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Gesundheitskrise

Griechenland hat sich krank gespart

26.02.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Die massiven Sparmaßnahmen in Griechenland wirken sich negativ auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung aus: Infektionserkrankungen nehmen zu und die Kindersterblichkeit steigt ebenso wie die Zahl an schweren Depressionen und Suiziden. Entsprechende Daten stellen Forscher im »Lancet« vor.

Im Zuge der Sparpolitik wurden die öffentlichen Ausgaben im Gesundheitssektor auf 6 Prozent des Bruttoinlandprodukts begrenzt. Das führte dazu, dass Griechenland mittlerweile weniger Geld für Gesundheit ausgibt als alle anderen Länder, die vor 2004 der EU beigetreten sind, schreiben die Wissenschaftler um den Soziologen Alexander Kentikelenis von der Universität Cambridge im Fachjournal »The Lancet« (doi: 10.1016/S0140-6736(13)62291-6). So wurden zum Beispiel die Budgets für Krankenhäuser in den Jahren 2009 bis 2011 um 26 Prozent gekürzt und auch Präventions-Programme für Drogenkonsumenten wurden um ein Drittel zusammengestrichen.

 

Abwälzen auf die Bürger

 

Während der Staat sparte, wurden die Kosten zunehmend auf die Patienten verlagert, etwa in Form von Verschreibungsgebühren, Zuzahlungen auf Medikamente oder Arztbesuche. Hinzu kommt, dass in Griechenland die Krankenversicherung an den Beschäftigungsstatus gebunden ist und Arbeitslose maximal zwei Jahre nach Verlust des Jobs versichert sind. Die Zahl der Arbeitslosen habe sich von 2008 auf 2012 verdreifacht – entsprechend stark sei die Zahl der Nichtversicherten angestiegen, schreiben Kentikelenis und Kollegen. Insgesamt sei der Anteil der Bevölkerung, der sich nicht ausreichend medizinisch versorgt fühlt, seit Beginn der Krise um 47 Prozent gestiegen.

 

Diese Entwicklungen haben Folgen: So verzehnfachte sich zum Beispiel zwischen 2009 und 2012 die Zahl der HIV-Neuinfektionen bei Drogenkonsumenten. Auch die Zahl der Tuberkuloseerkrankungen bei dieser Personengruppe nahm innerhalb eines Jahres (2013) auf mehr als das Doppelte zu. Dramatisch sind auch die Entwicklungen im Bereich der psychischen Gesundheit: Während die staatlichen Ausgaben für mentale Erkrankungen von 2010 auf 2011 um 20 Prozent und im Folgejahr um weitere 55 Prozent gekürzt wurden, schnellte die Zahl der Erkrankungen in die Höhe. Die Prävalenz von Major- Depressionen erhöhte sich von 2008 bis 2011 um den Faktor 2,5. Die Zahl der Suizide stieg von 2007 bis 2011 um 45 Prozent.

 

Kindersterblichkeit erhöht

 

Besorgniserregend sind auch die Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. So stieg die Kindersterblichkeit von 2008 auf 2010 um 43 Prozent, wobei sich sowohl die Neugeborenensterblichkeit als auch die Sterblichkeit von Säuglingen erhöhten, berichten die Autoren. Schuld an diesen Entwicklungen sei vermutlich ein fehlender Zugang zu effektiven Schwangerenvorsorgemaßnahmen sowie zu Betreuungsangeboten nach der Geburt. Dies habe auch zu einem Anstieg der Totgeburten um 21 Prozent geführt, der zwischen 2008 und 2011 zu beobachten war. Auch der Anteil von Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht habe um fast 20 Prozent zugenommen.

 

Trotz dieser deutlichen Fakten sei es noch nicht allgemein anerkannt, dass die Sparpolitik der Regierung die Ursache für die genannten Entwicklungen ist, schreiben die Autoren. Bislang würden die Zusammenhänge von offizieller Seite weitestgehend bestritten. Für Kentikelenis und Kollegen steht aber fest, dass zwar das griechische Gesundheitssystem schon vor der Krise erhebliche Defizite aufwies, es aber durch die Sparmaßnahmen zusätzlich so stark eingeschränkt wurde, dass es auf die gestiegenen medizinischen Bedürfnisse der Bevölkerung nicht mehr reagieren konnte.

 

Zwei Aspekte gäben dennoch Grund zur Hoffnung. Vergangenen Juli habe die Weltgesundheitsorganisation der griechischen Regierung im Rahmen einer Vereinbarung Unterstützung bei Strukturreformen des Gesundheitssystems zugesagt. Im September 2013 habe zudem die Regierung ein neues, von der EU finanziertes Gesundheits-Coupon-Programm gestartet. Menschen ohne Krankenversicherung können mithilfe dieser Coupons bestimmte medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, inklusive Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere. /

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