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Hochpreisige Arzneimittel

Wirkung auf den Rohgewinn

16.02.2010
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Von Jutta Degenhardt / Seit Einführung des Kombimodells hat sich die Bedeutung von hochpreisigen, verschreibungspflichtigen Arzneimitteln für die Apotheke gewandelt. Hier lohnt ein Blick auf die wirtschaftlichen Hintergründe.

Vor 2004 galt allgemein: Je teurer das Medikament, desto höher der Rohgewinn. Heutzutage sind dagegen viele Apotheker der Meinung, hochpreisige Arzneimittel seien »Gift« für den Rohgewinn. Diese pauschale Aussage geht an der Realität vorbei. Die Auswirkungen auf den Apotheken-Rohgewinn sind unterschiedlich, je nachdem ob man die relative oder die absolute Ebene betrachtet.

 

Beispiel Cerezyme®

 

Eines der teuersten Arzneimittel am Markt ist das Präparat Cerezyme®. Es wird zur Behandlung des sogenannten Morbus Gaucher eingesetzt, einer bei uns seltenen Erbkrankheit, die den Fettstoffwechsel betrifft. Derzeit sind rund 2000 Patienten in Deutschland betroffen. Eine Einheit kostet im Verkauf fast 60 000 Euro, im Einkauf fast 50 000 Euro (ohne Abzug von Einkaufsvorteilen). Der Jahresbedarf eines Patienten liegt bei rund 5,5 Packungen (Patient mit 70 Kilogramm Gewicht bei 14-tägiger Infusion von 30 Einheiten je Kilogramm Körpergewicht); siehe Tabelle 1.

Tabelle 1: Hoher Umsatz durch teures Morbus-Gaucher-Medikament

Cerezyme® 400 U, PZN 0663255 Wert
AVP 25 Durchstechflaschen 59 783,46 Euro
AVP nach Umsatzsteuer und Abschlag 50 236,27 Euro
Einkaufspreis 48 767,09 Euro
Anzahl Packungen eines Jahresbedarfs 5,46
Umsatz pro Jahr pro Patient ohne Umsatzsteuer nach Abschlag 274 290,04 Euro
Rohgewinn pro Jahr pro Patient (ohne Einkaufsvorteile) 8021,74 Euro
Rohgewinn in Prozent 2,92

Ein Patient, der mit diesem Präparat versorgt wird, bringt der Apotheke einen Umsatzschub von knapp 275 000 Euro und Erlöse von mehr als 8000 Euro. Das Verhältnis vom Rohgewinn zum Umsatz ist mit unter drei Prozent sehr gering, würde sich auch durch die Hinzurechnung von Einkaufsvorteilen nur wenig nach oben verändern. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Rx-Packung hat im Verkauf einen Wert von etwa 48 Euro und einen GKV-Rohgewinn (ohne Einkaufsvorteile) von 7,10 Euro beziehungsweise 18,5 Prozent vom Nettoumsatz.

 

Umsatz und Rohgewinn

 

Was passiert nun mit dem Apothekenrohgewinn, wenn eine Apotheke einen solchen Patienten dazugewinnt? Nehmen wir an, die Apotheke macht einen Jahresumsatz von 1,5 Millionen Euro und erreicht einen Rohertrag von 26,5 Prozent. Durch die Versorgung dieses Patienten steigert die Apotheke ihren Umsatz um 18,3 Prozent. Auch der Rohgewinn erhöht sich absolut, jedoch fällt das Verhältnis vom Rohertrag zum Umsatz um 3,6 Prozentpunkte. Kein Wunder, hat die Apotheke doch Umsätze mit prozentual sehr geringen Margen dazugewonnen. Anders gesagt: Da die prozentuale Umsatzsteigerung höher als die Rohgewinnsteigerung ist, sinken die relativen Erlöse (Tabelle 2).

Tabelle 2: Verhältnis von Rohertrag zu Umsatz sinkt

Vorher Nachher Veränderung
Umsatz ohne UmsatzSt. 1 500 000 Euro 1 774 290 Euro 18,3 Prozent
Rohertrag 397 500 Euro 405 522 Euro 2,0 Prozent
Rohertrag in Prozent 26,5 22,9 -3,6 Prozentpunkte

Das Beispiel mag extrem sein, doch sind die Ergebnisse übertragbar auf alle Apotheken, die hochpreisige Verordnungen beliefern (analog gilt vieles auch für niedrigpreisige). Je mehr teure Verschreibungen durch eine Apotheke beliefert werden, desto geringer wird der Rohgewinn im Verhältnis zum Umsatz sein. Kommen diese Verschreibungen nur sporadisch vor, ist es nicht ungewöhnlich, dass Umsatz und Rohgewinn zwischen den Monaten stärker schwanken. Kennt der Apotheker seine Verschreibungsstruktur und den durchschnittlichen Preis der Rx-Arzneimittel, so hilft ihm das, den erzielten Rohertrag besser einzuordnen.

 

Rohertrag pro Stück beachten

 

Den relativen Schwankungen zum Trotz: Der absolute Ertrag macht Hochpreisarzneien attraktiv. Sie liefern einen deutlich höheren Rohertrag pro Stück, also einen höheren Beitrag zur Kostendeckung. Hierbei kann unterstellt werden, dass sich der Arbeitsaufwand zwischen hoch- und normalpreisigen Arzneimitteln nicht oder nur wenig unterscheidet. Insofern ist die Belieferung dieser Arzneimittel wirtschaftlich attraktiv. Ein geringer Rohertrag in Prozent vom Umsatz muss nicht an mangelnder Rentabilität liegen, sondern kann Ausdruck der Umsatzstruktur der Apotheke sein. Dies sollte man im Kopf haben, wenn man sich mit anderen Betrieben vergleicht. Im genannten Beispiel würde sich zwar der Rohertrag prozentual verringern, gleichzeitig aber auch die Kostenbelastung im Verhältnis zum Umsatz sinken.

 

Vorsicht ist geboten bei der Lagerhaltung. Zum einen binden hochpreisige Arzneimittel erhebliches Kapital. Da zwischen Einkauf, Abgabe und Bezahlung durch das Rechenzentrum eine Zeitspanne liegt, muss die Apotheke das Arzneimittel zunächst vorfinanzieren. Das bedeutet fehlende Liquidität und Zinskosten. Zum anderen ist eine Rückgabe an den Großhandel oft mit Retourenabschlägen verbunden, weil diese Artikel die zulässige Quote sprengen. Die üblichen 20 bis 40 Prozent Gebührenabzug bei Retouren bedeuten schnell viele Hundert Euro Wertverlust. Sind hochpreisige Arzneimittel unverkäuflich oder verfallen, ist der Rohgewinnverlust noch gravierender. Daher sollten sie nie lange im Lager liegen, besser noch nur auf Bestellung abgegeben werden, wenn das Rezept schon vorliegt.

 

Kartenzahlung ablehnen

 

Werden auf Privatrezept verordnete Hochpreisarzneien mit Kreditkarte bezahlt, frisst die vom Umsatz abhängige Gebühr des Kreditinstitutes den Rohgewinn nahezu auf. Bei Verkauf auf Rechnung droht bei Zahlungsausfall oder Verzug der Verlust einer hohen Summe. /

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