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Infliximab-Biosimilars

Konkurrenz für Remicade

25.02.2015
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Seit wenigen Tagen stehen erstmals zwei Infliximab-Biosimilars zur Verfügung. Eines davon ist Remsima® von Mundipharma. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat beide Präparate für eine Reihe von Erkrankungen bei Erwachsenen zugelassen, darunter rheumatoide Arthritis (RA) und ankylosierende Spondylitis (AS).

Die Biosimilars sind in den gleichen Indikationen zugelassen wie das Originalprodukt Remicade® von MSD. Neben RA und AS (Morbus Bechterew) sind dies Psoriasis-Arthritis, Psoriasis sowie die beiden chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Bei den Darmerkrankungen erstreckt sich die Zulassung auch auf Kinder ab sechs Jahren. Wie das Original werden sie gewichtsadaptiert dosiert (3 oder 5 mg/kg Körpergewicht) und vom Arzt intravenös appliziert.

 

Extrem ähnliche Kopie

»Ein Biosimilar ist die Kopie eines lang erprobten rekombinanten Wirkstoffs, die nicht besser und nicht schlechter sein darf als das Original«, erklärte Professor Dr. Theo Dingermann von der Goethe-Universität, Frankfurt, bei der Remsima-Launch-Pressekonferenz in München. Auf molekularer Ebene seien Biosimilars nicht absolut deckungsgleich mit dem Referenzprodukt, aber »extrem ähnlich«. Sie können zum Beispiel im Glykosylierungsmuster leicht voneinander abweichen. Allerdings müssen die komplexen Moleküle ein analoges Spezifikationsspektrum haben, was analytisch nachzuweisen ist. Dies sei nur möglich geworden durch die enormen Fortschritte in der Bioanalytik der vergangenen Jahre, betonte der Apotheker. Selbst hochkomplexe Moleküle wie Antikörper mit ihren komplizierten Zuckerstrukturen könnten heute im Labor exakt charakterisiert werden (mehr zum Thema Biosimilar lesen Sie im Titelbeitrag der PZ 40/2013).

 

Dingermann wies darauf hin, dass es bei Biomolekülen von Charge zu Charge immer Strukturvariationen gibt, die innerhalb bestimmter Grenzen »typisch« sind. Solche Variationen könnten beispielsweise aus Änderungen des Produktionsprozesses resultieren. Streng genommen entstünden bei der Herstellung neuer Chargen eines rekombinanten Wirkstoffs immer auch Biosimilar-Moleküle, ohne dass dies klinisch relevant ist.

 

»Die Strukturen von Biosimilars sind identisch mit denen des Originals in den Grenzen, in denen Biologicals identisch sein können«, stellte Dingermann fest. Wenn aber Biosimilar und Original gleiche molekulare Spezifikationen haben, garantiere dies die Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit des Zweitprodukts. Die europäische Zulassungsbehörde EMA prüfe dies in einem streng geregelten Zulassungsprozess, bevor sie grünes Licht für ein Biosimiliar gibt.

 

Aus pharmazeutischer Sicht seien diese Präparate echte Alternativen zu den Originatorprodukten, sagte Dingermann. Doch auch wenn Remsima nun EU-weit zugelassen ist: Ein Switch – also die Umstellung von Patienten, die bisher das Infliximab-Original be­kamen – sei von der Zulassung nicht abgedeckt. Auf keinen Fall dürfe man gegen den Willen des Patienten substituieren.

 

Für therapienaive Patienten spiele es dagegen keine Rolle, ob die Behandlung mit dem Original oder dem Bio­similar beginnt. Dies liege allein im Ermessen des Arztes. Dingermann wies ausdrücklich darauf hin, dass Apotheker in jedem Fall das verordnete Präparat abgeben und keinesfalls eigenmächtig substituieren.

Patienten-Pass erleichtet Doku

Biosimilars sind nicht am INN (International Nonproprietary Name) erkennbar. Dennoch handelt es sich bei Originator und Biosimilar um verschiedene Arzneimittel. Um die Dokumentation zu erleichtern, bietet Mundipharma den Ärzten für Remsima®-Patienten einen Infusionspass an. Bei jeder Infusion könnten Chargennummer und Produktname in einer Tabelle vermerkt werden. Auch Probleme bei vorangegangenen Infusionen, Begleittherapien oder Nebenwirkungen könnten dokumentiert werden

Originator und Biosimilar im direkten Vergleich

 

Große Erwartungen knüpft Professor Dr. Klaus Krüger vom Praxiszentrum St. Bonifatius in München an das erste Biosimilar in der Rheumatologie. Der TNFα-Inhibitor Infliximab habe die Therapie rheumatischer Erkrankungen seit seiner Einführung 2000/2001 revolutioniert, denn er dämpfe nicht nur die Krankheitsaktivität der RA. Viele Patienten hätten eine gute Lebensqualität und könnten ihren Beruf weiter ausüben. Krüger hofft, dass »das Preis­gefüge der Biologika in Bewegung kommt« und künftig mehr Patienten damit behandelt werden.

