Pharmazeutische Zeitung online
Anwendungsbeobachtung

Umsetzung der AOK-Rabattverträge in Bayern

15.03.2010
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Von Sonja Mayer, München, Jutta Rewitzer, Furth, und Ulrich Koczian, Augsburg / Das Erkennen und die Umsetzung der pharmazeutischen Bedenken in der Apotheke stellen einen wichtigen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit dar. Die Bayerische Landesapothekerkammer untersucht, wie häufig und welche pharmazeutischen Bedenken in Bayern bei der Umsetzung der Rabattverträge auftreten.

Im September 2009 gaben die Apotheker 23,4 Millionen Rabattarzneimittel ab. Seit April 2007 existieren Rabattverträge. Die Umsetzung der AOK-Rabattverträge zu 63 umsatzstarken Wirkstoffen begann am 1. Juni 2009 mit einer einmonatigen Übergangsfrist. Diese Arzneimittelverträge haben eine Laufzeit von zwei Jahren und wurden mit 22 Partnerunternehmen der Pharmaindustrie geschlossen. In Bayern sind 39,65 Prozenz der Bevölkerung AOK-versichert (5). Bisher gibt es keine Daten über die Arbeitsbelastung durch die Erfüllung der Rabattverträge. Da die Kenntnis der häufigsten pharmazeutischen Bedenken eine wichtige Rolle in der Fortbildung spielt, hat die Bayerische Landesapothekerkammer untersucht, welche pharmazeutischen Bedenken in Bayern wie häufig auftreten und wie die Beratung dazu in der Apotheke umgesetzt wird.

PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissenschaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

Durch eine flächendeckende Verteilung der Studienapotheken und eine hohe Anzahl an dokumentierten pharmazeutischen Bedenken sollten repräsentative Zahlen für ganz Bayern erreicht werden. Dieser Artikel beschreibt die Hintergründe, die Studiendurchführung, die Ergebnisse und den praktischen Nutzwert aus dieser bayernweiten Erhebung für öffentliche Apotheken.

 

Rahmenbedingungen Rabattverträge

 

Wird ein Arzneimittel unter seiner konkreten Präparatebezeichnung, ohne Aut-idem-Kreuz verordnet, muss der Apotheker bei Vorliegen eines Rabattvertrages ein Präparat abgeben, für das die Krankenkasse des Patienten einen Vertrag abgeschlossen hat. Liegt kein Rabattvertrag vor, so kann er neben dem verordneten Präparat auch eines der drei preisgünstigsten Arzneimittel abgeben, das in Wirkstoff, Stückzahl und im zugelassenen Indikationsbereich identisch mit dem verordneten Arzneimittel ist. Beim Austausch eines verordneten Arzneimittels gegen eines der drei kostengünstigsten Arzneimittel gelten die Vorgaben zur Austauschbarkeit, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss wirkstoffbezogen vorgegeben werden. Austauschbar sind nur Arzneimittel mit gleichem Wirkstoff, gleicher Wirkstärke, gleicher Packungsgröße und gleichem zugelassenen Indikationsgebiet. Wird ein Arzneimittel lediglich nach Wirkstoff, Stärke, Darreichungsform und Stückzahl verordnet, so wird bei Vorliegen eines Rabattvertrages das Rabattpräparat abgegeben. Existiert kein Rabattvertrag, wird eines der drei kostengünstigsten Arzneimittel abgegeben. Soll der Patient gezielt ein bestimmtes Präparat erhalten und darf auf keinen Fall ein Austausch gegen ein anderes Arzneimittel erfolgen, kann der Arzt dies durch das Aut-idem-Kreuz deutlich machen.

