Pharmazeutische Zeitung online
Globale Impfstrategie

Hehres Ziel, fraglicher Erfolg

12.03.2013
Datenschutz bei der PZ

Von Christina Hohmann-Jeddi / Die Weltgesundheitsorganisation hat für dieses Jahrzehnt die »Decade of Vaccines« ausgerufen. Mehr als 10 Milliarden US-Dollar sollen bereitgestellt werden, um Impfstoffe weltweit besser verfügbar zu machen. Doch der Plan hat Schwachstellen, kritisiert die Organisation »Ärzte ohne Grenzen«. Welche das sind, erfuhr die Pharmazeutische Zeitung von Oliver Moldenhauer, dem Koordinator der Medikamentenkampagne der Organisation in Deutschland.

PZ: Im Mai 2012 hat sich die Weltgesundheitsversammlung, das höchste Entscheidungsorgan der WHO, auf eine globale Impfstrategie für zehn Jahre festgelegt, den »Global Vaccine Action Plan«. Mit immensen Mitteln soll die Verfügbarkeit von Impfstoffen weltweit verbessert werden. Was halten Sie davon?

 

Moldenhauer: Generell begrüßen wir die Aufmerksamkeit, die das Projekt »Decade of Vaccines« auf das Thema lenkt. Allerdings könnte der Aktionsplan sein Ziel verfehlen, wenn es ihm nicht gelingt, die wesentlichen Schwachpunkte routinemäßiger Impfkampagnen anzugehen. Ein erhebliches Hindernis für solche Kampagnen sind hohe Impfstoff-Preise. Die Kosten des von der WHO empfohlenen Impfstoff-Pakets zur Grundimmunisierung sind in den vergangenen zehn Jahren von 1,37 US-Dollar auf 38,80 US-Dollar gestiegen. Das ist eine Zunahme von 2700 Prozent. Der globale Aktionsplan sieht leider keine Mechanismen vor, um die Preise für Impfstoffe in irgendeiner Weise zu beeinflussen und für größere Transparenz auf dem Impfstoffmarkt zu sorgen. Zudem beruht er auf der Annahme, dass die bisherigen Routineschutzimpfungen ausreichend breit angewendet werden, was nach unseren Erfahrungen vielerorts nicht der Fall ist.

PZ: Was steht der Ausführung der Grundimmunisierung im Wege?

 

Moldenhauer: Die meisten heute verfügbaren Impfstoffe müssen als Injektionen verabreicht werden, wofür wiederum ausgebildetes Gesundheitspersonal benötigt wird. Um die Grundimmunisierung zu gewährleisten, müssen Kinder im ersten Lebensjahr fünf Mal zum Impfen kommen. In vielen Fällen ist das wegen großer Entfernung zur nächsten Gesundheitsstation nicht möglich. Die meisten Impfstoffe müssen zudem kühl gelagert werden, was in Ländern mit instabiler Elektrizitätsversorgung nicht immer gewährleistet ist. Das alles führt dazu, dass rund 20 Prozent aller neugeborenen Kinder nicht die wichtigsten Schutzimpfungen erhalten, die sie vor tödlichen Krankheiten schützen.

 

PZ: Wie ließe sich die Situation verbessern?

 

Moldenhauer: Erstens müssen neue Impfstoffe bezahlbar gemacht werden. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre eine größere Preistransparenz der Hersteller. Öffentliche Informationen könnten Verhandlungen beeinflussen und sicherstellen, dass Abnehmer keine Wucherpreise zahlen. Um ihre Verhandlungsposition zu stärken, sollten sich viele ärmere Länder zusammenschließen. Ein vergleichbarer Mechanismus wird heute beispielsweise schon von den lateinamerikanischen Ländern genutzt, um ihnen Zugang zu Impfstoffen zu niedrigen Preise zu gewähren. Darüber hi­naus müssen Hersteller in Schwellenländern unterstützt werden, die zu günstigen Preisen qualitätsgeprüfte Impfstoffe produzieren können. Dazu müssen technische Hürden überwunden werden und Schwellenländer Zugang zu Lizenzen für eventuelle Patente und zu technischem Knowhow bekommen.

 

PZ: Kann man damit auch das Fünftel der Bevölkerung erreichen, das momentan noch ganz ohne Impfschutz ist?

 

Moldenhauer: Das ist die zentrale Herausforderung. Wir wissen heute noch zu wenig über die Epidemiologie in ärmeren Ländern, und die meisten Impfstoffe sind an die Märkte in Industrienationen angepasst. Hier besteht Forschungsbedarf. Regierungen, insbesondere die Gesundheitsministerien der Länder mit mangelhaftem Impfschutz, sollten aktiv in die Entwicklung von Impfstoffen eingebunden werden und ihre Bedürfnisse den Herstellern kommunizieren. Wenn neue Produkte entwickelt werden, muss es auch eine Strategie geben, damit diese möglichst schnell zum Einsatz kommen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass Spender und Regierungen bereit sind, für besser angepasste Impfstoffe mehr zu zahlen.

 

PZ: Auf der WHO-Exekutionsausschuss-Sitzung Ende Januar haben Sie diese Problematik angesprochen. Mit welchem Ergebnis?

Moldenhauer: Wir haben unsere Einwände vorgebracht, eine Entscheidung wird allerdings erst auf der WHO-Vollversammlung im Mai fallen.

 

PZ: Welche besser geeigneten alternativen Impfstoffe gibt es bereits oder sind in der Entwicklung?

 

Moldenhauer: Sehr positive Erfahrungen haben wir mit MenAfriVac gemacht. Dieser neu entwickelte Impfstoff gegen Meningokokken vom Serotyp A wurde bereits großflächig im afrikanischen Meningitis-Gürtel angewendet und hat in einigen Ländern fast zu einem völligen Verschwinden der Typ-A-Meningitis geführt. Der Impfstoff ist an die regionale Epidemiologie angepasst, denn 85 Prozent aller Meningitiserkrankungen in Afrika gehen auf Typ-A-Meningokokken zurück, und er zeichnet sich durch lange Haltbarkeit aus. Hinzu kommt, dass er bis zu vier Tage außerhalb der Kühlkette gelagert werden kann und mit 40 US-Cent pro Dosis bezahlbar ist.

 

Für Hepatitis-B-Schutzimpfungen, die Säuglingen direkt nach der Geburt verabreicht werden, zeigen Studien aus Asien positive Ergebnisse. In Indonesien wurden beispielsweise traditionelle Geburtshelferinnen ausgebildet, Hepatitis-B-Impfungen bei Heimgeburten zu verabreichen. Sie erhielten monatliche Vorräte an einzeldosierten, gebrauchsfertigen Impfungen, welche sie nach einer nur zweistündigen Schulung selbstständig verabreichen konnten. Die Zahl der Hepatitis-B-Impfungen nach der Geburt konnte so von 5 Prozent auf 52 Prozent erhöht werden. /

Mehr von Avoxa