtet sie weiter. »Aber getraut, mich zu bewerben, habe ich mich dann doch nicht.«

 

Angebote der Apothekerkammern

 

Wie viele Approbierte bundesweit nach kürzerer oder längerer Pause gern wieder in einer öffentlichen Apotheke arbeiten würden, ist nicht erfasst. Eine nicht repräsentative Nachfrage bei einzelnen Landesapothekerkammern ergibt Zahlen zwischen ein bis zwei Anfragen und rund 60 pro Jahr, die freilich auch von der Größe der jeweiligen Kammer abhängen. Allgemein kehren Apotheker nach kürzerer Pause wieder in den Beruf zurück als PTA, beobachtet man bei der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK). Bei den Approbierten pausierten die meisten zwischen fünf und zehn Jahre, bei den PTA seien es eher zehn bis 15 Jahre.

 

Nicht jeder kehre freiwillig in die Berufstätigkeit zurück, berichtet eine Kammermitarbeiterin aus ihrer Erfahrung. Manche Frau sei auch durch den frühen Tod ihres Mannes oder durch Scheidung gezwungen, wieder zu arbeiten, obwohl sie vorgehabt hatte, nur noch für ihre Familie da zu sein. Und: Es melden sich nicht nur Frauen, die nach der Familienauszeit wieder einsteigen wollen. Gelegentlich sei auch ein Mann dabei, der nach einer Zeit in der Industrie oder bei der Bundeswehr in die öffentliche Apotheke zurückkehren möchte.

Die BLAK bietet jeweils zum Frühjahr und zum Herbst gegen eine Gebühr von 250 Euro einen viertägigen Wiederein­steigerkurs für Approbierte an. Der kommende Kurs im April ist mit 30 Teilnehmern bereits ausgebucht. Im Gegensatz zu entsprechenden Ange­boten für PTA, in denen ein Schwerpunkt auf der Rezepturanfertigung liegt, stehen hier verstärkt auch aktuelle Rechts­themen auf der Tagesordnung. Der Kurs sei systematisch aufgebaut und zum Nachlernen gedacht, denn freilich könne man nicht den vollständigen Stoff in vier Tagen vermitteln. Viele Teilnehmer hätten im Nachhinein berichtet, dass sie ohne diesen Kurs nicht gewagt hätten, sich überhaupt zu bewerben.

 

Einen anderen Weg geht die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Dort gibt es »Apoprax«. Das sind pharmazeutische Arbeitszirkel, bei denen Pharmazeuten im Praktikum und approbierte Wiedereinsteiger gemeinsam mit einem Moderator praxisrelevante Beratungsthemen bearbeiten. Die zehn bis 15 Teilnehmer einer Gruppe treffen sich alle sechs Wochen samstags für zwei bis drei Stunden. Ein Protokoll hilft bei der Nacharbeitung und der praktischen Umsetzung. Aktueller Wissensstand der Hochschulen trifft Lebenserfahrung – so können beide Gruppen voneinander profitieren, sagt Patrick Schäfer, bei der Kammer zuständig für Aus-, Fort-, Weiterbildung. Informationen zu Apoprax finden sich auch auf der Homepage der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.

 

Apothekerkammern mit einer weniger lebhaften Nachfrage von pausierenden Apothekern raten ihren Wiedereinstiegswilligen, am begleitenden Unterricht für Pharmazeuten im Praktikum teilzunehmen, der zweimal im Jahr stattfindet. Hier würden alle aktuell relevanten Themen behandelt und man bekomme einen guten Einstieg. Auch hier gilt natürlich: Umfassend fit ist man nach dieser kurzen Zeit nicht. Eigeninitiative ist auch hier in hohem Maße gefordert.

 

Fallstricke: Rabattverträge und Kassensysteme

 

Es gibt aber auch Dinge, die sich in keinem Kurs vermitteln lassen. Da sind sich alle angefragten Apothekerkammern und Wiedereinsteiger einig. Kassensysteme und Rabattverträge gehören dazu. Hier raten alle Kammern, nach einer längeren Berufspause zunächst ein Praktikum in der Apotheke zu absolvieren, denn diese Materie eigne man sich am besten per »Learning by Doing« an. Nicht zuletzt deshalb, weil die Computersysteme in den Apotheken sich teilweise stark unterscheiden. Das sieht auch Silke Meier so.