 

Nicht-Abgabe des Rabattarzneimittels

 

Die Prüfung des Vorliegens von pharmazeutischen Bedenken ist ein Kernelement bei der Umsetzung von Rabattverträgen. Es besteht die Möglichkeit, von der Verpflichtung zur Abgabe rabattbegünstigter Arzneimittel abzusehen, wenn der Abgabe aus Sicht des Apothekers im konkreten Einzelfall pharmazeutische Bedenken entgegenstehen. Pharmazeutische Bedenken bestehen, wenn durch Präparateaustausch aufgrund eines Rabattvertrages trotz zusätzlicher Beratung der Therapieerfolg oder die Arzneimittelsicherheit gefährdet sind. Mittlerweile erzeugen die rund 26 300 Rabattarzneimittel mehr als 21,3 Millionen Datensätze, die von der Apothekensoftware umgesetzt werden müssen (1). Die Rechenleistung der Apothekencomputer wird enorm beansprucht, weil die einzelnen Medikamente den Versicherten je nach Krankenkasse und deren Rabattverträgen individuell zugeordnet werden müssen. Die Software kann eine Hilfe zum Erkennen von pharmazeutischen Bedenken sein. Doch nur im unmittelbaren Gespräch mit dem Patienten oder den patientenversorgenden Personen und aus der bekannten oder dokumentierten Medikationsdatei ist individuell zu entscheiden, ob interveniert werden muss oder nicht. Apotheker müssen intensiv beraten und prüfen, ob Anweisungen verstanden werden oder ob irgendwelche Gründe vorliegen, eine Substitution zu verweigern.

 

Wie viele Tote durch Rabattverträge?

 

Die Folgen unerwünschter Arzneimittelwirkungen und Unter-/Überdosierung werden in Deutschland statistisch nicht erfasst. Nach einer Untersuchung der Hochschule Fresenius (HSF) in Idstein klagt die Hälfte der Patienten nach der Umstellung auf ein Rabattarzneimittel über neue Nebenwirkungen. Ein Viertel spricht sogar von starken Nebenwirkungen, 9 Prozent gaben an, wegen der umstellungsbedingten Nebenwirkungen sogar ambulante oder stationäre Behandlung benötigt zu haben (2). Das arznei-telegramm berichtet über eine Antikoagulanzien-Überdosierung infolge eines Rabattvertrags und folgert, dass der mit Rabattverträgen verbundene Wechsel von Handelspräparaten die Arzneimittelsicherheit durch Einnahmefehler gefährdet (3).

 

Wie sehr die Therapie mancher Patienten unter einem Medikationswechsel wegen der Rabattverträge leidet, zeigt eine Studie des Marktforschungsinstituts IMS Health. Im Auftrag des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH) untersuchte es die Auswirkungen eines Zwangswechsels anhand Lipidsenker, Antidepressiva und Insuline. Aufgrund von Compliance- und Verträglichkeitsproblemen werden 12,3 Prozent der Patienten, die einen Lipidsenker nehmen, nach einem rabattvertragsbedingten Wechsel zurück auf das ursprüngliche Produkt eingestellt. Bei den Insulinen sind es 6 bis 7 Prozent, bei den Antidepressiva 5,2 Prozent. Laut BAH bekommt etwa die Hälfte der Depressionspatienten innerhalb von einem Jahr nach dem Präparatewechsel keine weitere Verschreibung – ein Zeichen für den Therapieabbruch. Neben Compliance-Problemen trat auch eine unterschiedliche Wirksamkeit der Präparate auf. So stieg in der auf rabattiertes Insulin umgestellten Gruppe der Nüchtern-Blutzucker innerhalb von drei Monaten an. Patienten mit ausgetauschtem Statin-Präparat zeigten eine geringere Cholesterol-Senkung als die Patienten, die weiter das ihnen vertraute Präparat erhielten. (4).

