Pharmazeutische Zeitung Online
AMK

Mit Photosensitizern und Licht heilen

17.03.2006
Datenschutz bei der PZ

Photodynamische Therapie

Mit Photosensitizern und Licht heilen

von Anja Friederike Hofner, Maximiliansau

 

Aktuell werden zahlreiche sehr unterschiedliche neue Anwendungsfelder für die photodynamische Therapie erprobt. Diese in der Allgemeinheit wenig bekannte medizinische Methode entspringt aus der kombinierten Anwendung verschiedener Naturwissenschaften.

 

Bei der photodynamischen Therapie handelt es sich um die Kombination eines physikalischen und eines chemischen Wirkprinzips zur Zerstörung unerwünschter Gewebe, zum Beispiel von Tumoren, Dysplasien oder Gefäßen. Ein für sich genommen wirkungsloser Stoff mit bestimmten Strukturvoraussetzungen (Photosensitizer) wird an ein Gewebe appliziert, wo er sich möglichst selektiv an die zu entfernenden Zellen binden soll. Nach einer gewissen Einwirkungszeit wird durch Bestrahlung mit (Laser-)Licht spezifisch Energie zugeführt. Ungepaarte Elektronen des Photosensitizers nehmen diese auf, verändern ihren Energiezustand und werden hoch reaktiv.

 

Dadurch kommt es einerseits in einer photooxidativen Reaktion vom so genannten Typ I zu direkten Wechselwirkungen des angeregten Moleküls mit dem Gewebe, die über Redox- und Radikalkettenreaktionen Zellschäden verursachen. Zudem entsteht in einer Reaktion vom Typ II durch Energieübertragung auf zellulären molekularen Sauerstoff der radikalähnlich hoch reaktive Singulettsauerstoff. Er oxidiert Aminosäuren, Nukleinsäuren sowie ungesättigte Fette und Fettsäuren und ist hauptverantwortlich für die Zytotoxizität (1). Danach fällt der Photosensitizer wie beim Fluoreszieren in seinen energetischen Grundzustand zurück, in dem er weitere Lichtquanten absorbieren kann. Angrenzende Zellen, die keinen Photosensitizer enthalten, werden durch die Bestrahlung allein nicht geschädigt. 

 

Zahlreiche Substanzen können als Photosensitizer dienen, darunter viele Farbstoffe wie Acridinorange, Methylenblau oder Sudanrot III. Phototoxische Effekte einiger Pflanzen wie Herkulesstaude oder Johanniskraut sind seit langem bekannt, wenn sie auch großteils auf anderen Mechanismen beruhen. Die meisten dieser Pflanzeninhaltsstoffe oder synthetischen Wirkstoffe sind jedoch unselektiv, zu toxisch in der allgemeinen Anwendung oder scheitern aus anderen Gründen in der Evaluation.

 

Die Entwicklung und Prüfung von Photosensitizern ist kompliziert, weil nicht nur der Wirkstoff allein evaluiert wird, sondern vielmehr die Kombination des Wirkstoffs mit einer auf ihn abgestimmten Lichtquelle. Dies erschwert die Zuordnung einzelner, besonders unerwünschter Effekte. Hinzu kommt der rechtliche Aspekt, da gleichzeitig Zulassungsverfahren für ein Arzneimittel und ein Medizinprodukt durchlaufen werden müssen.

 

Physiologische Grundlagen

 

Der wohl bekannteste und am weitesten verbreitete Stoff, der durch Lichtstrahlung angeregt wird, ist das Chlorophyll. Ein Magnesiumzentralatom ist an einen Porphyrinring gebunden, der die Lichtstrahlung aufnimmt. Dieses Porphyrinringsystem ist das zentrale Prinzip für die Photodynamik.

 

Auch im menschlichen Körper sind Porphyrinproteine ubiquitär, insbesondere das Häm. Es fungiert als prosthetische Gruppe in den essenziellen Proteinen Hämoglobin, Katalase, Peroxidase und den Cytochromen. Die Biosynthese von Häm beginnt in den Mitochondrien mit der Bildung von 5-Amino-Lävulinsäure (5-ALA) aus Glycin und Succinyl-CoA. Dabei ist die Aktivität der Aminolävulinsäuresynthase (ALAS) der kritische geschwindigkeits- und mengenbestimmende Schritt. ALA verlässt das Mitochondrium und wird über verschiedene Zwischenschritte im Zytoplasma (Porphobilinogen, Uroporphyrinogen III, Coproporphyrinogen III ) weiterverarbeitet. Nach Wiederaufnahme in die Mitochondrien entsteht dort letztlich das Protoporphyrin IX, einer der stärksten bekannten Photosensitizer, und daraus das Häm.

