Pharmazeutische Zeitung online
Fibromyalgie

Rätselhaftes Schmerzsyndrom

14.02.2012  17:00 Uhr

Es gibt Ärzte, die bezweifeln, dass es das Fibromyalgiesyndrom überhaupt gibt. Woher die Schmerzen eigentlich kommen, ist trotz intensiver Forschung nach wie vor nicht geklärt. Gleichwohl leiden die Betroffenen sehr darunter. Zur Behandlung hat sich ein multimodaler Ansatz am besten bewährt.

Was ist das Fibromyalgiesyndrom (FMS)? Die Antwort auf diese Frage fällt unterschiedlich aus, je nachdem, welcher medizinischen Fachrichtung der Befragte angehört. »Psychosomatiker halten es für eine somatoforme Störung, Psychiater für eine Variante der Depression. Rheumatologen und auch viele Patienten glauben, dass es sich um eine rheumatische Erkrankung handelt, Neurologen sprechen von einem neuropathischen Schmerzsyndrorm. Orthopäden, Hausärzte und viele Gutacher bezweifeln gar, dass es existiert«, sagte Professor Dr. Claudia Sommer vom Universitätsklinikum Würzburg. Am pragmatischsten seien die Schmerztherapeuten, die das FMS einfach als chronische Schmerzkrankheit hinnähmen und behandelten.

Bei aller Unklarheit über die Pathophysiologie des FMS gibt es einige Kriterien, die erfüllt sein müssen, um die Diagnose zu stellen. Dazu gehören chronische, also mindestens drei Monate andauernde Schmerzen in mehreren Körperregionen und ebenso lange bestehende weitere Symptome wie Müdigkeit und Schwellungs- oder Steifigkeitsgefühl in den Händen und/oder Füßen. Die Patienten klagen über tief sitzende Schmerzen in Muskeln und Sehnen, häufig werden in verschiedenen Körperarealen unterschiedliche Schmerzarten beschrieben. Meist beginnt der Schmerz lokalisiert und breitet sich dann aus.

 

Die Schmerzen treten typischerweise bei Druck auf die sogenannten tender points auf, 18 definierte Sehnen­ansatzpunkte, die vor allem an Rücken, Nacken, Brustkorb, Armen und Beinen zu finden sind. »Lange Zeit war die Tender-Point-Untersuchung Voraussetzung für die Diagnosestellung, obwohl es schwierig ist, sie richtig auszuführen und weitere typische FMS-Symptome dabei nicht berücksichtigt werden«, erklärte Sommer. Die deutsche S3-Leitlinie lasse daher neben der Tender-Point-Überprüfung auch die symptombasierte FMS-Diagnose zu.

 

Nach aktuellen Untersuchungen sind etwa 3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland von FMS betroffen. Ob auch Kinder ein FMS entwickeln können, ist umstritten. Der typische Patient mit Fibromyalgiesyndrom ist weiblich, mittleren Alters und sehr stark auf die Schmerzen und die Begleitsymptome fixiert. »Die Patientinnen haben ein großes Mitteilungsbedürfnis. Meist ist es unmöglich, das Gespräch auf ein anderes Thema als ihre körperlichen Beschwerden zu lenken«, sagte Sommer.

 

Bevor die Diagnose FMS gestellt werden kann, müssen zunächst andere mögliche Krankheiten wie etwa rheumatoide Arthritis, Myopathien oder Osteoporose als Ursache der Beschwerden ausgeschlossen werden. »Die Kunst besteht darin, andere behandelbare Ursachen nicht zu übersehen, ohne die Patientin durch eine Überdiagnostik auf immer neue potenzielle körperliche Auslöser zu fixieren«, erklärte die Referentin.

 

Da sich mit den heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten keine körperlichen Auslöser der Schmerzen beim FMS finden lassen, steht bei der Behandlung die Pharmakotherapie nicht an erster Stelle. Als hilfreich haben sich Balneo-, Spa- und Ganzkörperwärmetherapie erwiesen. »Auch mit aerobem Ausdauertraining lassen sich sehr gute Erfolge erzielen«, sagte Sommer. Nicht empfohlen werden dagegen Massagen. Diese verstärken die Schmerzen der Patientinnen oft tagelang.

 

Arzneimittel sollten beim FMS nur zeitlich begrenzt eingesetzt werden. In Europa ist kein Arzneistoff für diese Indikation zugelassen, in den USA sind es Pregabalin (450 mg pro Tag), Duloxetin (60 bis 120 mg pro Tag) und Milnacipran (100 mg pro Tag). Neben diesen drei Wirkstoffen gibt es Sommer zufolge auch bei Amitriptylin einen hohen Evidenzgrad für eine positive Wirkung. Die Dosierung ist mit 10 bis maximal 25 mg täglich deutlich niedriger als in der Indikation Depression.

 

Vor dem Beginn einer medikamentösen Therapie sollte ein realistisches Behandlungsziel vereinbart werden. Da die Patientinnen häufig sehr empfindlich für mögliche Nebenwirkungen sind, müssen die Dosis langsam gesteigert und die Wirkung regelmäßig überprüft werden. »Generell sollten Patientinnen mit FMS keine unkritische Dauermedikation erhalten«, sagte Sommer. Die Pharmakotherapie müsse immer in ein therapeutisches Gesamtkonzept eingebettet werden.

Mehr von Avoxa