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Infektionen als Auslöser

14.02.2006
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Reizdarmsyndrom

Infektionen als Auslöser

von Gudrun Heyn, Stuttgart

 

Reizdarmpatienten leiden unter Durchfall, Verstopfung, Krämpfen und Unterleibsschmerzen. Neuere Hypothesen legen nun nahe, dass für die Entstehung der hartnäckigen Funktionsstörung auch ehemalige Infektionen verantwortlich sein können.

 

Weltweit leidet jeder zehnte Mensch unter einem irritierten Darm (irritable bowel syndrome, Reizdarmsyndrom, IBS). Vor allem jüngere Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren und besonders Frauen sind betroffen. »Trotzdem gibt es nicht den typischen Reizdarmpatienten«, sagte Professor Dr. Michael Schemann von der Technischen Universität München auf einem Workshop des Instituts Danone für Ernährung in der Universität Hohenheim, Stuttgart. Zu unterschiedlich machen sich die Symptome bei jedem Patienten bemerkbar. Einige der Betroffenen leiden unter Obstipation, andere unter Diarrhö, begleitet von immer wiederkehrenden abdominalen Schmerzen, Blähungen und Völlegefühl. Bei so manchem Patienten wechseln dabei Perioden ungewöhnlich häufiger Toilettenbesuche mit Perioden der Verstopfung ab.

 

Bei der häufig lebenslang andauernden Funktionsstörung treten neben den intestinalen Symptomen noch weitere Beschwerden auf. Dazu gehören Kopfschmerzen, Depressionen, Angstzustände oder Schlafstörungen. Vielfach ist die Lebensqualität der Betroffenen stärker eingeschränkt, als zum Beispiel bei Patienten mit Diabetes mellitus oder chronischer Niereninsuffizienz.

 

Das Reizdarmsyndrom gehört zu den häufigsten Beschwerdebildern in allgemeinärztlichen Praxen. Dennoch ist es nicht leicht zu diagnostizieren. Nach dem Ausschlussverfahren räumt der Mediziner zunächst den Verdacht auf entzündliche Darmerkrankungen, bösartige Tumore oder andere Krankheiten aus. Für die Diagnose Reizdarm müssen die Beschwerden für mindestens drei Monate im Jahr auftreten.

 

Irritiertes Bauchhirn

 

Normalerweise erledigt der Darm unabhängig von der Steuerung im Gehirn seine Aufgaben. Dies kann er, weil er ein eigenes Nervensystem besitzt. Etwa 100 Millionen Nervenzellen umfasst diese zweitgrößte Nervenansammlung des menschlichen Körpers. Als autonomes Organ ist das so genannte Bauchhirn (enterisches Nervensystem) mit seinen spezialisierten Zellen ähnlich aufgebaut, wie das Gehirn selbst. Dieses komplexe Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Gastrointestinaltrakt durchzieht, reguliert unter anderem die Darmmotilität, den mit Sekretion und Absorption verbundenen Ionentransport und den gastrointestinalen Blutfluss.

 

Wichtige Helfer bei der Signalübermittlung sind die so genannten enterochromaffinen Zellen. Sie sitzen in der Schleimhaut des Darms und registrieren unter anderem die Dichte des Nahrungsbreis oder die Dehnung der Darmwand. Werden die enterochromaffinen Zellen gereizt, schütten sie Serotonin aus und aktivieren damit das Bauchhirn. Normale Darmbewegungen, Sekretion und Durchblutung werden auf diese Weise reguliert. Gleichzeitig bleiben die Verbindungen des enterischen Nervensystems zum Gehirn inaktiv. So merkt der Mensch in der Regel nicht, wenn sein Darm arbeitet.

 

Bei Reizdarmpatienten ist dies anders. Sie registrieren bereits sehr viel früher als gesunde Menschen Dehnungen und Bewegungen ihres Darms. Eine amerikanische Forschergruppe konnte feststellen, dass dabei nicht das Schmerzzentrum im Gehirn besonders früh aktiviert wird, sondern der Anterior Cingulate Cortex, ein Bereich im Gehirn, der als eine Art Warnsystem dient. »Wahrscheinlich ist die Sensibilisierung des Anterior Cingulate Cortex jedoch nicht die primäre Ursache des IBS«, sagte Schemann. Störungen des Darm-Nervensystems könnten für die veränderte Reizverarbeitung im Gehirn verantwortlich sein.

