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Interview

Preise in Schweden werden nicht fallen

19.02.2007  11:34 Uhr

Interview

Preise in Schweden werden nicht fallen

Von Patrick Hollstein

 

Die schwedische Regierung will bis 2009 das staatliche Apothekenmonopol auflösen. Nach 35 Jahren sollen dann private Anbieter Apotheken betreiben dürfen. Die PZ sprach mit Thony Björk, Vorstandsmitglied der Apoteket AB, über die Abwicklung des letzten staatlichen Apothekenbetriebs in Westeuropa und die Zukunft der Arzneimittelversorgung in Schweden.

 

PZ: Seit 30 Jahren sichern in Schweden staatliche Apotheken die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung auch in entlegenen Landesteilen. Nebenbei hat der Staat mit Apoteket auch noch Geld verdient. Warum will die Regierung Ihrer Meinung nach jetzt das Staatsmonopol abschaffen?

Björk: Zuerst zum Geldverdienen: Bei Apoteket ging es nie darum, im großen Maßstab Geld zu verdienen. Wenn unsere Gewinne wuchsen, mussten wir unsere Marge verkleinern. Letztes Jahr hatten wir einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro und einen Gewinn von 30 Millionen Euro. Der geplante Umbau des Apothekensystems ist rein politisch motiviert. Die neue Regierung betrachtet das Staatsmonopol als altmodisch und nicht vereinbar mit dem EU-Gedanken. Die Regierung hat erklärt, sie wolle rezeptpflichtige wie rezeptfreie Arzneimitteln besser zugänglich und preiswerter machen, unter anderem durch eine Erhöhung des Drucks auf die Margen der Hersteller. Dabei soll der sichere Umgang mit Arzneimitteln weiterhin im Fokus stehen, wie es bei Apoteket immer der Fall gewesen ist.

 

PZ: Vor zwei Jahren hat der Europäische Gerichtshof das schwedische Staatsmonopol im Prinzip bestätigt. Kommt die Entscheidung der Regierung jetzt überraschend?

Björk: Die Entwicklung war abzusehen. Wir wussten, dass der rechte Flügel des Parlaments alle Staatsbetriebe ausverkaufen und alle Staatsmonopole abschaffen will. Bereits Anfang letzten Jahres hatten die vier Koalitionsparteien, die im September die Wahlen gewonnen haben, einen Vorschlag ins Parlament eingebracht, demzufolge das Apothekensystem genau so zu ändern sei, wie es jetzt geschieht. Wir waren vorbereitet.

 

PZ: Was erwarten Sie von der Kommission, die derzeit ein Gutachten erstellt, wie das System umgebaut werden soll? Wird es Fremd- und Mehrbesitz geben, oder dürfen in Schweden nur Apotheker in Zukunft Apotheken besitzen?

Björk: Die Kommission erarbeitet kein Konzept, wie das System einmal aussehen soll. Sie beschäftigt sich vielmehr mit der Frage, wie sich das System erreichen lässt, das der Regierung vorschwebt. Wir werden definitiv internationale Apothekenketten bekommen. Der Besitz von Apotheken wird nicht Apothekern vorbehalten sein. Zwar muss es in jeder Apotheke einen verantwortlichen Apotheker geben, aber jeder, mit Ausnahme von Pharmaherstellern und Ärzten, wird Apotheken eröffnen können.

 

PZ: Denken Sie, dass die Freigabe tatsächlich zu niedrigeren Preisen oder einer besseren Versorgung führen wird? Wie bewerten Sie die Erfahrung, die die Regierung in Norwegen gemacht hat?

Björk: Ob die Preise sinken oder nicht hängt davon ab, wie das System gebaut sein wird. Also welche Formen der Preisverhandlung es geben wird. Wenn Großhändler Apotheken betreiben dürfen, können sie auch die Abgabepreise festsetzen. Das ist eine politische Entscheidung.

 

Die Entwicklung in Norwegen ist typisch für das, was ganz Europa bevorstehen wird: Es wird internationale Apothekenketten geben, vielleicht auch mehr Apotheken, aber bestimmt keine sinkenden Preise.

 

PZ: Was erwarten Sie für die Zukunft von Apoteket? Wie wird sich der Markt verändern?

Björk: Wenn der Zeitplan eingehalten wird, werden wir ab 1. Januar 2009 Wettbewerber haben. Das werden vor allem die internationalen Ketten sein und einige wenige private Apotheker. Allerdings hat die Regierung erklärt, dass Apoteket in den nächsten Jahren nicht ausverkauft wird. Die Mitbewerber werden also zunächst nur neue Apotheken aufmachen können. Apoteket wird vorbereitet sein; wir haben im neuen Vorstand bereits damit begonnen, die zukünftige Strategie zu diskutieren.

 

PZ: Erwarten Sie auch Veränderungen beim Großhandel?

Björk: Selbstverständlich, das Einkanal-System, das wir heute in Schweden haben, kann in der neuen Welt nicht funktionieren.

Schweden: Einer für alle, alle für einen

PZ  Seit 35 Jahren besitzt der schwedische Staat das Alleinrecht zur Abgabe von rezeptpflichtigen und rezeptfreien Arzneimitteln. Alle 800 Apotheken des Landes gehören zur Aktiengesellschaft Apoteket AB, die komplett in staatlicher Hand ist.

 

Durch die Freistellung von wirtschaftlichen Zwängen sollte die Arzneimittelversorgung auch in entlegenen Landesteilen des dünn besiedelten Königreiches zu gleicher Qualität und einheitlichem Preis sichergestellt werden. Stark frequentierte Apotheken subventionieren weniger gut laufende Einrichtungen. Vor zwei Jahren hatte der Europäische Gerichtshof die Idee des staatlichen Apothekenmonopols sogar im Grundsatz bestätigt. Lediglich die Umsetzung, vor allem beim Einkauf von Produkten, war als nicht vereinbar mit dem Gemeinschaftsrecht angemahnt worden.

 

Bis zum Jahresende soll eine Kommission um den Ökonomen Lars Reje einen Abschlussbericht vorlegen, in dem die Wissenschaftler Möglichkeiten zur Öffnung des Marktes erörtern. Vermutlich werden in einem ersten Schritt ab 2009 private Apothekenbetreiber zugelassen werden. Später könnten dann nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel sogar für den Verkehr außerhalb von Apotheken freigegeben werden. Auch das System der Preisbildung sowie andere apothekenrelevante Bestimmungen stehen in Schweden derzeit zur Diskussion.

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