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Erkrankungszahlen steigen stark an

20.02.2006
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FSME

Erkrankungszahlen steigen stark an

von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Die Zahl der gemeldeten Fälle an Frühsommer-Meningoenzephalitis-Infektionen hat im letzten Jahr in Deutschland sprunghaft zugenommen. Auch andere europäische Länder verzeichnen einen deutlichen Anstieg.

 

Zecken sind entwicklungsgeschichtlich alte Tiere. So wurde in baltischem Bernstein, der etwa 50 Millionen Jahre alt ist, eine weibliche Zecke gefunden. Die verbreitetste Art in Europa ist der Gemeine Holzbock, Ixodes ricinus. Er kann mehrere Krankheitserreger übertragen, unter anderem das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSME-Virus) und das Bakterium Borrelia burgdorferi, das die Lyme-Borreliose auslöst. Während das FSME-Virus in Deutschland nur in bestimmten Regionen verbreitet ist, gibt es Borrelien praktisch überall ­ auch wenn natürlich nicht jede Zecke Borrelien in ihrem Darmtrakt beherbergt.

 

Das FSME-Virus kommt nicht nur in Europa, sondern auch in Russland und zentralasiatischen Ländern wie der Mongolei, in China und Japan vor. In den östlichen Gebieten findet man vor allem den russischen Subtyp (Russian-Spring-Summer-Encephalitis- oder RSSE-Virus), der mit der europä-ischen Variante genetisch eng verwandt ist, berichtete Professor Dr. Tino F. Schwarz, Chefarzt des Zentrallabors Stiftung Juliusspital in Würzburg, bei einer Pressekonferenz der Chiron Behring Vaccines in München. Vektor für das RSSE-Virus ist vor allem die Taigazecke Ixodes persulcatus.

 

Da das FSME-Virus in den Speicheldrüsen der Spinnentiere lebt, wird es in der Regel beim Zeckenbiss übertragen. Gelegentlich birgt auch nicht pasteurisierte Milch von Schaf und Ziege, selten von der Kuh Gefahren. In osteuropäischen Ländern und Russland gingen bis zu 12 Prozent der Infektionen auf Milchverzehr zurück, warnte der Labormediziner. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es nicht.

 

Sprunghafter Anstieg

 

Mehrere europäische Länder beobachten seit einigen Jahren eine erhebliche Zunahme an FSME-Erkrankungen ­ wenn auch auf insgesamt niedrigem Niveau. Wurden 2004 in Deutschland 274 Fälle gemeldet, so waren es im letzten Jahr nach Angaben des Robert-Koch-Instituts schon 427. Auch in Österreich und der Schweiz steigen die Fallzahlen rapide an.

 

In Europa (außer GUS) rechnen Experten derzeit mit jährlich etwa 10.000 bis 12.000 klinischen Erkrankungen. Dabei ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, sagte Schwarz. Dramatisch seien die Erkrankungszahlen in der GUS, Tschechien und den baltischen Staaten. Zudem würden regelmäßig neue Endemiegebiete, zum Beispiel an der Südspitze von Norwegen, Dänemark, Mittel- und Südschweden entdeckt. Galt bislang der Rhein als westliche Grenze des »FSME-Gürtels«, der sich im Osten bis an die Pazifikküste erstreckt, so gebe es jetzt auch Endemiegebiete im Elsass und in Lothringen.

 

Warum die Zahl der gemeldeten FSME-Fälle 2005 so sprunghaft angestiegen ist, sei nicht erklärbar, es gebe aber viele begünstigende Faktoren für die Zunahme, sagte der Arzt. Auf Grund der Klimaveränderung in Europa scheint die Zeckenpopulation zuzunehmen und der Generationszyklus der Tiere schneller abzulaufen. Dank milder Winter und reichlichem Futterangebot vermehren sich auch Nagetiere in Waldgebieten und Städten besonders gut. Diese dienen dem Virus als Reservoir. Schließlich dringen die Menschen bei ihren Freizeitaktivitäten vermehrt in den Lebensraum der Zecken ein. Einleuchtend ist das Argument, dass mit zunehmender Bekanntheit der Erkrankung vermehrt Laboruntersuchungen vorgenommen werden ­ und ein positiver Laborbefund ist seit 2001 in Deutschland meldepflichtig.

 

Gefährlicher sibirischer Virus

 

Besonders gravierend ist die Situation in Russland. In sibirischen Regionen treten jährlich durchschnittlich 40 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner auf. In bestimmten Jahren und Regionen liegt die Inzidenz sogar bei 100 pro 100.000. In der Region Kemerovo inmitten Sibiriens, an der Grenze zu China, der Mongolei und Kasachstan, gebe es massenhaft Zecken, berichtete Diplombiologe Dieter Gniel, Chiron Behring, von einer Expedition im August 2005. Zwischen 1 und 8 Prozent der Tiere seien infektiös, in einigen Gebieten sogar bis zu 30 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind in Endemiegebieten 1 bis 5 Prozent infiziert.

 

Das RSSE-Virus könne sehr schwere Krankheitsverläufe auslösen. Häufig seien Kinder betroffen, die teilweise erhebliche Folgeschäden wie entzündliche Veränderungen im Gehirn, Lähmungen oder Epilepsien erlitten. In den bei der Expedition besuchten Kinderkliniken hatten 35 Prozent der stationären Patienten eine serologisch bestätigte FSME, sagte Gniel.

 

Das sibirische Virus und sein Vektor breiten sich langsam nach Westen aus. Das Virus wird mittlerweile auch im Norden Finnlands gefunden, die Taigazecke scheint schon seit Jahren im Baltikum zu leben, sagte der Biologe. Vermutlich werden die Zecken über weite Strecken von Zugvögeln transportiert.

 

Prophylaxe ernst nehmen

 

Der in Deutschland zugelassene FSME-Impfstoff schützt gegen beide Virusvarianten, betonte Schwarz. Nach einer Grundimmunisierung mit drei Injektionen und einer Boosterung sollten 12- bis 49-Jährige den Impfschutz alle fünf Jahre auffrischen lassen (zugelassen für Encepur®). Bei älteren Menschen ist dies alle drei Jahre fällig. Wichtig für die Beratung: Allgemeinmaßnahmen wie lange Hosen und Socken beim Gang durch Wald und Flur und das anschließende Absuchen des Körpers auf Zecken sind keineswegs überflüssig, denn vor Borrelien schützt der Impfstoff natürlich nicht.

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