 

Häm wirkt im Sinne einer negativen Rückkoppelung auf die Aktivität der ALAS ein, so dass die Synthese zum Erliegen kommt und erst bei Hämverbrauch wieder aufgenommen wird. Vererbte Störungen der Rückkoppelungskette haben verheerende Folgen. In den Zellen reichern sich Porphyrine an, werden durch Sonnenlichtexposition aktiviert und führen zu massiven Gewebezerstörungen. Verschiedene dieser Syndrome sind unter dem Namen »Porphyrien« bekannt.

 

Dieser pathologische Effekt wird therapeutisch genutzt, um unerwünschtes Zellmaterial zu zerstören. Die einfachste Möglichkeit ist, den physiologischen Feedbackmechanismus durch exogene Zufuhr von ALA zu unterlaufen. Da dies durch Art und Ort der Anwendung sehr gezielt gesteuert werden kann, ergeben sich vielfältige Anwendungsgebiete. ALA reichert sich in Tumorzellen leicht an, etwa um den Faktor 1,3 im Vergleich zu gesunder Haut. Dies erlaubt sowohl einen therapeutischen als auch einen diagnostischen Effekt, da mittels Fluoreszenzdiagnostik betroffene Areale sicherer identifiziert werden können als mit normalen optischen Methoden. So wurde in der Berliner Charité eine ALA-basierte Methode zur Fluoreszenz-Zystoskopie von Harnblasenkarzinomen und deren Vorstufen entwickelt, die der herkömmlichen Weißlicht-Zystoskopie um etwa 20 Prozent überlegen ist (2).

 

ALA ist der Ausgangsstoff, mit dem viele experimentelle Arbeiten durchgeführt wurden und werden. Vergleicht man die verfügbaren Photosensitizer, bietet ALA einige Vorteile. Sie ist einfach anzuwenden und die Haut ist nur ein bis zwei Tage lang lichtempfindlich. Allerdings ist sie nur wenig selektiv für Tumorgewebe und hat nur eine geringe Wirkungstiefe von maximal 2 mm. Darüber hinaus können systemische Nebenwirkungen wie Leberfunktionsstörungen, Hypotonie und Erbrechen auftreten.

 

Laut Roter Liste sind vier Fertigarzneimittel in Deutschland zur PDT zugelassen, jedes in einem anderen Therapiegebiet: MAOP oder Methyl-(5-amino-4-oxopentanoat). Porfimer-Natrium, Verteporfin und Temoporfin.

 

Behandlung von Hauttumoren

 

Der Wirkstoff, der ALA chemisch am nächsten steht, ist MAOP, der Methylester der 5-Aminolävulinsäure. Auf Grund der höheren Lipophilie dringt MAOP schneller und in höheren Konzentrationen in Zellen ein. Zudem reichert sich der Wirkstoff in murinen Spinaliomzellen, menschlichen Basaliomzellen und aktinischen Keratosen selektiver an als ALA (Faktor 3,8 im Vergleich zu normalen Hautzellen [3]). MAOP (Beispiel: Metvix®) ist in Verbindung mit der LED-Rotlichtlampe Aktilite® zugelassen zur Therapie von aktinischen Keratosen, Basaliomen und seit kurzem (in 22 europäischen Ländern) auch für die Indikation Morbus Bowen.

 

Oberflächliche Hauttumoren sind häufig an der Oberfläche verhornt. Daher wird zunächst das nekrotische oder verhornte Gewebe mit Hilfe eines scharfen Löffels abgetragen. Auf die betroffenen Areale und in einem Umkreis von 10 mm wird eine ALA- oder MAOP-haltige Creme dick aufgetragen. Nach mehrstündiger Einwirkzeit wird der Cremeüberschuss entfernt und das Areal bestrahlt. Zur Vermeidung einer thermischen Belastung der Haut durch die Wärmestrahlung, die zu sehr unangenehmer Hitzeempfindung führt, wurde eine spezielle Lampe aus LED-Leuchtdioden entwickelt, die eine kalte Rotstrahlung definierter Wellenlänge (Peak: 630 +/- 3nm) und definierter Energiedichte abstrahlen. Je nach Behandlungsareal stehen zwei Lampengrößen zur Verfügung.

