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Altersdepression bleibt oft unerkannt

21.02.2006
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Pharmacon Davos 2006

Altersdepression bleibt oft unerkannt

 

Laut Weltgesundheitsorganisation ist die Depression die wichtigste Volkskrankheit.  Die  Einjahres-Prävalenz beträgt 11,5 Prozent, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

 

Nach Meinung von Professor Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft werden Depressionen, insbesondere bei älteren Patienten, nicht früh genug diagnostiziert. Die Folge: 60 Prozent der depressiven Patienten werden nicht behandelt. Die Häufigkeit der Depressionen nimmt mit steigendem Alter zu. Sie sind gekennzeichnet durch Verlust von Interesse und Freude sowie von Verstimmung und erhöhter Müdigkeit.

 

Müller-Oerlinghausen wies nachdrücklich daraufhin, dass eine Depression keine Krankheit des Gehirns, sondern des Leibes ist. Die Diagnose kann auf Grund von diffusen, oft episodenhaften Angstzuständen, die zwei Wochen anhalten können und meist während zwei bis acht Monaten (selten ein bis zwei Jahren) auftreten, gestellt werden. Im Alter sind die Depressionen meist begleitet von anderen Krankheiten, welche die Diagnose erschweren und eine Differentialdiagnose notwendig machen. Der Vorsitzende des Arzneimittelkommission der Ärzteschaft betonte in diesem Zusammenhang, dass auch Arzneimittel depressive Stimmungen verursachen können, unter anderem Antihypertensiva, Steroide, Calciumkanalblocker, Gyrasehemmer und Interferone.

 

Nach den vorliegenden Daten werden Depressionen in 58 Prozent der Fälle mit Antidepressiva, in 37 Prozent mit Phytopharmaka und in 24 Prozent mit Sedativa und Hypnotika, oft in Kombination mit Antidepressiva, behandelt.

 

Die Wirksamkeit der Antidepressiva ist nach Meinung von Müller-Oerlinghausen auch für ältere Patienten belegt. Wirksamkeitsunterschiede zwischen den beiden großen Gruppen, den nichtselektiven Monoamin-Wiederaufnahmehemmern (NSMRI, »Trizyklika«) und den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern(SSRI) seien bisher nicht nachgewiesen. Die Verträglichkeit der SSRI sei bei älteren Menschen allerdings besser. Vor allem bei multimorbiden Patienten müssten mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen beachtet werden. Er forderte die Apotheker auf, den Ärzten dabei Hilfestellung zu geben.

 

Als Ziele einer antidepressiven Therapie nannte Müller-Oerlinghausen die Linderung von Angst, Unruhe und Schlafstörungen, die Prävention des Suizids, die Verhinderung eines Rückfalls und eine mittelfristige Besserung der Stimmung. Dazu sei es wichtig, ausreichend lang und ausreichend hoch dosiert  zu therapieren und den Patienten zu informieren, dass ein sichtbarer Therapieerfolg bezüglich der Stimmungsaufhellung erst nach Tagen oder Wochen spürbar wird, während Sedation und Anxiolyse kurzfristiger eintreten. Die Behandlung muss wenigstens sechs bis 18 Wochen nach der Symptomremission weitergeführt werden. Wegen der Gefahr starker Entzugssymptome, dürfen vor allem die neuen Antidepressiva niemals abrupt abgesetzt werden. Bei therapieresistenten Depressionen müsse der Arzt eine Umstellung vornehmen. Dabei haben sich Lithiumsalze bewährt, die auch in Kombination mit anderen Antidepressiva angewandt werden können.

 

Abschließend ging Müller-Oerlinghausen auf das Suizidrisiko unter einer antidepressiven Therapie ein, das nach seiner Meinung unterschätzt werde. Immerhin sind unter einer Therapie 15 Prozent Todesfälle durch einen Suizid dokumentiert, 20 bis 60 Prozent der therapierten Patienten unternehmen einen Suizidversuch, bis 70 Prozent hätten Suizidüberlegungen. Nachdenklich mache, dass 40 Prozent der Suizidenten eine Woche vor dem Suizid ihren Hausarzt aufgesucht hätten. Beim Vergleich der Substanzen wiesen Patienten, die mit Lithiumsalzen behandelt wurden, eine wesentlich niedrigere Rate auf, als die Patienten ohne Lithiumsalze. Deshalb empfahl der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft bei Patienten mit einem Suizidversuch in der Vorgeschichte, Lithiumsalze als Mittel der ersten Wahl einzusetzen.

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