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Unverbindliche Unterstützung

07.03.2006  18:05 Uhr

Pharmastandort

Unverbindliche Unterstützung

von Thomas Bellartz und Sven Siebenand, Magdeburg

 

Es ist Wahlkampf in Sachsen-Anhalt. Und auch deswegen kam die Kanzlerin nach Barleben. Sie kam, um den Pharmastandort zu loben, das unternehmerische Wirken und den Ministerpräsidenten.

 

Wenn die Kanzlerin zu Besuch kommt, dann putzen sich Unternehmen besonders heraus. In den Labors und Produktionsstätten der Salutas Pharma GmbH bei Magdeburg muss man nicht eigens Hand anlegen. Die Pharmaproduktion und die Labors sind reinlich bis steril. Wer befürchtete, dies habe irgendeinen negativen Einfluss auf die Bundeskanzlerin, sah sich getäuscht. Die Wissenschaftlerin aus dem Kanzleramt kennt sich aus in Laboren und Forschungseinrichtungen. Wo andere Politiker mit einem Blick der Verzweiflung Fragezeichen in den Reinraum werfen, taut Merkel erst richtig auf.

 

Die Kanzlerin erwies sich als erstaunlich interessierter und - eine kurze Aufwärmphase war ihr gegönnt - auch freundlich lächelnder Gast. Während sich die Mitarbeiter mit ihren weißen Häubchen und den mindestens ebenso weißen Kitteln die Nasen an den Fenstern platt drückten, um einen Blick auf die Regierungschefin zu erheischen, lauschte die zunächst bedächtig den Begrüßungsformeln, um dann selbst das Kommando zu übernehmen. Das ist sie schließlich nicht anders gewohnt aus Berlin.

 

Mitarbeiter und Management war trotz des Arzneimittelverordnungs-Wirtschaftslichkeitsgesetzes (AVWG) nicht die Lust vergangen am Besuch der Kanzlerin. Das Gesetz tauchte zwar auf in den Gesprächen zwischen den Besuchern und dem Management. Aber bösartige Einflüsse auf die gute Stimmung sollte das nicht haben. Dafür sorgte Merkel ganz von selbst. »Dieser Betrieb zeigt, wie Deutschland seine Stärken weiter ausbauen kann, nämlich durch intensive und kreative Investitionen«, sagte die Kanzlerin nach dem Rundgang im neuen Labor- und Logistikgebäude.

 

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bisher wurden am Standort Magdeburg insgesamt 348 Millionen Euro investiert. Damit avancierte die Salutas Pharma GmbH seit ihrer Gründung im Jahre 1992 zu einer der modernsten Pharmaproduktionsstätten in Europa. Auf einer Gesamtfläche von rund 34 Hektar, mehr als 50 Fußballfelder, produziert Salutas die komplette Palette der festen peroralen Darreichungsformen, aber auch Liquida, Salben und hochwirksame Arzneimittel.

 

»Auf der Basis von mehr als 300 Wirkstoffen stellt das Unternehmen derzeit rund 8.000 Endprodukte her«, sagte Salutas-Geschäftsführerin Antje Schleußner. Allein im Jahr 2005 wurden im Werk Magdeburg rund 7,7 Milliarden Kapseln und Tabletten hergestellt, ein Plus von fast 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beispielsweise läuft ACC akut®, Marktführer unter den Hustenlösern, hier vom Band.

 

Zielrichtung für die kommenden drei Jahre ist laut Schleußner eine Produktionsrate von 10 Milliarden Tabletten oder Kapseln jährlich. Bereits heute stellt Salutas etwa jede vierte Sandoz-Tablette her. »Da hätte der Firmensitz von Sandoz auch gleich nach Magdeburg verlegt werden können«, fügte Merkel hinzu. Sie spielte dabei auf den Umzug der globalen Sandoz-Zentrale von Wien nach Holzkirchen im vergangenen Jahr an.

 

Anfang der 1990er-Jahre ging Salutas mit etwa 200 Mitarbeitern an den Start. Heute sind dort etwa 1200 Mitarbeiter sowie 50 Auszubildende beschäftigt. Die jüngsten Kapazitätserweiterungen führten allein im vergangenen Jahr zur Schaffung von mehr als 100 neuen Arbeitsplätzen. »Das Unternehmen stellt damit einen wichtigen Motor für die regionale Wirtschaft dar«, betonte Wolfgang Böhmer (CDU). Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt begrüßte diese Personalentwicklung und die stetige Schaffung von Ausbildungsplätzen. Zusammen mit der Bundeskanzlerin hatte er sich in einem Mitarbeitergespräch von der hohen Arbeitsplatzzufriedenheit überzeugt.