 

Basierend auf Erfahrungswerten besteht die Therapie meist aus zwei Sitzungen im Abstand von einer Woche, die Behandlung kann jedoch beliebig oft wiederholt werden (3). Durch die zellulären Reaktionen kommt es zur Apoptose und Nekrose der malignen Zellen.

 

Die Gewebedestruktionen können so tief reichen, wie Zellen vorhanden sind, in denen sich der Photosensitizer befindet und zu denen das Anregungslicht vordringen kann. Dies kann auch in der Nähe liegende Blutgefäße betreffen. Gleichzeitig setzt eine Entzündungsreaktion ein, die wahrscheinlich auf einem immunologischen Effekt basiert.

 

Auf dem Areal entstehen Erytheme, Ödeme oder tiefere Wunden, die nässen oder verkrusten können. Verbände sind nicht direkt nötig, können aber zum Schutz der Kleidung angelegt werden. Nach mehreren Tagen verschorfen die Wunden. Da die Wundheilung aus dem gesunden Gewebe heraus erfolgt, ist die neu gebildete Haut glatt und gesund. Der kosmetische Effekt ist einer der Hauptvorteile der PDT, da keine Kollageninduktion und damit keine Narbenbildung folgen. Die beobachteten Komplettremissionsraten liegen bei etwa 90 Prozent nach drei Monaten (etwa 15 zitierte Studien in [3]).

 

Der ebenfalls synthetische Porphyrin-basierte Wirkstoff Temoporfin (Beispiel: Foscan®) ist zur Behandlung von Plattenepithelkarzinomen an Kopf und Hals zugelassen. Er wird palliativ als Second-line- oder als Alternativtherapie eingesetzt, wenn andere Methoden nicht geeignet sind. Studienergebnisse zeigen, dass durchaus kurative Effekte mit Tumoreradikation und verlängerten Überlebenszeiten erzielt werden (4). Der Wirkstoff wird intravenös appliziert und die Dysplasie dann von außen oder von der Innenseite mit Hilfe eines Endoskops bestrahlt. Bei manchen Tumorlokalisationen, zum Beispiel in der Mundhöhle, können beide Varianten infrage kommen.

 

PDT bei Frühkarzinomen der Lunge

 

Generell bieten sich als Indikationen für die PDT neben den direkten Hauttumoren auch andere leicht der Bestrahlung zugängliche, also primär epitheliale Tumoren an. Die Verwendung von lichtleitenden biegsamen Glasfaserkabeln ermöglicht die Bestrahlung in Körperhöhlen, angefangen von der Mundhöhle über die Speiseröhre bis hin zu Gallenblase, Harnblase und -leiter sowie Uterus.

 

Zugelassen ist in Deutschland momentan nur eine Anwendung im Bereich der Lunge. Der Wirkstoff Porfimer-Natrium (Beispiel: Photofrin®) gilt als Therapiealternative für inoperable, nicht kleinzellige endobronchiale Frühkarzinome.

 

Im Gegensatz zu den Monosubstanzen ist Porfimer-Natrium eine komplexe Mischung von Porphyrin-Oligomeren. Nach intravenöser Gabe reichert sich Porfimer in den Krebszellen an. Die Laserlichtbehandlung erfolgt mit Hilfe eines Bronchoskops. Spätestens zwei Tage nach der Bestrahlung muss sämtliches nekrotische und koagulierte Gewebe bronchoskopisch entfernt werden. Patienten mit Geschwulstresten nach dem Debridement können bereits 96 Stunden nach der ersten Behandlung nochmals mit der gleichen Dosis bestrahlt werden, ohne dass eine weitere Infusion notwendig wird. Bis zu drei Therapiezyklen jeweils im Abstand von 30 Tagen sind möglich (5). Steroide, die 24 bis 48 Stunden nach der Bestrahlung verabreicht wurden, förderten die antitumoröse Wirkung, während gleichzeitig verabreichte Steroide den Effekt der PDT hemmten (5). Die lange Wirkdauer von Porfimer ist auch verantwortlich für den Hauptnachteil des Arzneistoffs: eine relativ lange Photosensibiliät der Haut von etwa vier bis sechs Wochen. Eine europäische Zulassung existiert für Porfimer-Natrium für die Indikation des Barrett-Ösophagus. Die prämaligne Dysplasie des Ösophagus kann zu Adenokarzinomen entarten, wobei die PDT mit Porfimer diesem Prozess effektiv entgegenwirkt (6). In Deutschland ist dafür aber kein Fertigarzneimittel im Handel.

