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Infektionen bei Flüchtlingen

Kein ungewöhnliches Erregerspektrum

16.03.2016
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Flüchtlinge und Asyl­suchende leiden in der Regel an den gleichen Erkrankungen wie die Allgemeinbevölkerung in Deutschland. Von ihnen geht keine relevante Infektionsgefahr aus. Das war eine wichtige Botschaft bei den 16. Aids- und Hepatitis-Tagen Mitte März in München.

»Die befürchtete Welle an HIV-Infek­tionen ist ausgeblieben, es gibt nur einzelne Patienten«, betonte der Aids-Experte und Initiator der Tagung, Dr. Hans Jäger. Als Grund nannte er die Hauptherkunftsländer der Flüchtlinge. Der Großteil komme aus Syrien und anderen arabischen Ländern, in denen die HIV-Prävalenz bei 0,1 Prozent liegt – auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland. HIV-infizierte Flüchtlinge kämen vor allem aus Afrika. Dagegen sei die Prävalenz von Hepatitis B in Syrien mit 2,4 Prozent etwa dreimal so hoch wie in Deutschland. Angesichts der verbreiteten Unsicherheit boten die Veranstalter der Aids- und Hepatitis-Tage zwei Symposien zum Thema Flüchtlinge an.

Häufige Probleme bei den Asylsuchenden, die in Deutschland ankommen, sind Infektionen vor allem der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts und der Haut, berichtete Dr. Mathias Wendeborn. Der Arzt hat die Organisation Refudocs gegründet, die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung in der ehemaligen Bayernkaserne in München medizinisch versorgt. Bei ambulant betreuten Patienten dominieren laut Wendeborn unspezifische virale Infekte, Gastritis und Skabies (Krätze), bei stationären Patienten Lungentuberkulose (TB) und Malaria tertiana. »Die Tuberkulose-Rate bei den Flüchtlingen ist so hoch wie in deren Herkunftsländern.«

 

Im Dezember 2015 haben die Refudocs laut Wendeborn knapp 2200 Menschen in der Bayernkaserne behandelt. Die häufigsten Diagnosen waren grippaler Infekt, Schwangerschaft, psychische Erkrankungen und »ungewohnte« Hauterkrankungen wie Skabies und Pyodermien.

 

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Professor Dr. Michael Seilmeier vom Städtischen Klinikum Schwabing. »Mit Ausnahme der Skabies sind die meisten Infektionen identisch mit denen der Allgemeinbevölkerung. Aber die Morbidität ist unter den Flüchtlingen erhöht.« Monatelange Fluchtwege, miserable hygienische Verhältnisse und stark beengte Unterkünfte hätten die Menschen geschwächt. Zwei Drittel sind laut Seilmeier unter- oder fehl­ernährt. Viele sind nicht geimpft. »Weniger als 10 Prozent leiden an speziellen Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria, superinfizierter Skabies, schwerer Influenza, Varizellen, Masern oder Rückfallfieber.«

 

Niedrige HIV-Inzidenz

 

Vor Pest, Cholera, Ebola und Gelbfieber brauche niemand Angst zu haben. Wegen der langen Reisewege sei das Einschleppen von Infektionserregern aus dem Ursprungsland selten – mit Ausnahme von Malaria und TB. Die HIV-Inzidenz sei bei den gegenwärtigen Flüchtlingen sehr niedrig.

 

Seilmeier wies besonders auf das Läuse-Rückfallfieber hin, das nach dem Krieg in Deutschland in Vergessenheit geraten war. Es kommt vor allem am Horn von Afrika, also in Äthiopien, Eri­trea und Somalia, sowie in Asien und Südamerika vor. In Kriegs- und Katas­trophensituationen kann es zur Epidemie werden. Erreger der Erkrankung ist Borrelia recurrentis.

 

Kleiderläuse nehmen die Erreger bei der Blutmahlzeit an infizierten Personen auf, heißt es in einem Merkblatt des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Eine Weiterübertragung erfolgt nur, wenn infizierte Läuse zerdrückt werden und erregerhaltiges Sekret auf die Haut gelangt. Die Borrelien (Spirochäten) können über (Kratz-)Wunden, aber auch über intakte Haut oder Schleimhaut zur Infektion führen. Eine direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgt nicht.

 

Hohe Mortalität beim Rückfallfieber

 

Das Läuse-Rückfallfieber zeigt sich mit plötzlich einsetzendem, hohem Fieber bis 41 °C, vergrößerter Leber und Milz (Hepatosplenomegalie als Zeichen der Leberzellschädigung), starken Kopf- und Gliederschmerzen sowie Abgeschlagenheit. Der erste Fieberschub dauert drei bis sechs Tage. Nach einem fieberfreien Intervall von etwa einer Woche kommt es meist zu einem erneuten Fieberanfall, dem mehrere folgen können. Ohne Behandlung sterben 10 bis 40 Prozent der Patienten daran, mit Behandlung immerhin noch bis zu 5 Prozent. Die antibiotische Therapie, meist mit Tetracyclin oder Penicillinen, soll auch wegen des hohen Risikos einer potenziell lebensbedrohlichen Jarisch-Herxheimer-Reaktion, einer Reaktion des Körpers auf Endotoxine aus Spirochäten, stationär erfolgen. Der Nachweis von Borrelia recurrentis ist gemäß Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

 

Kleiderläuse sind darüber hinaus relevante Vektoren von Infektionskrankheiten wie Fleckfieber (Rickettsia prowazekii) oder Wolhynisches Fieber (Bartonella quintana). In den Weltkriegen habe Letzteres, auch Schützengrabenfieber genannt, viele Todesopfer gefordert, berichtete Seilmeier.

 

Die Prävention klingt einfach: Läusebefall vermeiden oder bekämpfen durch gute persönliche Hygiene, regelmäßigen Wäschewechsel und Waschen von Kleidung, Handtüchern und Bettwäsche bei mindestens 60 °C. Eine Behandlung mit einem Läusemittel ist laut LGL bei Kleiderläusen in der Regel nicht notwendig, kann aber bei Ausbrüchen von Läuse-Rückfallfieber erwogen werden. /

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