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Pharmacon Davos

100 Fragen zur Zukunft der Apotheke

15.02.2011
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Von Daniel Rücker, Davos / Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) bewegt die Apotheker weiterhin – auch bei der Podiumsdiskussion während des Pharmacons in Davos. Die Positionierung der Apotheker nach dem Spargesetz beschäftigte das Auditorium ebenfalls.

Mit den ABDA-Geschäftsführern Dr. Christiane Eckert-Lill (Pharmazie), Lutz Tisch (Apotheken- und Berufsrecht) und Hauptgeschäftsführer (i. V.) Dr. Sebastian Schmitz (Vertragsrecht) war die Geschäftsführung der Spitzenorganisation prominent vertreten. Die Präsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), Erika Fink, ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt und das Vorstandsmitglied des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Dr. Rainer Bienfait, repräsentierten die ABDA-Spitze. Als Anwälte des Auditoriums stellten Karin Graf, Mitglied des geschäftsführenden ABDA-Vorstandes, und Lutz Engelen, BAK-Vizepräsident, die rund 100 zuvor von den Teilnehmern schriftlich formulierten Fragen.

Brauchen Apotheker neue Erlösquellen, um ihren gesetzlichen Pflichten nachkommen zu können? Eindeutig nein, sagt ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt. Es dürfe nicht sein, dass sich die flächen­decken­de Versorgung der Menschen in Deutschland nicht aus sich selbst heraus trage, sagte er. Forderungen aus dem Berufsstand nach einer Ausweitung der apothekerlichen Angebote unter kaufmänni­schen Aspekten hält er für falsch. Pharma­zie könnten nur die Apotheker, dies sei ihre Existenzgrundlage und müsse es bleiben.

 

Wenn sich die Apotheker immer weiter von ihrem eigentlichen Auftrag entfernten, dann stehe die Position als freier Heilberufler zur Disposition. Die gründe sich auf einer Be­schränkung der unternehmerischen Tätig­keit. Neue Dienstleistungen und Produkte, die nicht im Zusammenhang mit dem Versorgungsauftrag stünden, machten den Apotheker stärker zum Kaufmann und förderten damit dessen Abhängigkeit von Lieferanten und Kunden. Der ABDA-Vizepräsident forderte die Apotheker auf, sich auf ihre Freiberuflichkeit zu konzentrieren. Die damit verbundenen Beschränkungen machten sie unabhängiger von Geschäftspartnern.

 

Politik vernachlässigt ihre Aufgabe

 

Schmidt machte aber auch deutlich, dass die Politik derzeit ihre Aufgabe bei der flächendeckenden Versorgung aus den Augen verloren habe, nämlich den Apothekern eine angemessene wirtschaftliche Basis für die Erfüllung ihres gesetzlichen Auftrages zu bieten. Mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz seien viele Apotheken in eine wirtschaftlich prekäre Situation geraten. Wenn die Bundesregierung den Apotheker als unabhängigen Heilberufler wolle, dann dürfe sie nicht zulassen, dass der sein Kerngeschäft über andere Angebote querfinanziere.

 

Das wäre das Ende der Heilberuflichkeit. Schmidt: »Wenn wir nicht mehr davon leben können, dass wir die Menschen mit Arzneimitteln versorgen, dann müssten wir das System insgesamt infrage stellen.« Statt sie in neue Geschäftsfelder zu drängen, sollte die Politik deshalb einen gesetzlichen Rahmen schaffen, in dem sich die Apotheker wieder stärker auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können. BAK-Präsidentin Fink unterstützte Schmidts Forderung nach einer Beschränkung der apothekerlichen Angebote. Fink: »Wir brauchen Grenzen für unsere Arbeit.« Kosmetikbehandlung gehöre nicht in die Apotheke.