 

Einsatz am Auge bei AMD

 

Häufigste Ursache für Neuerblindungen im Alter ist die altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Die schmerzfreie Erkrankung bleibt oft lange unerkannt, da sich die Symptome nur langsam bemerkbar machen und anfangs vom gesunden Auge kompensiert werden. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko einer AMD rapide an. Liegt es für Menschen zwischen 55 und 65 Jahren bei etwa 16 Prozent, beträgt es zwischen 75 und 85 Jahren über 40 Prozent. Bei 10 bis 20 Prozent der Patienten kommt es zu einer besonders aggressiven, der feuchten Verlaufsform, die unbehandelt schnell zum Visusverlust führen kann. Angeregt von Ablagerungen unter der Netzhaut beginnen irreguläre Gefäße aus der Aderhaut unter die Netzhaut einzusprossen (chorioidale Neovaskularisation). Seröse Flüssigkeit und Blut unter der Netzhaut können Zellen irreversibel schädigen. Diese neuen Gefäße können mit Hilfe der PDT unblutig verödet werden (7).

 

In Deutschland ist als einziger Arzneistoff in dieser Indikation der synthetische grüne Farbstoff Verteporfin zugelassen (Beispiel: Visudyne®). Er wird als Infusion über die Armvene verabreicht und reichert sich in den krankhaften undichten Blutgefäßen an. Der erkrankte Netzhautbereich wird dann 83 Sekunden lang belichtet. Die PDT wird ambulant durchgeführt. Nach drei Monaten ist eine Kontrolluntersuchung erforderlich. Einzige Einschränkung für den Patienten: Nach der Behandlung sollte er für mindestens 48 Stunden eine spezielle Sonnenbrille sowie langärmelige Kleidung tragen und auf direkte Sonneneinstrahlung verzichten, weil der Körper bis zu zwei Tage nach der Behandlung empfindlich auf helles Licht reagiert.

 

Fünf Jahre klinische Anwendung mit über einer Million Behandlungen weltweit haben gezeigt, dass bei den meisten der mit der PDT behandelten Patienten das Sehvermögen über Jahre hinweg stabil bleibt. Die Mehrheit hatte nach fünf Jahren immer noch eine bessere und stabilere Sehfähigkeit als unbehandelte Patienten nach drei Monaten (8).

 

Lasertechnik

 

Bei der Wahl der Bestrahlungswellenlänge sind mehrere Eigenschaften des Lichts abzuwägen. Einerseits wird möglichst energiereiches, also kurzwelliges Licht gewünscht, das auch die Absorptionsmaxima trifft, andererseits nimmt mit der Wellenlänge die Eindringtiefe des Lichts in die Haut zu. Auf Grund physiologischer Effekt (Ablenkung durch Strukturen, spezifische Absorption verschiedener Moleküle) kann jedoch keine einfache Korrelation hergestellt werden.

 

Wegen der erreichbaren Tiefenwirkung hat sich das Rotlicht in der Praxis als am besten geeignet erwiesen. Wichtig ist die Vermeidung thermischer Effekte, da Hitze- und mögliche Infrarotstrahlung den Patienten unnötige Schmerzen bereiten. Zudem müssen Bestrahlungswellenlänge und Energieabgabe gut dosierbar sein, was bei der heutigen Technik kein Problem darstellt.

 

Die Einführung gepulster Farblichtlaser, gerade in Kombination mit ALA, reduzierte die Rate an Nebenwirkungen (9) und ermöglichte die Anwendung auch im kosmetischen Bereich. Gerade in den USA werden nicht nur aktinische Keratosen, sondern auch therapieresistente Akne, aktinische Cheilitis (Lippenentzündung), Talgdrüsenhyperplasien und Lichen (»Knötchenflechte«) photodynamisch behandelt (9).

 

Probleme und Nebenwirkungen

 

Bei der Beurteilung der Nebenwirkungen der PDT sind grundsätzlich systemisch bedingte und arzneistoff- oder indikationsabhängige Effekte zu betrachten.

