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Phytopharmaka

Bei Herzleiden fehl am Platz

08.03.2017
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Von Annette Mende / Für pflanzliche Mittel gibt es zum Einsatz bei kardiovaskulären Erkrankungen noch zu wenig wissenschaftliche Evidenz, um die Anwendung zu empfehlen. Dieses Fazit zieht eine Gruppe um Dr. Rosa Liperoti von der Università del Sacro Cuore in Rom aktuell im »Journal of the American College of Cardiology«.

Viele der bei Herz-Kreislauf-Leiden eingesetzten Pflanzen zeigen zwar eine Wirkung auf beteiligte physiologische Vorgänge. Die verfügbaren Daten aus klinischen Studien sind jedoch dünn und belegen keine Auswirkung auf klinisch relevante Parameter, so die Autoren. Sie stützen ihre Einschätzung auf eine Auswertung der vorhandenen Daten zu häufig eingesetzten pflanzlichen Mitteln, die sie jedoch laut eigenen Angaben »unsystematisch« gesichtet hatten (DOI: 10.1016/j.jacc.2016.11.078).

Hinweise auf eine positive Wirkung bei kardiovaskulären Erkrankungen fanden Liperoti und Kollegen für Leinsamenöl, Mariendistel, Traubenkerne, grünen Tee, Weißdorn, Knoblauch und Soja. Die Effekte waren dabei unterschiedlich stark ausgeprägt und bezogen sich auf verschiedene Parameter, etwa den Cholesterolspiegel (Leinsamen, Soja, Knoblauch und grüner Tee), den Blutzucker (Mariendistel) oder den Blutdruck (Traubenkerne). Größere Studien seien jedoch erforderlich, um die Wirkungen zu verifizieren und quantifizieren. Keine oder widersprüchliche Ergebnisse gab es zu Tragant (Astragalus membranaceus), der in der traditionellen chinesischen Medizin als Stärkungsmittel eingesetzt wird, Ginseng (Panax ginseng), dem blutdruck-, glucose- und -lipidsenkende Eigenschaften zugeschrieben werden, und Ginkgo biloba, der in letzter Zeit auch bei koronarer Herzkrankheit getestet worden sei.

 

Dem zumindest fragwürdigen Nutzen stehen häufig mögliche Interaktionen, etwa über Enzymsysteme, gegenüber, betonen die Autoren. Beim Ginkgo sahen sie zudem Hinweise auf eine möglicherweise schwerwiegende Nebenwirkung, nämlich ein erhöhtes Blutungsrisiko aufgrund der plättchenhemmenden Wirkung. Ärzte sollten sich daher mehr Wissen über die Wirkungen, Nebenwirkungen und Inter­aktionsmöglichkeiten von pflanzlichen Mitteln aneignen, um diese mit ihren Patienten diskutieren zu können. Ins­besondere sei es wichtig, Patienten darauf hinzuweisen, dass das Attribut »natürlich« bei einem Präparat nicht automatisch »sicher« bedeutet. Gezieltes Nachfragen dürften dafür notwendig sein, denn sehr häufig geben Patienten die Anwendung pflanzlicher Mittel nicht von sich aus an.

 

Professor Dr. Theo Dingermann von der Goethe-Universität Frankfurt am Main kommentierte die Studie gegenüber dem »Deutschen Ärzteblatt«. »Was hier analysiert wurde, entstammt größtenteils der Volksmedizin und nicht der Schulmedizin, der sich die rationale Phytotherapie verpflichtet fühlt«, sagte der Apotheker. Bei kardiovaskulären Indikationen seien Phytopharmaka und Heilpflanzen zweifelsfrei überfordert.

 

Zu bedenken sei allerdings auch, dass die Anforderungen an pflanzliche Arzneimittel in Europa deutlich höher seien als beispielsweise in den USA. In Deutschland gebe es kein einziges Extraktpräparat, das als deklarierte Indikation eine der relevanten kardiovaskulären Krankheiten ausweist, so Dingermann. Nach einer Neubewertung des Weißdorns durch die Europäische Arzneimittelagentur verlor dieser erst kürzlich die Empfehlung zum Einsatz bei Herzinsuffizienz, darf aber weiter zur Unterstützung der Herz-Kreislauf-Funktion ein­gesetzt werden (lesen Sie dazu auch Herzinsuffizienz: Weißdorn nicht mehr empfohlen, PZ 1/2017, Seite 18 in der Druckausgabe). /

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