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Chronische Schmerzen

Leben statt kämpfen

16.03.2016
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Frankfurt am Main / Chronische Schmerzen nehmen im Leben betroffener Patienten großen Raum ein. Statt den Schmerz zu bekämpfen, sollten Patienten ihn annehmen und sich darauf konzentrieren, ihr Leben zu leben. Das ist der Grundgedanke der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), einer neuen Form der Psychotherapie.

»Lebst Du schon oder kämpfst Du noch?« Diese Frage beschreibt eindrücklich das Prinzip der ACT, erklärte Linda Mehner, Psychologin am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel. Auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin in Frankfurt am Main stellte sie die neue Therapieform, ihre Möglichkeiten und Grenzen in einem Seminar vor.

Achtsamkeit und Akzeptanz

 

Anders als akute Schmerzen sind chronische Schmerzen, die per Definition länger als drei Monate bestehen und nicht auf Tumorerkrankungen zurückgehen, nicht gut mit Arzneimitteln zu behandeln. Nach dem biopsychosozialen Modell tragen neben körperlichen Befunden maßgeblich auch psychische und soziale Aspekte zum Krankheits­geschehen bei. Entsprechend sollten Patienten mit chronischen Schmerzen nach heutigem Kenntnisstand eine multimodale Therapie erhalten. Bei dieser stehen neben Physiotherapie und Aufklärung zum Krankheitsbild auch das Erlernen von Stressbewältigungsstrategien und verschiedene Psychotherapieformen auf dem Programm.

 

Eine davon ist die Akzeptanz- und Commitmenttherapie. Sie hat ihre Wurzeln in der kognitiven Verhaltenstherapie, berichtete Mehner. Ein Vermeidungsverhalten soll abgebaut werden. Dabei liege der Fokus auf Achtsamkeit und Akzeptanz. Um diesen Ansatz zu verstehen, sei es wichtig, die Begriffe zu definieren. Unter Akzeptanz sei eine aktive Annahme der Situation zu verstehen, ohne diese zu beurteilen. »Akzeptanz ist kein Sich-Ergeben in den Schmerz«, sagte Mehner. »Sondern es geht darum, einen eigenen friedlichen Umgang mit dem Schmerz zu finden.« Achtsamkeit wiederum sei eine bestimmte Form der »Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht, und nicht wertend ist«. Achtsamkeitsübungen als eine Form der Meditation dienen der Stressbewältigung. »Sie sind aber nicht mit Entspannung zu verwechseln«, betonte die Psychologin.

 

Reiner und schmutziger Schmerz

 

Nach dem ACT-Modell kann zwischen einem »clean pain«, dem reinen Schmerzempfinden, und »dirty pain«, dem damit verbundenem Leid, unterschieden werden. Unter Letzterem ist eine Art sekundärer Schmerz zu verstehen. Er entspricht dem, was die Gedanken aus dem eigentlichen Schmerzempfinden machen: Wie ungerecht und traurig es ist, dass man unter ständigen Schmerzen leidet, was man alles verpasst und vermisst und welche Belastung man für seine Angehörigen darstellt. Dieser schmutzige Schmerz entsteht durch erfolglose Strategien, das Schmerzempfinden zu bekämpfen, beispielsweise Schmerzvermeidung oder -betäubung, die zu Frust, Resignation und sozialem Rückzug führen können. Anders als das reine Schmerzempfinden ist das Leid quasi selbstgemacht und kann daher auch vom Patienten selbst beeinflusst werden.

 

Hier setzt die ACT an. Sie soll dazu beitragen, die erfolglosen Kontrollversuche und den Kampf gegen den Schmerz aufzugeben und die frei werdenden Energien sinnvoll einzusetzen. Dementsprechend nimmt in der ACT die Ermittlung von Lebenszielen und -werten einen wichtigen Raum ein. Hierfür steht der zweite Teil des Begriffs, »commitment« (Hingabe, Einsatz). Der Patient soll wieder tun und erleben, was ihm wichtig ist.

 

»Dabei ist die ACT nicht für jeden Schmerzpatienten geeignet«, sagte Mehner. »Das Verfahren kann nur erfolgreich sein, wenn beim Patienten eine innere Bereitschaft vorhanden ist, sich auf Akzeptanz- und Achtsamkeits-basierte Übungen einzulassen.« Ein einfacher Einstieg sei es, achtsame Tätigkeiten im Alltag zu integrieren. Das bedeutet, dass man bestimmte alltägliche Tätigkeiten wie Zähneputzen, Duschen oder Kaffeetrinken nicht automatisch, sondern besonders aufmerksam verrichtet, erklärte die Referentin. Wie fühlt sich das Wasser auf der Haut an? Wonach schmeckt der Kaffee? Was rieche, was fühle ich? Eine weitere Technik ist der Körper-Scan. Dabei richtet der Patient die Konzen­tration auf verschiedene Organe und Körperregionen und auf dort vorhandene Anspannungen.

 

Um negative Gedankenkreise zu beenden, gebe es auch einige Übungen. Da Gedanken nicht zu kontrollieren sind, sollten die Patienten erlernen, ihre Gedanken neutral zu beobachten, ohne sie zu bewerten oder verdrängen zu wollen. Ein zentraler Punkt in der ACT ist die Klärung von Lebenszielen. Da das vielen Patienten schwerfalle, gebe es auch hierzu verschiedene Übungen. So könne man einen Patienten etwa fragen, was er tun würde, wenn er im Lotto gewinnen würde oder nur noch ein Jahr zu leben hätte.

 

Gegenstand der Forschung

 

In den vergangenen Jahren ist die ACT zunehmend populär geworden. Die Datenlage zu ihrer Wirksamkeit ist aber noch dünn. 2006 kamen Professor Dr. Steven C. Hayes und Kollegen in einem Review zu dem Ergebnis, dass die Datenlage nicht ausreiche, um festzustellen, dass die ACT generell effektiver sei als andere Therapieformen. Sie sei aber auch nicht weniger effektiv und die vorliegenden Daten vielversprechend, schreiben die Forscher im Fachjournal »Behaviour Research and Therapy« (DOI: 10.1016/j.brat.2005.06.006). Eine 2014 im selben Journal erschienene Metaanalyse mit insgesamt 60 randomisierten kontrollierten Studien, in denen ACT bei verschiedenen Erkrankungen mit anderen Formen der Verhaltenstherapie verglichen wurde, zeigte eine geringe, nicht signifikante Überlegenheit der ACT (Effektstärke 0,16). Insgesamt folgert aber der Autor Lars-Göran Öst, Professor für Psycho­logie an der Universität Stockholm, dass die Methode noch bei keinem Erkrankungsbild gut etabliert sei, bei chronischen Schmerzen und Tinnitus sei sie aber »wahrscheinlich wirksam« (DOI: 10.1016/j.brat.2014.07.018).

 

»Wichtig für den Erfolg der Therapie sind Zeit, Geduld und Übung«, sagte Mehner. »Achtsamkeit und Akzeptanz lernt man nicht einmal und beherrscht sie dann ein Leben lang.« Die Methoden müssen immer wieder situationsbedingt angepasst werden. Wichtig sei es, freundlich zu sich selbst zu sein und zu akzeptieren, dass der Lebensweg nicht immer gradlinig ist. /

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