 

ABDA-KBV-Konzept

 

ABDA-Vize Schmidt sieht die Beschränkung der apothekerlichen Leistungen allerdings nur bei den vom Versorgungsauftrag fernen Leistungen. Im Kerngeschäft gebe es noch Felder, die die Apotheker in Zukunft besetzen müssen und die ihnen auch vergütet werden müssen. Dazu zählt Schmidt an erster Stelle das ABDA/KBV-Konzept, in dem Ärzte und Apotheker gemeinsam die Verteilung der Aufgaben in der Arzneimittelversorgung festlegen. Die Diskussion darüber sei in einem sehr fortgeschrittenen Stadium. Das Konzept werde ein hohes Maß an Verbindlichkeit haben und könnte im Sommer in die politische Diskussion eingespeist werden.

Hauptgeschäftsführer (i. V.) Dr. Sebas­tian Schmitz ging in einem Vortrag auf die aktuelle Situation der Apotheken ein. Das AMNOG als reines Spargesetz habe die Betriebe stark belastet, stellte Schmitz fest. Die Möglichkeit, auf das Gesetz Einfluss zu nehmen, sei extrem gering gewesen. Schon früh hatte sich die Bundesregierung auf konkrete Einsparziele festgelegt und an der Summe von rund 400 Millionen Euro bis zur Verabschiedung des Gesetzes festgehalten.

 

Neben dem Sparbeitrag werden die Apotheker auch von der neuen Packungsgrößenverordnung belastet. Hier rechnet Schmitz jedoch mit einer mittelfristigen Entlastung. So wird es zum 1. März Änderungen an der Verordnung geben. Zudem soll die Zahl der von den Herstellern falsch gemeldeten Daten deutlich sinken und am 1. April wird eine Vereinbarung zwischen dem Deutschen Apothekerverband und dem GKV-Spitzenverband in Kraft treten und die praktische Umsetzung der Verordnung erleichtern.

 

Der zögerlichen Bundesregierung ist es zuzuschreiben, dass Pick-up-Stellen auch beim diesjährigen Pharmacon ein Thema waren. ABDA-Geschäftsführer Lutz Tisch warnte die Apotheker davor, nun selbst massenhaft Pick-up-Stellen einzurichten mit dem Ziel, das System ad absurdum zu führen. Befürworter des Konzeptes »Vorteil 24« propagieren dies. Tisch: »Das ist ein Spiel mit dem Feuer.« Es bestehe die Gefahr, dass die Politik Gefallen daran finde und das Pick-up-Verbot damit endgültig gescheitert sei. Stattdessen sollten sich die Apotheker weiter intensiv um ein Verbot der Abholstellen bemühen.

 

Bei DAV-Vorstand Rainer Bienfait beklagten sich Apotheker über den in diesem Jahr mit 2,05 Euro stark angestiegenen Rabatt an die Krankenkassen. Bienfait machte deutlich, dass der DAV auf diese Regelung keinen Einfluss gehabt habe. Im Gegensatz zu den Vorjahren werde der Abschlag für 2011 und 2012 gesetzlich festgelegt und Gesetze könne die Apothekerschaft nun mal nicht verhindern. Ab 2013 werde der Abschlag wieder verhandelt. Allerdings unter für die Apotheker ungünstigeren Rahmenbedingungen.

 

Widerstand gegen Gesetze

 

Kontrovers diskutierten Podium und Auditorium mögliche Formen des Widerstandes gegen unausgegorene Gesetze. Ein Apotheker forderte, den Kassen die Kündigung aller Verträge anzudrohen. Schmitz hielt diese Idee für wenig sinnvoll. Zum einen verstießen die Apotheker damit unzweifelhaft gegen geltendes Recht. Zum anderen sei es unmöglich, die Kollegen zu einem einheitlichen Verhalten zu bewegen. Druck ließe sich nicht aufbauen, wenn die Hälfte der Apotheker nicht mitzöge. Zudem sei es nicht hilfreich, die flächendeckende Versorgung infrage zu stellen. Die Politik stehe zum Versorgungsauftrag der Apotheken. Dies sollten die Apotheker nicht gefährden. / 

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