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Polen

Erster Sieg im Rezept-Krieg

26.02.2013
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Von Sebastian Becker, Warschau / Die Umsätze der Apotheken sind 2012 in Polen eingebrochen. Die Ärzte haben immer weniger bezuschusste Arzneien verschrieben, da sie auf einmal für Fehler auf den Rezepten mit hohen Geldbußen rechnen mussten. Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung. 

Krzysztof Majdyło muss immer wieder Hände schütteln und die Glückwünsche der Kolleginnen und Kollegen entgegennehmen – von den Ärzten genauso wie von den Apothekern. Der Internist aus Pommern dürfte wohl derzeit einer der bekanntesten Mediziner in Polen sein.

 

»Der Staatsanwalt hat seine Ermittlungen eingestellt«, sagt er. Dass er nun doch nicht die empfindliche Strafe von umgerechnet knapp 13 000 Euro bezahlen muss, die der Staat vom ihm haben wollte, ist für ihn eine besonders große Erleichterung. »Ich kenne einen Kollegen, der in einem ähnlichen Fall sogar sein Auto verkaufen musste, um den Forderungen nachzukommen«, erklärt Majdyło.

 

Prozess gewonnen

 

Der Mediziner hat im Januar 2013 in der Ostsee-Stadt Gdansk (Danzig) als erster Arzt einen Prozess im sogenannten Rezeptkrieg gegen den mächtigen staatlichen Gesundheitsfonds NFZ gewonnen. Er ist im Prinzip die einzige Krankenkasse in Polen. »Dass ich der erste bin, dem das gelungen ist, gibt mir eine besondere Zufriedenheit«, sagt Majdyło.

Dieser Konflikt mit dem Gesundheitsfonds ist ein massiver Streit, der derzeit nicht nur die Ärzte, sondern auch die Apotheker in Polen belastet. Der Fonds macht seit dem vergangenen Jahr die Mediziner dafür haftbar, wenn sie vom Staat bezuschusste Rezepte für Medikamente fehlerhaft ausstellen. Ob sie dies bewusst tun oder einfach nur Formfehler begehen, ist dabei egal.

 

Schwarze Schafe unter den Medizinern hatten in der Vergangenheit immer wieder Dokumente so ausgestellt, dass sich die Patienten in der Apotheke die teuersten und vermeintlich besten Arzneien leisten konnten. Die Mediziner wollten sich so die Treue der Patienten sichern.

 

Da diese Praxis dem NFZ ein großes Loch in die Kasse gerissen hatte, beschloss die Regierung, dieses Treiben juristisch zu unterbinden. Wer nun bei den systematischen Kontrollen des Fonds auffällt, muss mit einem Verfahren rechnen und nach einer Verurteilung möglicherweise tief in die Tasche greifen.

 

Die Ärzte haben sich 2012 merklich mit der Verordnung solcher Arzneimittel zurückgehalten – aus Angst davor, selbst belangt zu werden. Diese Vorsicht spürten die Apotheken. Sie mussten schmerzliche Einbussen bei den Umsätzen hinnehmen. Die Erlöse schrumpften im Vergleich zum Vorjahr um 5,7 Prozent auf umgerechnet 6,3 Milliarden Euro. Der Verkauf der Medikamente macht einen wichtigen Teil des Geschäfts aus.

 

Großer Pharmamarkt

 

Für die polnischen Apotheker ist der Rückgang wegen der neuen Rechtslage besonders überraschend und ärgerlich, weil sich dort die Pharmabranche in der Vergangenheit äußerst krisenresistent gezeigt hat. Die Wirtschaft in dem EU-Staat entwickelte sich auch während Euro-Krise verhältnismäßig solide. Außerdem nehmen die Polen traditionell viele Arzneimittel ein. Viele sind wahre Hypochonder, die auch dann Medikamente einnehmen, wenn dies eigentlich medizinisch nicht notwendig ist. Das Land hat deshalb einen ungewöhnlich großen Pharmamarkt im Vergleich zu anderen EU-Staaten.

 

Immerhin keimt unter den Medizinern und Apothekern mit dem aktuellen Urteil wieder die Hoffnung auf bessere Zeiten auf. Zumal sie auch die Unterstützung der polnischen Verfassungsrechtler bekommen. »Strafen für fehlerhafte oder bewusst falsch ausgestellte Rezepte sind rechtlich zweifelhaft«, findet Rechtsexperte Professor Piotr Wienczorek.

 

Noch ist zwar nicht klar, ob der Gesundheitsfonds NFZ gegen das Urteil Berufung einlegen wird. Sicher ist aber jedenfalls, dass das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen ist. Damit stehen die Umsätze der Apotheken in Polen leider weiterhin unter einem ungünstigen Stern.  /

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