 

Essenziell scheint eine durch die Bestrahlung ausgelöste Entzündungsreaktion zu sein, die zu starken Schmerzen während und nach der Bestrahlung führt. Sie wird über diverse Entzündungsmediatoren vermittelt, die bei der Zellvernichtung unweigerlich entstehen. Entzündungshemmung, beispielsweise durch Acetylsalicylsäure, scheint die Wirksamkeit der Therapie zu beeinträchtigen, so dass allenfalls eine Kühlung durch fein verteilte Wassersprays, die Gabe von Paracetamol oder Metamizol oder ein lokalanästhetischer Ringblock mit Xylocain um die behandelten Areale empfohlen werden kann.

 

Effekte wie Ödeme, Krustenbildung und Nässe oder die notwendige bronchoskopische Entfernung nekrotischen Gewebes aus der Lunge sind ebenfalls durch das Zellsterben bedingt und unvermeidlich. Gerade bei Behandlungen im Kopf- und Halsbereich, insbesondere bei Mehrfachläsionen, führt dies zu einer »Entstellung« des Patienten, die mehrere Tage bis drei Wochen anhalten kann. Der anschließende kosmetische Effekt ist unvergleichlich: Die Haut heilt nicht nur narbenfrei ab, sondern es kommt zu einer optischen Verjüngung der behandelten Hautflächen, so dass in den USA das Schlagwort der »Photorejuvenation« geprägt wurde.

 

Auch die anhaltende Lichtempfindlichkeit ist systemisch bedingt. Ihre Dauer und damit auch der Zwang für die Patienten zu Sonnenschutz und Sonnenbrille hängen vom verwendeten Wirkstoff und der Applikationsart (lokal/systemisch) ab. Bei Porfimer-Natrium beträgt sie etwa 30 Tage.

 

Bei intravenöser Anwendung des Photosensitizers werden Kopfschmerzen, Erbrechen, Übelkeit, Schwindel und Fieber sowie vermehrte Sputumbildung, Atemprobleme, Husten, Thoraxschmerzen und Lungenthrombosen nach pulmonaler Behandlung beobachtet. Solche Nebenwirkungen sind immer im Gesamtkontext von Erkrankung und Bronchoskopie zu sehen.

 

Mögliche Langzeitwirkungen durch DNA-Schäden schließt der MAOP-Hersteller aus (3). Die meisten Photosensibilisatoren seien nicht in der Lage, in den Zellkern zu penetrieren. Zudem habe der im Zytoplasma entstehende Singulettsauerstoff wegen seiner relativ kurzen Lebensdauer von circa 0,01 Mikrosekunden nur einen Aktionsradius von etwa 10 nm. Trotz der theoretischen Plausibilität dieser Argumentation werden wohl erst in einigen Jahren konkrete Aussagen möglich sein.

 

Indikationen in Entwicklung

 

PDT ist - entsprechend ihrem Prinzip - eine vielseitig einsetzbare, die Fantasie anregende Methode. Daher verwundert es nicht, dass zahllose unterschiedliche Indikationen und Verbesserungsmöglichkeiten evaluiert werden. Nachfolgend wird eine bunte Auswahl von Indikationen genannt, die kürzlich publiziert wurden.

 

Die Optimierung der galenischen Eigenschaften soll in bewährten Indikationen Vorteile bringen. Durch Applikation von Liposomen sollen die Wirkstoffe schneller und besser in den Intrazellulärraum eindringen können. Für Temoporfin gibt es bereits ein liposomales Tochterpräparat, das von der thüringischen Herstellerfirma in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie der Universität Jena entwickelt wurde. Laut Unternehmensangaben wurde in den USA gerade eine Zulassungsstudie mit Foslip® begonnen.

 

Gallenwegskarzinome

Gute Ergebnisse hat die PDT mit Porfimer nicht nur bei Lungenkrebs, sondern auch bei Gallenwegskarzinomen gezeigt (10). Damit können bereits verschlossene Gallengänge wieder eröffnet werden. Gallengangskarzinome sind zwar meist relativ klein und lokal begrenzt, wenn sie entdeckt werden. Trotzdem kommt es durch Befall der segmentalen intrahepatischen Gallenwege oder der Arterienäste beider Leberlappen häufig zu fatalen mechanischen Komplikationen. Die Überlebenszeit beträgt nur wenige Monate. Die PDT wirkt vorwiegend auf die Tumorzellen; die Gallengangwände bleiben intakt. Die Lichtenergiedosis wird wie beim Bronchialkarzinom aus der Tumorlänge berechnet (100 mW, 200 J/cm Stenoselänge). Oft ist eine zweite Laserlichtbehandlung nach 24 bis 48 Stunden notwendig. Dann wird die Tumorstenose ballondilatiert und eine Plastikendoprothese eingelegt. Bei 75 Prozent der Patienten wirkt die Therapie. In der Regel ist keine komplette Tumoreradikation möglich und die PDT muss halbjährlich wiederholt werden (10).