 

Bei der Besichtigung des neuen Laborgebäudes mit einer Nutzfläche von 5.000 Quadratmetern interessierte sich Merkel vor allem für die modernen Analysemethoden. Mit dem Bau eines weiteren Logistikgebäudes erweiterte Salutas seine Lagerkapazitäten um mehr als 18.000 Palettenstellplätze. Merkel durchlief auf ihrem Rundgang eine der Kommissionier-Strassen. Insgesamt 230 Millionen Arzneimittelpackungen kommissionierte Salutas im Jahr 2003; 45 Millionen davon gingen über das Logistikzentrum in den weltweiten Export.

 

In einem Gespräch mit der Geschäftsführung hatte Merkel Themen der Gesundheitspolitik diskutiert. Dr. Andreas Rummelt, Chief Executive Officer (CEO) von Sandoz, hob den besonderen Stellenwert von Generikapräparaten hervor. Sie könnten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems zu erhalten und dennoch Kosten zu senken. Notwendig seien dazu allerdings stabile Rahmenbedingungen. Merkel versprach, dass Arzneimittel-Gesetze nicht dazu führen werden, dass der Pharmastandort Deutschland geschwächt wird oder Arbeitsplätze verloren gehen. Mit von der Partie war auch Dr. Andreas Strüngmann, einer der Hexal-Gründer.

Profil

Die Salutas Pharma GmbH, eine Tochter des Arzneimittelherstellers Sandoz International GmbH, Holzkirchen, gehört zu den modernsten Pharma-Produktionsstätten Europas. Für die Region Sachsen-Anhalt bildet Salutas mit ihren 1170 Mitarbeitern einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Im Zuge eines langfristigen Investitionsprogramms wurden Ende 2005 ein weiteres Labor- und zwei Logistikgebäude in Betrieb genommen.

 

Das Werk wurde 1992 als Salutas Fahlberg-List privatisiert und 1996 nach Investitionen von rund 170 Millionen Euro in Betrieb genommen. Das Werk verfügt heute über rund 22.300 Quadratmeter Reinraumfläche allein für die Produktion.

 

Die jüngsten Kapazitätsausweitungen haben zur Neueinstellung von mehr als 100 Fachklräften geführt. Knapp 50 Auszubildende werden beschäftigt. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich seit 1992 versechsfacht.

An die Grenzen der Belastbarkeit - Interview mit Wolfgang Späth, Leiter Marketing und Vertrieb der Hexal AG

PZ: Welchen Eindruck hatten Sie vom Besuch der Bundeskanzlerin?

Späth: Einen sehr positiven. Sie hat sich nicht nur Zeit für die Werksbesichtigung genommen, sondern auch für einen Austausch mit den Mitarbeitern und dem Management.

 

PZ: War das AVWG auch ein Thema?

Späth:  Ja, natürlich. Frau Dr. Merkel hat von sich aus angesprochen, wie wir das Gesetz einschätzen.

 

PZ: Und wie haben Sie geantwortet?

Späth:  Wie Dr. Rummelt betonte, laufen wir Gefahr »englische Verhältnisse« zu bekommen, das heißt wir entfernen uns zusehends von einer freien Marktwirtschaft hin zu einem strikt reglementierten Markt. Wir halten das für bedenklich.

Darüber hinaus glauben wir, dass das AVWG die Marktteilnehmer Apotheke und Generika-Industrie an die Grenzen der Belastbarkeit führt. Auch wenn durch das Gesetz kurzfristig Einsparungen erzielt werden; langfristig kann es dem Gesundheitssystem und dem Standort Deutschland schaden.

 

PZ: Ist die »Standortfrage« nicht eine leere Drohung der Industrie, die immer dann kommt, wenn es ihr an den Geldbeutel geht?

Späth:  Das sehen wir nicht so. Allein Sandoz, Salutas und Hexal bieten rund 5000 Arbeitsplätze in Deutschland. Wir möchten gerne weiter hier investieren, aber dazu brauchen wir langfristig kalkulierbare Rahmenbedingungen und ein System, das auch andere Werte als nur den nie-drigsten Preis akzeptiert.

Für die Apothekenlandschaft gilt das übrigens noch viel mehr: Die Bedeutung der Apotheke unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsplätze wird sicher nicht angemessen wahrgenommen.

 

PZ: Wie sehen Sie die Zeit nach dem 1. April?

Späth:  Viel wird davon abhängen, wie verantwortungsvoll man von Seiten der Kassen mit den Instrumenten der Zuzahlungsbefreiung bei extrem niedrigpreisigen Präparaten, der Bonus-Malus-Regelung für Ärzte und der Absenkung der Festbeträge vorgeht. Wie stark das AVWG den Markt verändert, wird man erst Mitte 2007 sagen können.

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