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Ärztemangel

Abkehr von der Einzelpraxis

04.03.2014  16:36 Uhr

Von Stephanie Schersch, Berlin / Die Mediziner warnen vor einem breiten Ärztemangel in Deutschland. Aus Sicht der Krankenkassen fehlen lediglich einige Hausärzte auf dem Land. Helfen sollen mehr Gemeinschaftspraxen und eine Reform der Ausbildung.

Für Johann-Magnus von Stackelberg ist die Sache klar: »In Deutschland gibt es so viele Ärzte wie noch nie«, sagte der Vizevorstand des GKV-Spitzenverbands vergangene Woche in Berlin. Die Verteilung sei jedoch ein Problem. So gebe es in einigen wenigen Regionen Versorgungslücken im hausärztlichen Bereich.

 

Nach jüngsten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fehlen bundesweit ganze 2600 Hausärzte, hinzu kommen 2000 unbesetzte Facharztstellen. Die Kassen halten das für stark übertrieben. Die KBV rechne mit einem Versorgungsgrad von 110 Prozent, sagte von Stackelberg. Dabei sei eine Auslastung von 100 Prozent völlig ausreichend. So gerechnet fehlten lediglich 1000 Hausärzte, bei den Fachärzten gebe es überhaupt keinen Mangel. Um nur die akut unterversorgten Gebiete besser auszustatten, wären dem Verbandsvize zufolge sogar nur 100 zusätzliche Mediziner vonnöten.

 

Arbeit im Team

 

Als eine Lösung des Problems fordern die Krankenkassen, dass Ärzte künftig stärker miteinander kooperieren und Gemeinschaftspraxen gründen. Insgesamt müsse es mehr Möglichkeiten geben, als angestellter Arzt zu arbeiten, so von Stackelberg. Gerade jungen Medizinern werde damit der Weg in die Praxis und aufs Land erleichtert. Darüber hinaus stelle die wachsende Zahl mulimorbider Patienten die Versorgung vor neue Herausforderungen. Daher müssten vermehrt Ärzte verschiedener Fachrichtungen in einem Team zusammenarbeiten.

 

Aus Sicht der Kassen könnten sich die Versorgungsprobleme bei den Allgemeinmedizinern allerdings verschärfen. Schon heute entschieden sich zu viele Medizinstudenten für eine Laufbahn als Facharzt. »In Deutschland werden viel zu wenige Hausärzte ausgebildet«, so von Stackelberg. Er sieht einen Grund dafür im Studium, das zu sehr auf Spezialisierung ausgerichtet sei. Künftig müsse an den Hochschulen die hausärztliche Basisversorgung stärker im Mittelpunkt stehen.

 

Nachbessern möchte der GKV-Spitzenverband auch bei der Vergütung der niedergelassenen Ärzte. Ihr Einkommen liege mit durchschnittlich 166 000 Euro auf Rekordniveau, hieß es. Die Honorierung der Mediziner hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Dabei spielt der Behandlungsbedarf der Versicherten eine große Rolle, der unter anderem auf Basis von Diagnosedaten errechnet wird.

 

Manfred Partsch, der beim GKV-Spitzenverband den Bereich ambulante Versorgung leitet, hält das für einen »Kardinalfehler« im System. Schließlich könnten die Ärzte auf diese Weise theoretisch ihre Honorare indirekt beeinflussen. Meldeten die Mediziner mehr oder schwerwiegendere Diagnosen, steige automatisch die Honorarsumme insgesamt, die an die Mediziner ausgezahlt werde, so Partsch.

 

Falsche Diagnosen

 

Dabei gebe es sogar Hinweise, die an der Qualität der gestellten Diagnosen zweifeln ließen. So hätte die Anzahl der Diabetiker in Deutschland auf Basis der ausgewerteten Diagnosen zuletzt um jährlich 8 Prozent steigen müssen. Zahlen aus dem Robert-Koch-Institut zeigten jedoch, dass die Steigerung tatsächlich nur bei knapp 2 Prozent gelegen habe. »Es ist völlig inakzeptabel, wenn Diagnosen übertrieben aufgeschrieben werden, um mehr Honorar für die Ärzteschaft herauszuholen«, sagte von Stackelberg. »Hier muss der Gesetzgeber neue Bedingungen schaffen.«

 

Die Bundesärztekammer (BÄK) warf den Krankenkassen billige Polemik vor. Der sich abzeichnende Medizinermangel lasse sich nur beheben, wenn es gelinge, die Attraktivität des Arztberufes zu steigern. »Mit ewig gestrigen Neidkampagnen der Krankenkassen über vermeintlich hohes Einkommen auf Rekordniveau ist das allerdings nicht zu erreichen«, sagte BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery. /

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