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Neuroleptika bei Demenz

Lebensgefahr durch Haloperidol

13.03.2012
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Von Ulrike Viegener / Dass der Einsatz von Neuroleptika bei Demenzkranken zu einer erhöhten Sterblichkeit führt, ist seit Jahren bekannt. Eine kürzlich veröffentlichte amerikanische Studie unterstreicht die Problematik des Off-Label-Use und weist auf relevante Unterschiede im Gefahrenpotenzial unterschiedlicher Neuroleptika hin (1).

Unter Haloperidol waren in der in der großangelegten Kohortenstudie doppelt so viele Todesfälle zu verzeichnen wie unter dem Standardneuroleptikum Risperidon (Hazard Ratio 2,07). Für Quetiapin wurde die vergleichsweise geringste Sterblichkeit verifiziert (Hazard Ratio 0,81).

Ausgewertet wurden die Daten von rund 75 000 Pflegeheimbewohnern, die mit Neuroleptika behandelt worden waren. Dabei wurden alle Todesfälle berücksichtigt, die nicht durch Krebs verursacht wurden. 6598 der erfassten Patienten verstarben innerhalb von sechs Monaten nach Beginn der Neuroleptika-Therapie. In rund 50 Prozent der Todesfälle waren kardiovaskuläre Komplikationen die Todesursache, in 10 Prozent zerebrovaskuläre Komplikationen, und respiratorische Komplikationen machten 15 Prozent der Todesursachen aus.

 

Die besondere Gefährlichkeit von Haloperidol war durchgängig: Sie war in puncto Gesamtmortalität zu verifizieren, aber auch für alle nach Todesursache differenzierten Untergruppen. Dasselbe gilt für die vergleichsweise geringste Gefährlichkeit von Quetiapin. Die Unterschiede zwischen den Neuroleptika blieben nach multivariater Datenanalyse bestehen. Damit bestätigt die neue Studie frühere Hinweise auf ein unterschiedliches Risikopotenzial verschiedener Neuroleptika.

 

In der aktuellen Studie war eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung feststellbar: Unter der höchsten Haloperidol-Dosis fand sich gegenüber der niedrigsten verwendeten Dosis eine um 84 Prozent erhöhte Sterblichkeit. Auch eine zeitliche Beziehung zwischen Sterblichkeit und Neuroleptikatherapie ließ sich aufzeigen: Die meisten Patienten verstarben innerhalb der ersten 40 Tage nach der ersten Haloperidol-Gabe. Das sind starke Indizien, wenn auch kein hieb- und stichfester Beweis für einen Kausalzusammenhang.

 

Demenz wird beschleunigt

 

Eigentlich hätten allerdings bereits die seit Jahren verfügbaren Daten zur Gefährlichkeit von Neuroleptika zu einem kritischen Einsatz dieser hochwirksamen Substanzen bei Demenzkranken führen müssen. Doch nach wie vor gehört die Langzeitanwendung von Neuroleptika zum Alltag auch in deutschen Seniorenheimen. Die Anwenderzahlen sind in den vergangenen Jahren sogar noch gestiegen.

 

Die viel geübte Praxis, Demenzpatienten mit Antipsychotika ruhigzustellen, wird schon lange heftig kritisiert. Zunächst waren es allein ethische Bedenken, dann kamen medizinische Gründe hinzu. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA sah sich bereits 2005 veranlasst, wegen der erhöhten Sterblichkeit (um 60 bis 70 Prozent) vor dem Einsatz von atypischen Neuroleptika bei Demenz zu warnen. Im Jahr 2008 wurde die Warnung auf konventionelle Neuroleptika ausgeweitet. Und außer der erhöhten Todesrate gibt es noch einen weiteren gravierenden Einwand: Neuroleptika führen bei Demenzkranken nachweislich zu einem beschleunigten Abbau der kognitiven Fähigkeiten.

 

Unkritischer Einsatz

 

In der Praxis werden diese Daten weitgehend ignoriert. Neuroleptika werden bei Demenz – ohne entsprechende Zulassung – im großen Stil gegen Aggressivität und innere Unruhe sowie nächtliches Umherwandern eingesetzt. Kritiker argumentieren, Neuroleptika würden gegen problematisches Verhalten eingesetzt, um dem Personal die Pflege zu erleichtern und das eigentliche Problem des Pflegenotstandes zu kompensieren.

 

Dafür spricht, dass Neuroleptika in aller Regel nicht kurzfristig, sondern als Langzeitmedikation gegeben werden. Auch liegen Studien vor, die darauf hinweisen, dass Neuroleptika Demenzkranken sehr unkritisch verabreicht werden – unabhängig von der neuropsychiatrischen Symptomatik. In einer Querschnittsstudie aus 2010 wurden 52 Prozent der erfassten Demenzpatienten mit Neuroleptika behandelt, 30 Prozent erhielten ein Antidepressivum und nur 17 Prozent bekamen Antidementiva, die laut den Leitlinien obligat sein sollten (2).

 

Besser geeignet als Neuroleptika wären in vielen Fällen Antidepressiva oder auch psychotherapeutische Ansätze, die aber natürlich viel aufwendiger sind als die Gabe von Medikamenten. Häufig mangelt es auch an einer entsprechenden Ausbildung der Pflegekräfte. / 

Literatur

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Huybrechts, K. et al.: Differential risk of death in older residents in nursing homes prescribed specific antipsychotic drugs: population based cohort study, BMJ 2012; 344: e1093

Majic, T. et al.: Pharmakotherapie von neuropsychiatrischen Symptomen bei Demenz: Querschnittserhebung in 18 Berliner Seniorenheimen, Dtsch. Ärztebl. Int. 2010; 107 (18): 320-327

 

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