 

Prostatakarzinome

Prostatakarzinome sind einer transurethralen Belichtung gut zugänglich. In einer Pilotstudie wurden sechs Männer mit einer neuen Substanz behandelt und an einzelnen Punkten bestrahlt (11). Der Marker PSA fiel um 67 Prozent; Biopsien der behandelten Areale nach einem bis zwei Monaten ergaben Nekrosen und Fibrosen an den belichteten Stellen (Proof-of-concept-Studie).

 

Restenosierung

Im Tierversuch konnte die Proliferation von Glattmuskelzellen in den Wänden der Koronargefäße (Restenosierung) durch die PDT mit einer experimentellen Substanz gehemmt werden. Nach künstlicher Gefäßverletzung bei Schweinen wurde über einen Koronarkatheter gezielt das verletzte Gefäß belichtet. Die Gefäßwanddicke war im Vergleich zu unbelichteten Kontrollgefäßen signifikant reduziert und das Gefäßlumen um 50 bis 60 Prozent weiter, ohne dass Aneurysmen oder Thrombosen entstanden (12).

 

Zahnfleischerkrankungen

Die Entdeckung, dass auch manche Prokaryonten von Natur aus Porphyrine enthalten, führte zu Versuchen in der antibakteriellen Lokaltherapie von Parodontose und Periodontitis (Entzündung der Zahnwurzelhaut). Diese werden von anaeroben Species verursacht, die in der Regel nicht auf gängige Antibiotika ansprechen. Schon die Bestrahlung mit energieintensivem Blaulicht führte zu klinischen Erfolgen, aber auch der Einsatz von Photosensitizern wird evaluiert. In einem In-vitro-Experiment führte die Bestrahlung von Streptococcus-mutans-Kulturen nach Erythrosingabe zu einer effektiveren Eradikation des Biofilms als mit Methylenblau oder Porfimer (13).

 

Osteomyelitis

Die Osteomyelitis, eine potenziell fatale akute oder chronische Entzündung der Knochenstrukturen, ist bakteriell oder durch Pilze bedingt. Die zunehmende Zahl resistenter Keime erfordert Alternativen zur konventionellen antibiotisch-chirurgischen Therapie. Sowohl in vitro als auch im Tiermodell (Ratten-Tibia) wurden bei Staphylococcus aureus gute Erfolge mit PDT erzielt. (14).

 

Cellulite

Nach Aussagen der Herstellerfirma von Foscan® sollen gute Ergebnisse mit Temoporfin in der Ästhetik (Fettentfernung und Hautstraffung) und besonders bei Cellulite erzielt worden sein, was als Behandlungsnebenwirkung beobachtet wurde (15). So soll die Cellulite bereits bei einmaliger Behandlung ohne Nebenwirkungen oder Schmerzen deutlich reduziert werden. Entsprechende Studien werden zurzeit initiiert.

 

Schon vor 100 Jahren beobachtet

 

Interessanterweise ist die Kenntnis des Wirkprinzips ebenso wie der moderne Name alles andere als neu. Bereits vor gut 100 Jahren beobachtete Oscar Raab, ein Student am Pharmakologischen Institut der Universität München, die »photodynamische Wirkung« an Pantoffeltierchen, die nach Farbstoffexposition unter Lichteinwirkung nur wenige Sekunden überlebten. Der damalige Direktor Hermann von Tappeiner war wenig später am ersten Fallbericht über die photodynamische Therapie eines Basalzellkarzinoms unter topischer Applikation von Eosin beteiligt (16). Diese Erkenntnisse wurden lange wenig beachtet.

 

In den frühen sechziger Jahren wurde dann die heutige Ära der PDT an der amerikanischen Mayo Clinic begründet (17). Man verwendete eine von Samuel Schwartz hergestellte und von ihm als Hämatoporphyrinderivat (HPD) benannte Porphyrinmischung. Auch dies ist immerhin fast 50 Jahre her.

