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Chemotherapie gegen Vogelgrippe

07.03.2006  10:44 Uhr

Forschung

Chemotherapie gegen Vogelgrippe

 

PZ  Eine Chemotherapie, die derzeit bei einer bestimmten Erkrankung des Immunsystems eingesetzt wird, könnte auch bei der Behandlung von Menschen wirksam sein, die mit der durch H5N1 verursachten Form der Vogelgrippe infiziert sind. Diese These stellten Wissenschaftler des schwedischen Karolinska Instituts auf, die jetzt im Fachmagazin Lancet veröffentlicht wurde.

 

Der Onkologe Jan-Inge Henter stellte fest, dass die Symptome einer H5N1-Infektion denen einer hämophagozytischen Lymphohistiozytose (HLH) ähnelten. Dabei handelt es sich um eine häufig tödlich endende Immunerkrankung. So kommt es zum Beipiel auch bei H5N1-Patienten zu schweren Überreaktionen des Immunsystems, die auch bei HLH-Patienten auftreten. So steht auch die Todesursache wie bei HLH häufig mit einer Sepsis und einem multiplen Organversagen in Zusammenhang.

 

Eine HLH wird mit zahlreichen Medikamenten behandelt, darunter auch das Zytostatikum Etoposid. Wird die Chemotherapie sofort verabreicht, verbesserte die Behandlung die Überlebensraten von HLH-Patienten von 56 auf 90 Prozent. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie mit Patienten, die an der mit dem Epstein-Barr-Virus zusammenhängenden Form an HLH erkrankt waren. Laut Henter ist Etoposid bei Immunzellen ein ausgezeichneter Auslöser eines programmierten Zelltodes. »Wir glauben, dass bei Patienten mit einer schweren H5N1-Infektion die Regulierung des Immunsystems außer Kontrolle geraten ist. Wir versuchen, durch das gezielte Zerstören von Zellen wieder eine Balance herzustellen.«

 

Henter forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf, Wissenschaftler zur Erforschung dieser Hypothese anzuregen. Er argumentiert, dass mit diesem Ansatz die Arbeit mit Tiermodellen umgangen werden und man sich direkt auf Patienten mit H5N1 konzentrieren könne, die an HLH leiden.

 

Die WHO hat bis jetzt noch keine formelle Erklärung abgegeben.

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