 

Der Rheumatologe stellte zwei randomisierte doppelblinde Multicenterstudien vor, in denen Pharmakokinetik, Wirksamkeit und Sicherheit von Remsima® mit dem Referenzprodukt Remicade® verglichen wurden.

 

In der Phase-III-Studie PLANETRA erhielten 606 RA-Patienten für ein Jahr Infliximab als Original oder als Biosimilar (in Kombination mit Methotrexat und Folsäure). Rund 60 Prozent der Patienten in beiden Gruppen erreichten bis Woche 30 eine mindestens 20-prozentige Verbesserung der Symptome im ACR-Score (ACR: American College of Rheumatology). Die ACR20 war als primärer Endpunkt definiert. In der 54. Woche waren es 52 bis 57 Prozent; 15 bis 16 Prozent hatten sogar eine ACR70-Response. In puncto Sicherheit habe es keine Unterschiede gegeben, so Krüger. Bei etwa jedem zweiten Patienten beider Gruppen wurden Antikörper gegen Infliximab nachgewiesen.

 

Nach 54 Wochen konnten alle Teilnehmer das Biosimilar für ein weiteres Jahr bekommen. Die offene Extensions­studie mit rund 300 Patienten – darunter mehr als 140, die vom Originator umgestellt wurden – zeigte einen anhaltenden Therapieeffekt. In Woche 102 hatten mehr als 70 Prozent der Patienten eine ACR20 erzielt.

In der Studie PLANETAS erhielten 250 AS-Patienten Infliximab als Original oder als Biosimilar. Sowohl in der Pharmakokinetik als auch bei der Wirksamkeit habe es keine Unterschiede gegeben. Die Wirksamkeit wurde anhand einer mindestens 20- oder 40-prozentigen Besserung der Krankheitsaktivität im ASAS-Score (Assessment of SpondyloArthritis International Society) erfasst. Nach 54 Wochen hatten knapp 70 Prozent der Patienten das ASAS20-Ziel erreicht. Auch hier blieb der Therapieeffekt während der einjährigen Extensionsphase erhalten, berichtete Krüger. Bis zu 80 Prozent erreichten eine mindestens 20-prozentige Reduktion der Krankheitsaktivität. Hinsichtlich der Immunogenität schnitten die Arzneistoffe vergleichbar ab.

 

Der Arzt wies darauf hin, dass die Rate der substanzbezogenen Anti­körperbildung bei RA-Patienten immer höher sei als bei Bechterew-Patienten. Eventuell liege dies an der geringeren Infliximab-Dosierung bei RA. In der Praxis führe eine Antikörperbildung aber nicht immer zu Nebenwirkungen oder nachlassender Wirksamkeit.

 

Hoffnung auf Preissenkung

 

Bislang gebe es wenige Studiendaten zu Remsima bei Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, berichtete Professor Dr. Stephan Brand vom Klinikum der Universität München-Großhadern. Die Daten bestätigten die Vergleichbarkeit mit Remicade. Er sehe kein Problem darin, bei der Neueinstellung von Patienten das Biosimilar zu geben, mahnte aber zur Zurückhaltung bei einem Switch. Auch Brand hofft, dass die Therapie nun billiger wird und somit mehr Patienten mit Infliximab behandelt werden.

 

Nach Aussagen der Firma liegt der Remsima-Preis etwa 10 Prozent unter dem des Originals; es gebe aber noch »Luft nach unten«. Das Produkt wird komplett in Südkorea produziert. Inhaber der Zulassung ist Celltrion Healthcare, Budapest. /

Biosimilars zu Remicade

Von dem Immunsuppressivum In­fliximab kamen Mitte Februar zwei Biosimilars auf den deutschen Markt. Das Original Remicade®, das von MSD vertrieben wird, verlor zum 15. Februar seinen Patentschutz. Den monoklonalen Antikörper gibt es nun als Remsima® von Mundipharma und unter dem Namen Inflectra® von Hospira. Er ist zur Behandlung rheumatologischer Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis (RA) und Morbus Bechterew sowie von Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zugelassen. Auch bei Hautkrankheiten wie Schuppenflechte kann der Wirkstoff eingesetzt werden.

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