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Wahltarife

Experiment mit vielen Unbekannten

12.03.2007
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Wahltarife

Experiment mit vielen Unbekannten

Von Daniel Rücker

 

Ab dem 1. April werden die Krankenkassen ihren Versicherten Wahltarife anbieten. Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) verpflichtet sie dazu. Aktiv beworben wird bislang allerdings fast ausschließlich der Selbstbehalttarif.

 

Das System ist einfach: Der Patient verpflichtet sich, seine Behandlungskosten bis zu einem bestimmten Betrag, zum Beispiel 1000 Euro, selbst zu tragen. Dafür erhält er von seiner Krankenkasse am Jahresende einen Bonus, etwa 600 Euro. Für Menschen, die selten krank sind, kann sich dies lohnen und das finanzielle Risiko ist überschaubar. Ähnlich funktionieren Wahltarife, bei denen die Krankenkasse ihren Versicherten, die während eines Jahres keine Leistungen in Anspruch nehmen, am Jahresende eine Prämie auszahlt.

 

Bei den Krankenkassen stehen gerade solche Wahltarife hoch im Kurs. Wer sich auf den Websites von TK, AOK oder DAK über Wahltarife informieren will, findet fast ausschließlich diese Angebote. Das ist auch wenig verwunderlich, interessieren sich doch aus nahe liegenden Gründen vor allem junge und gesunde Menschen für Selbstbehalte und Boni bei Nichtinanspruchnahme von Leistungen.

 

Nur »Kann«-Tarife

 

Die Bundesregierung hat dagegen andere Präferenzen. Die bei den Krankenkassen favorisierten Angebote fallen im GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz lediglich in die Gruppe der Tarife, die eine Krankenkasse anbieten kann. Verpflichtend sind nach dem Gesetz besondere Tarife für Versicherte, die an integrierter Versorgung oder Hausarzt-Programmen, Disease-Management-Programmen oder einer besonderen ambulanten ärztlichen Versorgung teilnehmen. Diesen müssen die Krankenkassen Teilnahmeprämien oder eine niedrigere Zuzahlung anbieten. Für die Versicherten gibt es übrigens keine Pflicht. Sie können frei entscheiden, ob sie diesen besonderen Tarif haben möchten. Über die Mindestlaufzeit der verpflichtenden Wahltarife entscheiden Kassen und Versicherte. Der Gesetzgeber hält sich hier raus.

 

Für alle »Kann«-Tarife gibt es dagegen eine Mindestlaufzeit von drei Jahren. Kürzer terminierte Tarife dürfen die Krankenkassen nicht anbieten. Die Bundesregierung hat mit dem GKV-WSG auch eine Obergrenze für die Boni festgelegt, die die Krankenkassen den Versicherten gewähren dürfen. Maximal 20 Prozent des Gesamtbeitrags oder 600 Euro dürfen die Krankenkassen zurückzahlen.

 

Wahltarife müssen aber nicht zwingend weniger kosten als der Standardtarif einer Krankenkasse. So können die Kassen ihren Mitgliedern auch einen flexiblen Kostenerstattungstarif offerieren. Das Kassenmitglied kehrt dem Sachleistungsprinzip den Rücken und entscheidet sich für die Erstattung der Behandlungskosten und die Möglichkeit für eine Zusatzprämie auch teurere Leistungen als im Standardtarif in Anspruch zu nehmen.

 

Mehr statt weniger Leistungen bieten Tarife, in denen die Krankenkassen die Kosten für aus der Regelversorgung ausgeschlossene Arzneimittel übernehmen. So können sich Anhänger von Anthroposophie, Homöopathie oder Phytotherapie wieder verstärkt nach ihren Vorstellungen behandeln lassen.

 

Die Krankenkassen werden wahrscheinlich Tarife mit größerem Leistungsangebot nicht besonders offensiv bewerben, da sich die Versicherten für drei Jahre festlegen, wenn es sich für sie sicher rechnet. Das setzt einen stabilen und großen Bedarf an den jeweiligen Zusatzleistungen voraus. Für die Krankenkassen bedeutet dies Mehrkosten und die stehen ganz sicher nicht auf ihrer Wunschliste.

 

Ab Januar 2009 sollen weitere Wahltarife folgen. So müssen die Krankenkassen dann Tarife mit Anspruch auf Krankengeld für die Personenkreise anbieten, die in der Regelversorgung keinen Anspruch auf Krankengeld haben, etwa selbstständige Handwerker. Darüber hinaus dürfen Krankenkassen für ihre Versicherten auch einen Wahltarif mit eingeschränkten Leistungen auflegen. Dieses Angebot richtet sich in erster Linie an diejenigen, die heute einen ermäßigten Beitragssatz bei Teilkostenerstattung gewählt haben. Dies wird mit Start des Gesundheitsfonds ab 2009 nicht mehr möglich sein. Statt der Beitragsermäßigung dürfen die Kassen dann für die Teilkostenerstattung eine Prämie auszahlen.

 

Die Wahltarife sind ein Experiment mit vielen Unbekannten. Wie viele Versicherte sich für einen Tarife abseits vom Standard einlassen werden, lässt sich noch nicht prognostizieren. Gute Chancen auf einen Erfolg haben die Selbstbehalttarife. Hier könnte sich am ehesten eine Win-win-Situation für Krankenkassen und Versicherte ergeben. Gesunde Versicherte sparen auf diesem Weg einen Teil des Beitrages und die Kassen könnten so kostengünstige Versicherte von anderen Kassen abwerben.

 

Erfahrungen mit einem Selbstbehalttarif hat lediglich die TK. Im Jahr 2003 hatte sie gegen den Widerstand von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt als erste und einzige Krankenkasse einen Bonustarif eingeführt. Versicherte, die sich dafür entscheiden, erhielten zum Jahresbeginn einen Bonus von 240 Euro. Im Gegenzug mussten sie sich dazu verpflichten, bis zu 300 Euro ihrer Behandlungskosten zu übernehmen. Nach TK-Angaben hatten sich im vergangenen Jahr von den rund 4 Millionen Mitgliedern 21.000 für den Selbstbehalttarif entschieden.

 

Hemmend dürfte sich bei diesem und allen anderen »Kann«-Tarifen die lange Vertragslaufzeit auswirken. Wer sich für einen dieser Tarife entscheidet, bindet sich nämlich nicht nur drei Jahre an den Tarif, sondern auch an die Krankenkasse. Auch bei einer Beitragssatzerhöhung gibt es kein Sonderkündigungsrecht mehr. Verbraucherschützer raten deshalb den Versicherten, den Wechsel in einen anderen Tarif genau zu prüfen. Statt der erhofften Einsparung oder Qualitätsverbesserung könnte der Wechsel sonst schnell zur Kostenfalle werden.

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