 

Ihr ist das Glück zu Hilfe gekommen: Eine Apotheke, in der sie Mitarbeiter kennt, suchte schon seit einiger Zeit approbierten Zuwachs, da sich dort gleich zwei Apothekerinnen in den Ruhestand verabschieden wollten. So habe man sie gefragt. Dies habe ihr den Wiedereinstieg sehr erleichtert, sagt Meier. Aber: In der öffentlichen Apotheke ist es mit pharmazeutischem Fachwissen allein nicht getan. Um sich mit den technischen Abläufen vertraut zu machen, hat sie daher im vergangenen Jahr in dieser Apotheke zunächst ein Praktikum absolviert.

 

Ihr Fazit zum Thema Rabattverträge: »Das ist der Irrsinn, was dafür an Zeit draufgeht! Da hat man zwei von drei Arzneimitteln endlich ermittelt, dann muss das dritte doch bestellt werden, der Kunde möchte das aber nicht und nimmt das Rezept wieder mit.« In der pharmazeutischen Beratung benötige man nicht nur das Wissen, das sich durch Lektüre erwerben lasse, erzählt sie weiter. »Man muss auch die richtigen Fragen stellen, um herauszubekommen, wo der Schuh drückt und welche Informationen ein Patient benötigt.« Anders als direkt nach dem Studium bringe sie heute aber mehr Lebenserfahrung mit, die ihr im Gespräch mit den Patienten nützlich ist.

 

»Es ist aber schon ein hartes Brot«, fasst sie ihre bisherigen Erfahrungen zusammen. Heute ärgert sie sich, dass sie in den vergangenen 18 Jahren nicht wenigstens ein paar Stunden wöchentlich gearbeitet hat, »um drin zu bleiben«. »Das war eindeutig ein Fehler«, sagt sie. Der Wiedereinstieg sei außerdem mit dem ersten Tag in der Apotheke nicht abgeschlossen, sondern er fange dann erst richtig an. Immer mal wieder gibt es Situationen, in denen sie meint, alles wachse ihr über den Kopf. Aber sie bekomme viel Unterstützung von ihren Kollegen, erzählt sie. Eine Kollegin, die nach zehn Jahren wieder in den Beruf zurückgekehrt ist, habe ihr besonders Mut gemacht: »Ich hab das geschafft, und Du schaffst das auch.« / 

Zahlen und Fakten zum Arbeitsplatz Apotheke

Die Zahl der berufstätigen Apotheker hat in den vergangen zehn Jahren um 4500 zugenommen. Den größten Zuwachs verzeichnet dabei mit 50 Prozent der Bereich der Industrie, Hochschule und Verwaltung. In den öffentlichen Apotheken stieg die Zahl der Apotheker um etwa 2000. Die Zahl der Bewerber für den Studiengang Pharmazie ist jedoch seit Mitte der 1990er-Jahre rückläufig. Immer weniger Studienanfänger schließen das Pharmaziestudium ab. Die Approbationsquote ist zwischen 1999 und 2008 um fast 10 Prozent gesunken und liegt derzeit bei etwa 77 Prozent. Jährlich werden zwischen 1800 und 1900 Approbationen erteilt. Es ist anzunehmen, dass der Bedarf an qualifizierten Apothekern, der sich unter anderem aus dem altersbedingten Ausscheiden aus dem Beruf und einem Mehrbedarf ergibt, nicht zu decken sein wird. Bei gleichbleibenden Verhältnissen ergibt sich in den nächsten zehn Jahren ein Bedarf an etwa 20 000 Apothekern. Besonders die Suche nach qualifizierten Apothekenleitern wird zunehmend schwieriger, da mehr als ein Drittel der Apothekenleiter in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter erreicht.

 

Quelle: Broschüre »Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Apotheken«, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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