 

Einschlusskriterien an der bayernweiten Interaktionserhebung

 

An der Anwendungsbeobachtung können sich bayerische Apotheken, die einem Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) angehören, beteiligen. Zur Erhebung ist das komplette pharmazeutische Personal einer Apotheke berechtigt. Vor- raussetzung dafür ist der Besuch des Seminars »Pharmazeutische Bedenken bei Rabattverträgen«. Das Multiplikatorenseminar wird im Arbeitskreis Pharmazeutische Betreuung von Dr. Nina Griese, ZAPP der ABDA, vor den Moderatoren der Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung gehalten und von diesen im eigenen Qualitätszirkel gehalten. In Zirkeln, die im Arbeitskreis Pharmazeutische Betreuung nicht vertreten waren, hält Ulrich Koczian das Seminar als Fortbildung für das pharmazeutische Personal. Von den teilnehmenden Apotheken dokumentiert jeder gemeldete Mitarbeiter im Zeitraum vom 15. Juni bis 27. Juni 2009 mindestens 50 AOK-Rezepte und die damit verbundenen Arzneimittelabgaben. Es werden nur AOK-Rezepte erfasst, die mindestens ein Rabattarzneimittel enthalten.

 

Ausschlusskriterien an der bayernweiten Interaktionserhebung

 

Apotheken mit weniger als zehn dokumentierten AOK-Rezepten und mit mehr als 50 Prozent fehlerhaften Datensätzen wurden nicht in die Auswertung einbezogen. Bei Apotheken, die unterdurchschnittlich wenige AOK-Rezepte dokumentieren, ist davon auszugehen, dass sich entweder nicht das gesamte pharmazeutische Personal an der Anwendungsbeobachtung beteiligt hat oder nicht konsequent die gesamte Woche dokumentiert wurde. Bei Apotheken mit überdurchschnittlich vielen Fehlern (insb. Meldung ohne PZN-Nummern) ist davon auszugehen, dass die Inhalte der Erfassung nicht umgesetzt wurden. Beide Arten der Verzerrung sollten ausgeschlossen werden.

 

Erfassungsbogen zur bayernweiten Interaktionserhebung

 

Für eine vollständige Erfassung müssen immer folgende vier »Pflichtfragen« beantwortet werden:

 

Um welchen Kunden handelt es sich?

Welches Arzneimittel wurde verordnet und welches abgegeben?

Wenn kein Rabattarzneimittel abgegeben wurde, aus welchem Grund?

Welchen Aufwand hatte der Abgabevorgang in der Apotheke?

 

Die Antworten werden in einen standardisierten Erfassungsbogen eingetragen. Aus Auswertungsgründen wird – sofern nicht anders angegeben oder kein Pulldown-Menü vorgegeben ist – für ein positives Ergebnis die Zahl 1 gesetzt. So bedeutet eine 1 im Kästchen Erst-Verordnung, dass der Patient diese Arzneimittel zum ersten Mal erhält oder das Kästchen Präparatewechsel wird mit 1 markiert, wenn der Patient in der Vergangenheit den gleichen Wirkstoff verordnet bekommen hat und nun aufgrund des Rabattvertrages den Wirkstoff einer anderen Firma erhält. Der Bogen umfasst folgende Inhalte

 

Bereich Kunde: fortlaufende Nummer pro Kunde (Nr), Geburtsjahr (Nr), Geschlecht (m/w), Kundenkarte, Erst-Verordnung

Bereich Verordnung/Abgabe: Wirkstoff (Text), Firma verordnet (Text), PZN abgegeben (Nr), Präparatewechsel

Bereich kein Rabatt mit Angabe des Grundes (Auswahl): pharmazeutische Bedenken oder Marktgegebenheiten oder Aut idem. Bei pharmazeutischen Bedenken sind Teilbarkeit, Indikationsgebiet, Galenik, Compliance oder Sonstiges auswählbar. Nur eine Angabe ist möglich. Bei Aut idem wird unterschieden ob eine Verordnung eines Arztes vorlag oder das Kreuz nach Rücksprache mit dem Arzt gesetzt wurde.

