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Arzneiformen für Kinder

Minitabletten statt Sirup

16.02.2016
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Von Kerstin A. Gräfe / Kleinkindern gibt man traditionell Tropfen, Saft oder Sirup – Tabletten sind für sie ungeeignet. Diese Experten­meinung galt lange Zeit, ist aber inzwischen in Studien widerlegt. Nicht zuletzt aufgrund neuer galenischer Entwicklungen wie Minitabletten und orodispersible Arzneiformen.

Bis zum Vorschulalter sind feste Darreichungsformen ungeeignet. Diese Meinung vertrat noch vor rund zehn Jahren die Europäische Arzneimittelbehörde EMA in ihrem Konsensuspapier »Formulation of choice for the paediatric population«. Modifiziert findet sie sich auch noch im ersten Entwurf der »Guideline on Pharmaceutical Development of Medicines for Paediatric Use« aus dem Jahr 2011.

 

In dieser Richtlinie gab die EMA Empfehlungen, welche Darreichungsformen in welchem Alter anzuwenden sind und welche Akzeptanz dieser galenischen Formulierungen erwartet werden kann. Hier wurde zum Beispiel festgeschrieben, dass flüssige Darreichungsformen, vor allem in Sirup-Form, von Geburt an akzeptabel seien, hingegen feste Arzneiformen für Kleinkinder nicht. Zudem sollten Tabletten mit einem Durchmesser von 3 mm und mehr Kindern unter zwei Jahren keinesfalls verabreicht werden, Tabletten von 5 mm oder mehr nicht unter sechs Jahren.

 

Aufgrund zahlreicher Proteste wegen der willkürlich anmutenden Alters­grenzen erschien 2013 eine überarbeitete Version der Richtlinie, in der die EMA auf konkrete Altersempfehlungen zur Akzeptanz und Verabreichung fester Darreichungsformen verzichtete. Stattdessen wurden nun neben der Beurteilung der Toxizität von Hilfsstoffen sowie der Geschmacksbestimmung und -beurteilung klinische Belege zur Akzeptanz der Arzneizubereitungen bei der Zielpopulation gefordert. Die endgültige Version der Richtlinie trat 2014 in Kraft.

 

Hohe Akzeptanz

Wie dieser Nachweis der Akzeptanz erbracht werden kann, führt Professor Dr. Jörg Breitkreutz unter anderem in seinem Artikel »Arzneiformen für Kinder« in der aktuellen Ausgabe der DPhG-Zeitschrift »Pharmakon« am Beispiel von Mini­ta­blet­ten aus. In einer Cross-over-Studie mit 306 Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren wurden wirkstofffreie befilmte und unbefilmte Minitabletten mit verdünntem Glucose-Sirup (15 Prozent) verglichen. 

Als primärer Endpunkt war die Akzeptanz der unbefilmten Mini­tablette definiert. Als ausreichende Akzeptanz wurde ein sofortiges vollständiges Schlucken der verabreichten Menge (Kriterium 1) oder ein Schlucken des wesentlichen Bolus nach vorherigen Kaubewegungen (Kriterium 2) beurteilt.

 

Hier zeigte sich eine signifikante Überlegenheit der Minitablette gegenüber dem Sirup in der Gesamtgruppe. Auch die Akzeptanz der befilmten Mini­tablette war derjenigen des Sirups in der Gesamtgruppe signifikant überlegen. Für jede einzelne Altersgruppe betrachtet war die Akzeptanz der unbefilmten und befilmten Minitabletten derjenigen des Sirups mindestens gleichwertig, meistens sogar überlegen.

 

Auch für Neugeborene

 

Alle drei Darreichungsformen wurden gut toleriert. Keines der Kinder verschluckte sich am Sirup oder der unbefilmten Minitablette. Lediglich zwei der 306 Kinder (beide in der Gruppe der sechs Monate bis ein Jahr alten Kinder) hatten nach der Einnahme der befilmten Minitablette gehustet, jedoch ohne klinische Relevanz. 

 

Dass selbst Neugeborene in der Lage sind, Minitabletten ohne Probleme zu schlucken, führt Breitkreutz an einem weiteren Beispiel aus: Aktuell läuft eine klinische Studie, die die Akzeptanz mehrerer hundert Minitabletten pro Verabreichung untersucht.

 

Die pharmazeutische Industrie hat die Zeichen der Zeit längst erkannt und ist von der Entwicklung flüssiger Arzneiformen, wie Sirup, Tropfen oder Saft, auf die Produktion von Mini­tabletten umgestiegen. Letztere können auf konventionellen Tabletten­maschinen hergestellt werden und kommen ohne bedenkliche Hilfsstoffe aus. Zudem sind sie meist stabiler als flüssige Zubereitungen.

 

In klinischer Prüfung

 

Eine nahezu ideale kindgerechte Arzneiform sind orodispersibele Mini­tabletten, das heißt im Mund zerfallende Minitabletten. Sie sind nach der Einnahme fast wie eine Flüssigkeit, aber ohne deren bedenkliche Hilfsstoffe, wie Konservierungsstoffe, Anti­oxidanzien und organische Lösungsmittelrückstände. Zudem haben sie den Vorteil, dass mit ihnen bei Bedarf die Dosis präzise auftitriert werden kann.

 

Die ersten orodispersiblen Mini­tabletten werden derzeit in multizen­trischen klinischen Studien getestet. Sie sind mit 0,25 mg und 1,00 mg Enalaprilmaleat beladen und werden zur Behandlung des angeborenen Herz­fehlers bei Kindern aller Altersklassen eingesetzt. /

Pharmakon - Zeitschrift der DPhG

Arzneiformen sind der Themenschwerpunkt der März-Ausgabe von »Pharmakon«, der Zeitschrift für Mitglieder der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Sie enthält neben dem hier vorgestellten Beitrag von Professor Dr. Jörg Breitkreutz unter anderem Artikel über Substitution von Arzneiformen, Herstellung von Peroralia in der Apotheke und zu potenziellen Fall­stricken in der Rezeptur. »Pharmakon« erscheint sechsmal jährlich. Jede Ausgabe hat einen inhaltlichen Schwerpunkt, der in mehreren Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet wird. Ein kostenloses Abonnement ist in der DPhG-Mitgliedschaft inbegriffen. Die Zeitschrift ist auch als Einzel­bezug erhältlich. Weitere Informa­tionen finden Interessierte auf www.pharmakon.info.

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