 

Frühere Entzündungen könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. So zeigen sich bei Biopsien der Darmschleimhaut von IBS-Betroffenen sehr viel mehr Mastzellen, als bei gesunden Menschen. Je enger diese immunkompetenten Zellen an den Nervenzellen in der Darmschleimhaut anliegen, desto stärker sind die Reizdarm-Symptome der Patienten. Auch Versuche an Humanpräparaten zeigten, dass ein Mastzellencocktail nahe gelegene Ganglienzellen aktivieren kann.

 

Trotz der größeren Anzahl der für die Antigen-Antikörper-Reaktion wichtigen Mastzellen haben Reizdarmpatienten keine histologisch sichtbare Entzündung im Darm. Das IBS tritt oft erst Jahre nach einer infektiösen Gastroenteritis auf. Zwischen 7\x0fund 33 Prozent der ehemaligen Gastroenteritis-Patienten entwickeln irgendwann einen irritierten Darm. Dies kann wenige Monate oder auch zehn Jahre dauern. Entdeckt wurde das Phänomen mit dem Namen postinfektiöser Reizdarm bei prospektiven Studien mit Patienten, die eine Campylobacter- oder Salmonelleninfektion durchgemacht hatten.

 

Nach einer Infektion, auch durch andere Bakterien, steigt das Risiko, an Reizdarm zu erkranken auf das Drei- bis Zwölffache an. Dabei hängt die Höhe des Erkrankungsrisikos von der Schwere der initialen Entzündung und der Toxizität des Erregers ab.

 

In Folge der Infektion vermehren sich die immunkompetenten Zellen, außerdem auch die Anzahl der enterochromaffinen Zellen. Ihre Zahl steigt dramatisch an und bleibt bei vielen der Reizdarmpatienten noch lange Zeit über dem Normalniveau. So kommt es, dass bei jeder Milieuänderung im Darm oder anderen Reizen mehr Serotonin ausgeschüttet wird als üblich. Das Bauchhirn reagiert übermäßig stark, und Durchfall ist die Folge. Gleichzeitig werden bei diesen Mengen an Serotonin die Nervenfasern zum Gehirn aktiv. Dabei täuschen die Schmerzsensoren eine Schädigung vor, die eigentlich gar nicht da ist. Wird die Serotoninmenge allerdings zu groß, kommt es zu einer Reizüberflutung. Die Nerven schalten ab, der Darm hört auf zu arbeiten, und die Betroffenen leiden unter Verstopfung.

 

Auch unabhängig von einer Infektion gibt es Reizdarmpatienten, bei denen eine erhöhte Anzahl an enterochromaffinen Zellen festgestellt werden kann. Wahrscheinlich laufen auch bei diesen Menschen ähnliche Prozesse ab. Wann und warum bei einem postinfektiösen IBS die Krankheit ausbricht, ist bislang unklar. Dabei könnten Bestandteile des Nahrungsbreis und die Darmflora eine wichtige Rolle spielen. So leiden viele Reizdarmpatienten unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten, etwa gegenüber Hefe, Milchprodukten oder Weizen. Außerdem ist bei ihnen die Zusammensetzung der Mikroflora im Darm verändert. Bifidobakterien und Laktobazillen treten beispielsweise seltener auf als bei anderen Menschen. Probiotika verbessern daher bei einigen Reizdarmpatienten die Symptome. Die lebenden Mikroorganismen, die als Zusätze in Joghurts und Trinknahrungen enthalten sind, reduzieren Blähungen und Schmerzen.

 

»Noch gibt es keine Therapie, mit der man den Patienten helfen kann«, sagte Schemann. Die Erkrankung endet aber nie tödlich. Etwa 40 Prozent der IBS-Patienten gesunden nach einer Leidenszeit von sechs Jahren von allein wieder.

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