Bereich Aufwand Kontakte mit Großhandel oder Arzt sowie Zeit (in min)

 

Im Mustererfassungsbogen (Abbildung 1; nur in der Druckausgabe) sind exemplarisch zwei Fallbeispiele eingetragen. Aus Auswertungsgründen wird anstelle eines Kreuzchens für ein positives Ergebnis immer eine 1 eingetragen. An den beiden Beispielen ist deutlich erkennbar, wie man mit wenigen Punkten doch sinnvoll eine standardisierte Dokumentation durchführen kann und damit die Beratung durch die Apotheke beschreiben und auch auswerten kann.

 

Quantitative Auswertung

 

Alle eingegangenen Datensätze wurden im Studienzentrum auf Vollständigkeit überprüft. Pflichtfelder sind eine laufende Kunden-Nummer, Geburtsjahr, Geschlecht, Wirkstoff verordnet, PZN abgegeben sowie Zeitaufwand. Alle PZN werden EDV-gestützt auf Plausibilität geprüft. Ferner definiert die PZN eine Gruppenzugehörigkeit. Es gibt drei Gruppen, die auch unabhängig voneinander ausgewertet werden. Gruppe 1: keine Rabattvertrags-Arzneimittel, Gruppe 2: alte Rabattvertrags-Arzneimittel, Gruppe 3: neue Rabattvertrags-Arzneimittel.

 

In die Auswertung gingen Daten aus 120 Apotheken aus allen 22 Qualitätszirkeln Pharmazeutische Betreuung der Bayerischen Landesapothekerkammer ein. Die Apotheken waren über ganz Bayern gleichmäßig verteilt. Insgesamt wurden 12 855 fehlerfreie Arzneimittelabgaben bei 8886 AOK-Patienten innerhalb einer Woche dokumentiert. Dabei sind 6356 Abgaben keine Rabattvertrags-Arzneimittel, 1105 Arzneimittelabgaben unterliegen den alten und 5494 den neuen Rabattverträgen.

 

40 Prozent der Arzneimittelabgaben sind für Männer, 60 Prozent für Frauen. Drei Viertel aller Arzneimittel werden an Patienten über 50 Jahre abgegeben. Eine detaillierte Aufstellung enthält Abbildung 2 (nur in der Druckausgabe). Der ambulante geriatrische Patient ist der Hauptkunde in der Apotheke. Näheres siehe Diskussion.

 

Mehrzahl der Kunden betroffen

 

Jede zweite Abgabe eines Medikamentes für einen AOK-Patienten unterliegt Rabattvereinbarungen. Bei 13 von 100 Abgaben handelt es sich um eine Erstverordnung und bei 87 Prozent liegt eine Wiederholungsverordnung vor. Jeder zweite hier dokumentierte AOK-Patient besitzt eine Kundenkarte. Bei 82 Prozent der Arzneimittelabgaben mit Wirkstoffen der neuen Rabattverträge musste der Patient umgestellt werden, während dies bei Wirkstoffen der alten Rabattverträge nur in 5 Prozent und bei Wirkstoffen ohne Ausschreibung in 13 Prozent der Fälle nötig war. Die große Mehrzahl der Patienten ist von Rabattverträgen betroffen, hat sich aber mittlerweile an die Situation gewöhnt.

 

Pharmazeutische Bedenken bei neuen Rabattverträgen gehäuft

 

