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Neue Arzneistoffe dringend benötigt

07.03.2006  13:53 Uhr

Afrikanische Schlafkrankheit

Neue Arzneistoffe dringend benötigt

von Sven Siebenand, Berlin

 

Der Erreger der Schlafkrankheit Trypanosoma brucei gambiense beziehungsweise rhodesiense kann nur mit Hilfe seiner Geißel im menschlichen Organismus überleben. Die peitschenartigen Proteinschwänze, die den einzelligen Parasiten zur Fortbewegung im Blut dienen, sind auch seine Achillesferse.

 

Das Flagellum ist für den Erreger von größerer Bedeutung als bislang angenommen, berichten Wissenschaftler um Professor Dr. Keith Gull an der Universität Oxford im Fachjournal »Nature« (Band 440, Seite 224 bis 227). Die Forscher schalteten gezielt die Expression einzelner Gene aus, um die Funktion der von ihnen kodierten Proteine für die Fortbewegung zu ermitteln. Dabei entdeckten sie, dass die Erreger in der Blutbahn ohne ihre Geißel nicht überleben können. Die neue Erkenntnis könnte nun bei der Entwicklung von neuen Arzneistoffen gegen die Schlafkrankheit helfen, die das Flagellum lahm legen. Die Aussichten auf einen Impfstoff sind gering.

 

Extrazelluläre Parasiten

 

Die einzelligen Parasiten Trypanosoma brucei gambiense (westafrikanische Form) und Trypanosoma brucei rhodesiense (ostafrikanische Form) werden durch den Stich der Tsetse-Fliege auf den Menschen übertragen. Im Gegensatz zur Malaria-Mücke sind die Tiere auch tagaktiv.

 

Der Krankheitsverlauf umfasst drei Stadien: Im ersten Stadium entwickelt sich wenige Tage nach der Infektion an der Einstichstelle eine kleine, aber schmerzhafte Entzündung. Es folgt die hämolymphatische Phase mit dem charakteristischen Anschwellen der Lymphknoten, vor allem am Hals. Zudem treten Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Ödeme, Jucken und Exantheme auf. Nach einigen Monaten (bei T. brucei rhodesiense oft schon nach wenigen Wochen) dringen die Erreger in das zentrale Nervensystem ein, und die eigentliche Schlafkrankheit beginnt. Im meningoenzephalitischen Stadium leiden die Betroffenen unter Konzentrationsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen (Reizbarkeit), Umkehr des Schlaf-Wach-Rhythmus mit Schlaflosigkeit in der Nacht und gesteigertem Schlafbedürfnis am Tag. Im Endstadium steigt das Schlafbedürfnis zunehmend und die Patienten fallen in einen kontinuierlichen Dämmerzustand, der namensgebend ist.

 

Unbehandelt verläuft die Schlafkrankheit, die nur im tropischen Afrika vorkommt, in der Regel tödlich. Im Jahr 1999 wurden rund 45.000 Infektionen dokumentiert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass die tatsächliche Zahl von Patienten aber zwischen 300.000 und 500.000 jährlich liegt.

 

Hoch toxisches Arsenpräparat

 

Die Entwicklung neuer Wirkstoffe zur Behandlung der Schlafkrankheit ist von großer Bedeutung. Die derzeit zur Verfügung stehenden vier Arzneistoffe haben starke Nebenwirkungen und sind schwierig zu verabreichen. Zudem haben die Einzeller in den vergangenen Jahren vermehrt Resistenzen gegen sie ausgebildet. Im Frühstadium werden Pentamidin und Suramin in der Therapie eingesetzt. Beide Wirkstoffe wirken nicht auf Erreger im ZNS, da sie die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden.

 

Sind die Parasiten bereits dorthin vorgedrungen, wird Melarsoprol oder Eflornithin verabreicht. Das arsenhaltige Melarsoprol wurde bereits vor mehr als 50 Jahren entwickelt. Die Injektion ist sehr schmerzhaft und die neurotoxischen Nebenwirkungen führen in 3 bis 10 Prozent der Fälle zum Tod. Da sich das Alternativmedikament Eflornithin (DFMO) wirtschaftlich nicht rechnete, hat der Hersteller die Produktion Mitte der 1990er-Jahre eingestellt. Erst als Eflornithin in einem Anti-Bartwuchs-Mittel für Frauen in Industrieländern auf den Markt kam, wurde international Druck ausgeübt. Der Hersteller und die WHO einigten sich schließlich auf ein Programm, den Wirkstoff wieder in Afrika einzusetzen.

 

Afrikareisende in Gebiete zwischen dem 20. Breitengrad nördlich und dem 20. Breitengrad südlich sollten sich gegen den Stich der Tsetse-Fliege mit Repellentien, geeigneter Kleidung sowie Moskitonetzen schützen. Eine Übertragung der Erreger von Mensch zu Mensch findet nicht statt.

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