Literatur

<typolist type="1">

Foote, C. S., Mechanisms of photosensitized oxidation. There are several different types of photosensitized oxidation which may be important in biological systems. Science 162, Nr. 857 (1968) 963-970.

Daniltchenko, D., et al., Der Stellenwert der ALA-(5-Amino-Lävulinsäure)-Fluoreszenzdetektion für die Prognose des oberflächlichen Blasenkarzinoms. Eine 1-Jahres-Überlebensanalyse. Aktuel. Urol. 35 (2004) 497-501.

Wissenschaftliche Basisinformation Metvix/Aktilite. 3. Auflage 04/2004. Erhältlich über Galderma Laboratorium GmbH, Vichystraße 9, 76646 Bruchsal, www.galderma.de

Kubler, A., et al., Analysis of cost effectiveness of photodynamic therapy with Foscan (Foscan-PDT) in comparison with palliative chemotherapy in patients with advanced head-neck tumors in Germany. Laryngorhinootologie 84, Nr. 10 (2005) 725-732.

Fachinformation Photofrin®, Stand Juli 2001, erhältlich über: Rote Liste Service GmbH, FachInfo-Service, Postfach 110171, 10831 Berlin.

Overholt, B. F., et al., Photodynamic therapy with porfimer sodium for ablation of high-grade dysplasia in Barrett‹s esophagus: international, partially blinded, randomized phase III trial. Gastrointest. Endosc. 62, Nr. 4 (2005) 488-498.

Pauleikhoff, D., Spital, G., Photodynamische Therapie bei der altersabhängigen Makuladegeneration. Dtsch. Ärztebl. 102, Nr. 46 (2005) Seite A-3186/B-2692/C-2519.

Kaiser, P., Five years result of Verteporfin Therapy for Subfoveal CNV due to AMD: Third year of an Open-label Extension of the TAP Investigation. Abstract ARVO 2004.

Alexiades-Armenakas, M., Laser-mediated photodynamic therapy. Clin. Dermatol. 24, Nr. 1 (2006) 16-25.

Siegmund-Schulze, N., Photodynamische Therapie etabliert sich bei Gallenwegskarzinomen. Ärztezeitung online (2005), www.aerztezeitung.de/docs/2005/11/21/421f1701.asp?cat=/medizin/krebs

Moore, C. M., et al., Photodynamic therapy using meso tetra hydroxy phenyl chlorin (mTHPC) in early prostate cancer. Lasers Surg. Med. 3. Jan. 2006, über MedLine.

Waksman, R., et al., Intracoronary photodynamic therapy reduces neointimal growth without suppressing re-endothelialization in a porcine model. Heart 6. Jan. 2006; über MedLine.

Wood, S., et al., Erythrosine is a potential photosensitizer for the photodynamic therapy of oral plaque biofilms. J. Antimicrob. Chemother. 7. Febr. 2006, über MedLine.

Bisland, S. K., et al., Pre-clinical in vitro and in vivo studies to examine the potential use of photodynamic therapy in the treatment of osteomyelitis. Photochem. Photobiol. Sci. 5, Nr. 1 (2006) 31-38.

Ad-hoc-Meldung der Biolitec GmbH vom 4. August 2005.

Ackroyd, R, et al., The history of photodetection and photodynamic therapy. Photochem. Photobiol. 74, Nr. 5 (2001) 656-669.

Lipson, R. S., Baldes, E. J., Hematoporphyrin derivative: a new aid for endoscopic detection of malignant disease. J. Thorac. Cardiovasc. Surg. 42 (1961) 623-629.

 

Die Autorin

Anja Friederike Hofner studierte Pharmazie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach der Approbation als Apothekerin erstellte sie in der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Ernst Mutschler in Frankfurt ihre Dissertation über Pharmakokinetik-Pharmakodynamik-Korrelationen von Arzneistoffen und wurde 1991 promoviert. Dr. Hofner war mehrere Jahre in der pharmazeutischen Industrie in der klinischen Forschung tätig, hauptsächlich in den Bereichen Onkologie und Immunologie. Zurzeit arbeitet sie als freie Medizinjournalistin.

 

 

Anschrift der Verfasserin:

Dr. Anja Friederike Hofner

Fischerstraße 12

76744 Maximiliansau

anja.hofner(at)medword.de

Links zum Titelbeitrag

 

Mehr von Avoxa