Insgesamt wurden 666 arzneimittelbezogene Probleme, davon 100 pharmazeutische Bedenken dokumentiert. Die große Mehrzahl (93 von 100) der pharmazeutischen Bedenken lag bei neuen Rabattvertrags-Arzneimitteln vor. Bei jeder 58. Abgabe eines neuen Wirkstoffes kommt es zu pharmazeutischen Bedenken. Die Häufigkeit Bedenken ist bei neuen Rabattverträgen 2,7-mal höher als bei alten Rabattverträgen. Bei allen 666 arzneimittelbezogenen Problemen führt die Compliance mit 46 Prozent die Hitliste, gefolgt von Indikationsgebiet 16 Prozent, Galenik 14 Prozent, Teilbarkeit 6 Prozent, und Sonstige 18 Prozent. Betrachtet man nur die pharmazeutischen Bedenken der Abgaben innerhalb der neuen Ausschreibung, so hat die Rubrik Galenik mit 85 Prozent den größten Stellenwert, ferner werden in 5 Prozent Galenik, 5 Prozent Teilbarkeit, 1 Prozent Indikationsgebiet und 3 Prozent Sonstige genannt. Zur Rubrik Galenik zählen: Gleichheit Wirkstoff (aber erheblicher Unterschied hinsichtlich Unbedenklichkeit oder Wirksamkeit zum Beispiel Amlodipin-Besilat versus. -Maleat), Retardierung (unterscheidet sich, zum Beispiel. ZOK-Galenik bei Metoprololtartrat), Dosisintervall (unterscheidet sich, zum Beispiel 24 h versus 12 h) und Dispergierbarkeit (ist nicht gegeben, zum Beispiel. Voltaren dispers). Die Rubrik Compliance wird angekreuzt, wenn im individuellen Gespräch mit dem Patienten oder Angehörigen ersichtlich ist, dass trotz zusätzlicher Beratung der Therapieerfolg oder die Arzneimittelsicherheit gefährdet ist. Dies ist zum Beispiel der Fall bei: Polymedikation (mehr als fünf Dauermedikamente), problematischen Patientengruppen wie depressive oder ältere Patienten, problematischen Arzneistoffen mit zum Beispiel geringer therapeutischer Breite oder hohem Nebenwirkungspotenzial oder problematischen Applikationssystemen (zum Beispiel Bronchospray Autohaler 0,1 mg Dos.-Aerosol). Unter die Rubrik »pharmazeutische Bedenken, Sonstiges« fallen Dringlichkeit, Notdienst, Betäubungsmittel, Sondengängigkeit (zum Beispiel Omeprazol), Hilfsstoffe (zum Beispiel Benzylalkohol-Allergie) oder Sonstiges.

 

Die Lieferfähigkeit bei den Marktpartnern für neue Rabattverträge ist gegeben. Bei jeder zehnten Abgabe ist das Aut-idem-Kreuz durch den Arzt gesetzt (9 Prozent oder 1147 Fälle), dies betrifft mit 88 Prozent insbesondere Arzneistoffe ohne Ausschreibung (alt 7 Prozent, neu 5 Prozent).

 

Aut idem

 

Bei jeder fünfzigsten Abgabe wurde nachträglich nach Rücksprache mit dem Arzt ein Aut-idem-Kreuz gesetzt (2,2 Prozent oder 288 Fälle). Interessant ist, dass hier Arzneistoffe mit neuer Ausschreibung stärker ins Gewicht fallen als bei Aut idem durch den Arzt (17 Prozent versus 5 Prozent). 106 Mal wurde bei Arzneistoffen der neuen Ausschreibung nachträglich ein Aut-idem-Kreuz gesetzt. Dies ist auch Zeichen dafür, dass es pharmazeutische Bedenken gibt, die gegen die Abgabe des Rabattvertrages sprechen. Bei jeder Abgabe wird der Großhandel kontaktiert, der Arzt bei jeder 33. Abgabe. Im Vergleich zu Wirkstoffen mit alter Ausschreibung wird bei den Wirkstoffen der neuen Ausschreibung viel häufiger zum Hörer gegriffen (Großhandel alt: neu 38 Prozent versus 5 Prozent, Arzt alt: neu 16 Prozent versus 2Prozent).

