Pharmazeutische Zeitung online
Selbstmedikation

Beratung nur durch Arzt und Apotheker

08.04.2008  17:36 Uhr

Selbstmedikation

Beratung nur durch Arzt und Apotheker

Von Daniela Biermann, Berlin

 

Der OTC-Bereich ist ein hart umkämpfter Markt. Die Hersteller selbst dürfen die Patienten nicht über ihre Produkte informieren. Das ist auch gut so, sind sich Experten einig.

 

Für die pharmazeutische Industrie könnte es besser laufen. Zumindest was den OTC-Markt angeht, also den Absatz von apothekenpflichtigen Medikamenten. Laut IMS-Health sank die Anzahl der verkauften Packungen im Jahr 2007 um 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das nahm der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zum Anlass, sich das Thema Selbstmedikation auf seiner Mitgliederversammlung genauer anzuschauen. 

 

Selbstmedikation im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet, dass der Patient sich selbst mit Medikamenten versorgt, also seine Auswahl allein trifft. Doch dazu braucht er unabhängige Informationen. Nach dem Heilmittelwerbegesetz dürfen die Hersteller OTC-Präparate zwar bewerben, den Patienten jedoch nicht beispielsweise über Studien informieren. Zwar forderte der BPI, das Heilmittelwerbegesetz für die Selbstmedikation zu lockern und »dem bewussten Verbraucher anzupassen«. Doch wolle man auch dem Apotheker den Rücken stärken, sagte Hauptgeschäftsführer Henning Fahrenkamp: »Der BPI steht uneingeschränkt zur Beratungskompetenz des Apothekers.« Manfred Kreisch, Vorstandsmitglied der BPI-Fachabteilung Selbstmedikation, bestätigte dies: »Die besondere Ware Arzneimittel, insbesondere die Präparate der Selbstmedikation brauchen eine qualitativ hochwertige Beratung. Hier stehen Arzt und Apotheker im Vordergrund.«

 

Als Vertriebsweg der Wahl sieht der BPI weiterhin die Apotheke vor Ort. »Der BPI bekennt sich eindeutig zur inhabergeführten Apotheke, da sich das System bewährt hat und hier aktiver Verbraucherschutz praktiziert wird«, sagte Kreisch.

 

Keine Medikamente in Drogerien

 

Bei  Medikamenten zur Selbstmedikation ist für Dr. Stefan Etgeton vom Verbraucherzentrale Bundesverband der Apotheker der erste Ansprechpartner. »Bei der Beratungsqualität hat sich in den vergangenen Jahren viel getan«, sagte Etgeton. Allerdings kritisierte er, dass Apotheken »in Drogeriemarkt-Optik« und die »zunehmende Vermarktwirtschaftlichung« dem Ansehen des Arzneimittels als besonderem Gut schadeten. Er wolle keine Arzneimittel in Drogerien, vor allem nicht ohne fachkundige Beratung. Zwar rechnet Etgeton mit Preisvorteilen und einer höheren Verbrauchersouveränität, doch die Hürde für den unreflektierten Konsum werde niedriger. Ähnlich kritisch sieht Etgeton den Versandhandel. Hier werde nicht proaktiv beraten.

 

Von der Industrie wünscht er sich mehr Daten über deren Produkte: »Alle Studien gehören ins Netz«, fordert er. Dieser Meinung war auch Professor Dr. Ingrid Mühlhauser vom Lehrstuhl Gesundheit an der Universität Hamburg. Patienten hätten bereits eine Petition in den Bundestag eingereicht, in der sie Studien und Leitlinien in verständlicher Sprache fordern. »Der Patient hat ein Recht auf alle Informationen«, sagte sie. Der BPI bekräftigte, er würde die Daten gern zur Verfügung stellen, wenn er dies dürfte. »Die Studien der Industrie sind uns willkommen, aber als Absender sind die Hersteller ungeeignet«, sagte Etgeton. Es benötige dazu unabhängige Informationsvermittler wie Patientenorganisationen oder Apotheker.

 

OTC auf Rezept

 

22 Prozent des Umsatzes mit OTC-Präparaten gehen noch auf ärztliche Verordnungen zurück. Durch das GKV-Modernisierungsgesetz brachen 2004 die Verschreibungen von apothekenpflichtigen Arzneimitteln ein (2003 lag der Anteil bei 39 Prozent). Der Arzt darf seitdem OTC-Medikamente nur noch in Ausnahmen und für Kinder unter 12 Jahren zulasten der Krankenkassen verordnen. Alles andere muss er dem Patienten auf einem Privatrezept oder einem grünen Rezept aufschreiben. Letzteres ist dem rosa Kassenrezept nachempfunden und soll dem Patienten als Merkhilfe dienen.

 

»Die Gestaltung kommt uns entgegen«, sagte Dr. Wolfram Kreutz, niedergelassener Arzt in Düsseldorf. Zwar ist es nur eine Empfehlung des Arztes, die er genauso gut mündlich machen oder auf einem Notizzettel notieren könnte. Für den Patienten hat es aber offizielleren Charakter. Kreutz sieht es »als Ritual für Patienten und Ärzte«. Es dokumentiert die Medikation und bindet den Patienten an den Arzt. Der Patient vergisst den Namen des em-pfohlenen Präparats nicht so schnell. Allerdings sollte der Arzt noch einmal darauf hinweisen, dass es sich nicht um ein erstattungsfähiges Kassenrezept handelt. »Sonst gibt es in der Apotheke für den Patienten ein böses Erwachen«, so Kreutz.

 

Um Patienten in finanziellen Nöten nicht zu belasten, schreiben Ärzte laut einer Studie von tns Healthcare in bis zu 14 Prozent der Fälle sogar ein verschreibungspflichtiges und damit erstattungsfähiges Medikament auf, obwohl ein Mittel aus der Selbstmedikation als ebenso gut geeignet erscheint. Das bedauern sowohl BPI als auch die Verbraucherschützer.

Mehr von Avoxa