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Nahrungsmittelallergien

Wenn Essen krank macht

12.03.2007
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Nahrungsmittelallergien

Wenn Essen krank macht

Von Margitta Worm

 

Nahrungsmittel können Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen. Diese Überzeugung ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Eine objektiv gesicherte Nahrungsmittelunverträglichkeitsreaktion ist jedoch nur etwa bei 2 bis 3 Prozent der Betroffenen nachweisbar (1). Nur in diesen Fällen ist eine strikte Diät indiziert und sinnvoll.

 

Diätempfehlungen sollten nur dann ausgesprochen werden, wenn eine klinisch relevante Nahrungsmittelunverträglichkeitsreaktion vorliegt oder wenn Literaturhinweise existieren, dass bestimmte Nahrungsmittel bestimmte Erkrankungen verschlechtern.

 

Beispiel für eine Hauterkrankung, bei der Nahrungsmittel als Triggerfaktoren postuliert werden, ist die Akne vulgaris. Sie manifestiert sich meist im Jugendalter während der Pubertät. In der Vergangenheit wurde hier immer wieder der Genuss von fetthaltigen Nahrungsmitteln wie Süßigkeiten oder Nüssen als verstärkende Faktoren diskutiert. Zahlreiche Studien zeigen jedoch, dass die wissenschaftliche Basis hierfür fehlt. Die Seborrhö (fettige Haut, vermehrte Talgabsonderung) als wichtiger pathophysiologischer Faktor der Akne ist im Wesentlichen genetisch beziehungsweise hormonell gesteuert (2). Entsprechende Diätempfehlungen sind daher wenig sinnvoll.

 

Beispiel für eine chronische Hauterkrankung im Erwachsenenalter ist die Rosacea (Acne rosacea, Kupferfinnen). Die Erkrankung tritt meist im Alter zwischen 40 und 50 Jahren auf und ist multifaktoriell bedingt (zum Beispiel Gefäßnervenlabilität, seborrhoische Konstitution, seltener Leber-, Magen-, Darmstörungen). Entgegen der lateinischen Bezeichnung handelt es sich nicht um eine Akne. Symptome sind unter anderem Papulo-Pusteln und erweiterte Kapillargefäße, die betont im Gesichtsbereich auftreten. Scharfe Nahrungsmittel sowie übermäßiger Alkoholkonsum werden als für die Pathogenese relevante Faktoren diskutiert (3). Die wissenschaftliche Evidenz für derartige Empfehlungen ist auch hier sehr begrenzt. Diätetische Maßnahmen müssen im Einzelfall überprüft werden.

 

Provokationstest gibt Aufschluss

 

Die häufigste Erscheinungsform einer allergischen Überempfindlichkeit von Haut oder Schleimhäuten als Sofortreaktion in Form eines toxisch-allergischen Exanthems auf exo- oder endogene Reize ist die Nesselsucht (Urticaria). Als Auslöser kommen Fremdeiweiß, tierische Sekrete, pflanzliche Substanzen oder Arzneimittel infrage.

 

Die Nesselsucht tritt bei bis zu 80 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben auf und ist begrenzt auf einen Zeitraum von bis zu sechs Wochen. Nahrungsmittel als Auslöser zu suchen, ist hier in der Regel nicht erforderlich. Eine symptomatische Therapie mit Antihistaminika reicht zumeist aus. Charakteristisch für die Nesselsucht sind stark juckende Quaddeln.

 

Geht die Erkrankung in ein chronisches Stadium über (Erkrankungsdauer über sechs Wochen), können bei rund einem Drittel der Betroffenen auch Nahrungsmittel eine Rolle spielen (4). Es handelt sich hierbei nicht um eine Allergie, sondern um eine nicht IgE-vermittelte Intoleranzreaktion. Dementsprechend können im Rahmen der Diagnostik keine Haut- oder Bluttestungen durchgeführt werden. Die einzige diagnostische Möglichkeit ist die Durchführung einer Provokationstestung. Hierbei werden Stoffe, die häufig Intoleranzreaktionen hervorrufen wie Farb- und Konservierungsstoffe, Antioxidanzien oder Histamin in verblindeter Form mit Kapseln exponiert (5). Da neben den urtikariellen Hautreaktionen auch Schwellungen im Gesichtsbereich auftreten können, die unter Umständen zu einer Verengung der Atemwege führen, müssen Provokationstestungen immer stationär durchgeführt werden. Liegt eine positive Provokationstestung vor, müssen die betroffenen Patienten umfassend beraten werden. Oft ist es nach Einhalten einer sogenannten pseudoallergenarmen Diät möglich, über einen langsamen Kostaufbau nach einigen Monaten wieder Normalkost zu erreichen.