 

Qualitative Auswertung

 

130 Wirkstoffe sind für 666 arzneimittelbezogene Probleme verantwortlich. Die Hitliste lautet: Diclofenac, Metoprololtartrat, Bisoprolol, Amlodipin besilat, Ramipril Monopräprate, Metformin, Torasemid, Tramadol, Lisinopril, Omeprazol. Diese zehn Arzneistoffe sind für 41 Prozent aller arzneimittelbezogener Probleme verantwortlich. Zwanzig Arzneistoffe sind für knapp 60 Prozent verantwortlich. Sechs Arzneistoffe der Top 10 zählen zu Herz-Kreislauf-Medikamenten.

 

Hochrechnung

 

Die tatsächliche Zahl an Interventionen in der Apotheke liegt deutlich höher, da hier nur AOK-Patienten erfasst wurden. In Bayern leben 12 520 000 Menschen, davon sind 83,19 Prozent GKV-versichert, die AOK trägt 39,65 Prozent davon. 666 arzneimittelbezogene Probleme wurden in 120 Apotheken mit etwa 5,5 Arbeitstagen bei 8886 dokumentierten Patienten detektiert, was einem pharmazeutischen Bedenken/bayerische Apotheke/Tag entspricht.

 

Diskussion

 

Die in Bayern erhobenen Daten sind kongruent mit Daten der GKV. Ältere Patienten leiden oft an multiplen Erkrankungen. Die Bevölkerungsgruppe über 60 Jahre verbraucht mehr als die Hälfte der GKV-Arzneimittelausgaben. Jeder Dritte über 75 Jahre nimmt mehr als acht Arzneimittel pro Tag (8). Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind 22 Prozent der Bevölkerung derzeit über 60 Jahre, die Tendenz ist steigend. Die demografische Entwicklung zeigt, dass bereits im Jahr 2020 die Hälfte der deutschen Bevölkerung zwischen 45 und 65 Jahren sein wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation steigt das Risiko für Wechsel- und Nebenwirkungen ab etwa sechs unterschiedlichen Medikamenten pro Patient exponentiell an (7). Die Polymedikation macht die Arzneimittelapplikation komplex und anfällig für Medikationsfehler. Dies wird durch die altersbedingte Veränderung von Kognition und Physis und darüber hinaus durch häufigen Präparatewechsel verstärkt.

 

Das Verordnungsprofil für Hochbetagte (älter als 80 Jahre) des AVR 2009 zeigt 10 führende Indikationsgruppen, die 77 Prozent der DDDs ausmachen. Diese Indikationen lauten: ACE-Hemmer, Diuretika, Ca-Antagonisten, Herztherapeutika, Betablocker, Lipidsenker, Antidiabetika, Ulkustherapeutika, Analgetika, Thrombo­zyten­funk- ­tions­hemmer. In unserer TOP-Liste sind bis auf Lipidsenker genau diese Arzneistoffgruppen vertreten.

 

Die patientenindividuellen Fähigkeiten, insbesondere funktionelle Defizite (Kognition, Visus, manuelle Fertigkeiten), Alltagskompetenz, Selbstmanagement im Umgang mit Arzneimitteln bestimmen neben wiederholten Schulungen durch das pharmazeutische Personal den Erfolg der Pharmakotherapie. Eine herabgesetzte Gedächtnisleistung hat folgende Auswirkungen auf die Pharmakotherapie: Informationen werden unzureichend gespeichert, die Arzneimitteltherapie wird nicht adäquat umgesetzt und die Applikation von Arzneimitteln wird schlicht vergessen. Jeder Dritte Mensch über 65 Jahren leidet an einer sehbeeinträchtigenden Augenerkrankung. Dabei stehen Katarakt, Glaukom, altersbedingte Makuladegeneration und diabetische Retinopathie an oberster Stelle. Als Auswirkung werden weiße Tabletten vor weißem Hintergrund nicht richtig erkannt. Dunkelgrüne Tabletten oder Kapseln können nicht mehr von dunkelblauen unterschieden werden. Applikationshinweise auf Arzneimittelpackungen können nicht mehr gelesen werden. Es ergeben sich Probleme beim Umgang mit Tablettenspendern. Sensorische Fähigkeiten nehmen ab, dies ist aber im präzisen Umgang mit kleinen Objekten wie Tabletten von Bedeutung. Es ergeben sich Schwierigkeiten beim Greifen von Tabletten, Teilen von Tabletten, Öffnen von Packungen und Entleeren von Arzneimittelbehältnissen (9). Somit birgt jede Änderung einer bestehenden Arzneimitteltherapie gerade in dieser Patientengruppe die Gefahr, dass vermehrt pharmazeutische Probleme auftreten und die Compliance abnimmt. Ältere Patienten brauchen eine intensive Pharmazeutische Betreuung.

