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Architektur

Gesund durch Design

23.03.2010
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Von Martina Janning, Berlin / In Gesundheitseinrichtungen dominiert oft nüchterne Funktionalität. Architekten möchten das ändern. Denn die Gestaltung von Gebäuden und Räumen kann das Wohlbefinden steigern. Das lässt Menschen schneller genesen, vermeidet Fehler bei der Medikamentengabe und macht sogar Lust auf einen Zahnarztbesuch.

Kliniken, aber auch Pflegeheime, Arztpraxen und andere Gesundheitseinrichtungen erwecken oft den Eindruck, als ob sie Menschen eher kränker als gesund machen. Dabei gibt es inzwischen einige Belege dafür, dass sich durch Architektur und Gestaltung das Wohlbefinden steigern und Heilungsprozesse fördern lassen.

Eine dem Tageslicht ähnliche Be­leuchtung kann zum Beispiel Stress mindern und Depressionen vorbeugen. Grafische Wandmuster erhöhen die Konzentration und beeinflussen das Schmerzem­pfinden. Sie könnten im Kranken­haus sogar Fehler bei der Dosie­rung von Arzneimitteln vermeiden, berichtete der Architekt Professor Michael Mullins von der Universität Aalborg in Dänemark auf dem Symposium »Health Care der Zukunft« in Berlin. Dort diskutierten Architekten und Mediziner über den Einfluss von Design auf die Gesundheit.

 

Beispiel Pflegeheim: Welcher Grundriss eignet sich am besten für Demenzkranke, fragte sich der Gerontologe Professor Dr. Matthias Riepe und ließ Heimbewohner Probe gehen. Die Anzahl der gemachten Fehler lieferte eindeutige Ergebnisse. »Gerade Routen sind viel einfacher für Menschen mit kognitiven Einschränkungen«, erklärte der Leiter der Sektion Gerontopsychiatrie der Universität Ulm. Außerdem sei eine konstante Umgebung für Demenzpatienten sehr wichtig, da es ihnen schwerfalle, räumliche Informationen zu verarbeiten. Verändert sich ein Stimulus – etwa, indem eine Palme weggeräumt wird – verlieren Menschen mit Demenz schnell die Orientierung. Offenbar macht es sogar Sinn, Räume geschlechtsspezifisch zu gestalten. In Versuchen mit Mäusen fänden weibliche Tiere schwerer aus einem Labyrinth heraus, erläuterte Riepe. »Sie bleiben stehen, während männliche Tiere einfach loslaufen und nicht mehr zu bremsen sind.« Dies zeige, dass männliche und weibliche Gehirne Informationen verschieden verarbeiten.

 

Design, das Schmerzen lindert

 

Professor Alan Dilani von der International Academy für Health & Design in Stockholm bestätigte das. »Frauen können schneller wechseln zwischen der linken und rechten Hirnhälfte«, sagte der Experte für psychologische und soziale Auswirkungen von Gebäudedesign. Er betonte, wie wichtig es für das Wohlbefinden sei, beide Gehirnhälften gleichermaßen zu benutzen. Denn jede Hirnhälfte hat eine bestimmte Hauptaufgabe: Die linke ist vorwiegend auf Sprache, Analytik und Abstraktion spezialisiert, die rechte ist mehr für bildhaftes Denken und Intuition zuständig. Die beiden Gehirnhälften wechseln sich in einem bestimmten Rhythmus in ihrer Dominanz ab. Am leistungsfähigsten ist das Gehirn, wenn beide Hälften synchron arbeiten.

 

Dilani hat dieses Wissen in seine »salutogenetischen« Gestaltungsprinzipien einfließen lassen, in denen ein weiterer Ansatz eine große Rolle spielt. Danach bevorzugen Menschen Landschaften, die sowohl einen offenen Blick als auch Stellen zum Verstecken bieten und die einerseits einfach zu verstehen sind, aber das Gehirn anderseits stimulieren. Gärten und Grünpflanzen, auch in Form von bepflanzten Wänden, und fließendes Wasser entspannen, indem sie beruhigen und anregen.

 

Salutogenetisches Design vermag aber nicht nur das Wohlbefinden von Menschen zu steigern. Es könne sogar Schmerzen lindern und dadurch Medikamente einsparen, sagte Dilani. Eine US-amerikanische Untersuchung gibt ihm recht. Demnach wurden operierte Patienten, die von ihrem Fenster aus auf Bäume schauen konnten, schneller gesund als solche, die auf eine Ziegelmauer blickten. Sie konnten die Klinik eher verlassen, brauchten weniger starke Schmerzmittel, und postchirurgische Komplikationen traten seltener auf.

 

Zum Strandbesuch beim Zahnarzt

 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für eine Zahnarztpraxis, in der Menschen sich wohl fühlen, präsentierte Thomas Willemeit von Graft Architekten. In der »KU 64«, so der Name der Praxis in Berlin, ist der Wartebereich wie ein Strand gestaltet: Dünen zum Hineinlegen, Mulden zum Verschwinden und der Ausblick auf den Kurfürstendamm ersetzt den Blick aufs Meer. Damit es gut riecht, verbreitet ein Kamin den Duft von offenem Feuer und an einer Bar wird alle 15 Minuten Kaffee gemahlen.

 

Das Konzept der Praxis sei so erfolgreich, dass der Zahnarzt seine Praxisfläche inzwischen auf 2000 Quadratmeter verdoppelt habe, berichtete Willemeit. Der neue Teil ist speziell auf Kinder zugeschnitten – mit Comiclandschaften und ungewöhnlichen Möbeln und Spielereien. »Wir stehen vor einer Revolution im Gesundheitswesen«, glaubt der Architekt. »In den nächsten zehn bis 15 Jahren werden wir sehr andersartige Gebäude und Räume sehen.« Warum sollte das nicht auch für Apotheken gelten? / 

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