 

Bei Neurodermitis IgE bestimmen

 

Auch beim atopischen Ekzem, besser bekannt als Neurodermitis, können Nahrungsmittelunverträglichkeitsreaktionen eine Rolle spielen. Das atopische Ekzem ist eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, die bei 10 bis 20 Prozent der Kinder sowie bei 2 Prozent der Erwachsenen auftritt (7). Vor allem im Kindesalter können die klassischen Nahrungsmittel (Hühnerei, Milcheiweiß, Erdnuss, Weizen, Soja) zu einer maßgeblichen Verschlechterung des Hautzustandes beitragen (8).

 

Im Rahmen der Initialdiagnostik müssen hier spezifische IgE-Antikörper im Blut bestimmt werden, gefolgt von einer Eliminationsdiät, bei der das zu vermutende Nahrungsmittel für einen Zeitraum von maximal zwei bis drei Wochen weggelassen wird. Anschließend folgen doppelblind placebokontrollierte Provokationstestungen.

 

Der Ekzemzustand wird vor und nach der Provokation mittels eines standardisierten Haut-Score-Systems dokumentiert. Tritt im Rahmen der Provokation ein bestimmter Verschlechterungsgrad ein, sollte das auslösende Nahrungsmittel gemieden werden. Bei bis zu 30 Prozent der unter zweijährigen Kinder mit atopischem Ekzem können solche klassischen Nahrungsmittelallergien eine pathogenetisch bedeutsame Rolle spielen.

 

Im Erwachsenenalter sind sie nur noch selten relevant. Hier finden sich, wenn überhaupt, klinisch bedeutsame Allergien im Rahmen der sogenannten pollenassoziierten Nahrungsmittelallergie. Typische Nahrungsmittel sind hier beispielsweise Kern- und Steinobst wie Äpfel und Pfirsiche oder Gemüse wie Möhren. Auch hier ist die klinische Relevanz mittels der doppelblind placebokontrollierten Provokationstestung zu überprüfen (9).

 

Eine IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie ist nicht zwangsläufig lebenslang vorhanden. Vor allem die Kuhmilchallergie im Kindesalter kann sich bei einem hohen Prozentsatz der betroffenen Kinder bis zum Eintritt in das Schulalter zurückbilden, oder es kann eine Toleranz entstehen. Daher ist es wichtig, die klinische Relevanz in Zeitabständen von ein oder zwei Jahren zu überprüfen.

 

Ersatz statt Verzicht

 

Wird eine Nahrungsmittelallergie durch doppelblind placebokontrollierte Provokationstestung bestätigt, muss auch hier diätetisch beraten werden. Das wichtigste Motto: Ersatz statt Verzicht.

 

Durch Zusammenarbeit mit Ökotrophologen ist es möglich, einen Ernährungsplan zu entwerfen, der dem Nährstoff- und Vitaminbedarf gerecht wird und gleichzeitig die auslösenden Allergene ausgrenzt. Zu berücksichtigen ist dabei, dass zum Beispiel bei pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien nicht selten die auslösenden Nahrungsmittel wie Apfel oder Möhre in verarbeiteter, gekochter Form gut verträglich sind.

 

Haben Patienten nach Nahrungsmittelaufnahme schwere Reaktionen (Luftnot und/oder Kreislaufreaktionen) gezeigt, ist neben einer differenzierten diätetischen Beratung immer die Verordnung eines Notfallsets erforderlich. Nur so kann sichergestellt werden, dass im Falle einer unbeabsichtigten Aufnahme zum Beispiel versteckter Nahrungsmittel eine ausreichende medizinische Versorgung gesichert ist.

 

Wichtig: Die Patienten müssen über die Handhabung der Notfallmedikamente und die Notwendigkeit, diese regelmäßig bei sich zu führen, ausreichend aufgeklärt werden. Ein Notfallset sollte bestehen aus einem Antihistaminikum, Cortikosteroiden und bei Kreislaufreaktionen auch Adrenalin.

 

 

Literatur bei der Verfasserin

Anschrift der Verfasserin:

Professor Dr. Margitta Worm

Allergie-Centrum-Charité

Klinik für Dermatologie und Allergologie

Charitéplatz 1

10117 Berlin

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