 

Schlussfolgerung

 

Die große Mehrzahl der Patienten ist betroffen, aber zum größten Teil an die Situation gewöhnt. Die Kassen haben aus alten Verträgen gelernt. Die neuen Verträge mit Vertragsstrafen bei Lieferschwierigkeit greifen, weshalb Lieferschwierigkeiten kaum auftraten. Es gibt in einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl pharmazeutische Bedenken. Diese sind berechtigt und ernst zu nehmen. Durch neue Rabattverträge kommt es zu vermehrten pharmazeutischen Bedenken. Dies belegt einmal mehr die Bedeutung des Apothekers als wichtige letzte Kontrollinstanz bei der korrekten Umsetzung der Rabattverträge. Gerade bei der am häufigsten betroffenen Patientengruppe, älteren und multimorbiden Menschen, ist der Rat der Apotheke unverzichtbar für sinnvolle und wirkungsvolle Arzneimitteltherapie. Durch die Ergebnisse wird der effektive Nutzen der täglichen Arbeit in der Offizin gegenüber Kassen und Politik klar herausgestellt. Die Einführung der »pharmazeutischen Bedenken« stärkt die pharmazeutische Kompetenz und den freien Heilberuf Apotheker. Es fördert die Arzt-Apotheker-Kommunikation und bedeutet aber auch wirtschaftliche Verantwortung. Die Apothekerschaft ist gefordert, eine Sensibilisierung für pharmazeutische Bedenken durch Schulung des pharmazeutischen Personals herbeizuführen.

 

Danksagung

 

Jeder einzelne Studienteilnehmer hat gezeigt, dass die Prüfung auf pharmazeutische Bedenken einen wichtigen Beitrag der Apotheke zur Arzneimittelsicherheit darstellt. Noch mehr, dass dies eine Leistung ist, die wir unseren Patienten nicht vorenthalten dürfen, da die Mehrzahl der Kunden von Rabattverträgen betroffen ist. Die Bayerische Landesapothekerkammer ist bemüht, aufbauend auf diesen Daten strategische Programme zu initiieren, um die Pharmazeutische Betreuung von älteren Patienten zu fördern.

 

Die Autoren bedanken sich ganz herzlich bei allen beteiligten Apotheken der Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung und insbesondere bei deren Moderatoren für die konstruktive Zusammenarbeit! /

Literatur

  1. www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=31816; 22.2.2010
  2. www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=31664; 22.2.2010
  3. arznei-telegramm 2009;11:99
  4. www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=32644; 22.2.2010
  5. Statistisches Bundesamt, KM6 Statistik
  6. BMC Geriatrics 2009 unter www.biomedcentral.com/content/pdf/1471-2318-9-27.pdf
  7. WHO
  8. Schwabe, U., Paffrath, D. (Hrsg.), Arzneiverordnungsreport 2007. Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg 2007.
  9. Internist 2007;48:1220-31

Für die Verfasser:

Dr. Sonja Mayer

Bayerische Landesapothekerkammer

Maria-Theresia-Str. 28

81675 München

sonja.mayer(at)blak.aponet.de

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