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Häusliche Gewalt

Auch ein Apothekenthema

05.02.2014
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Von Maria Pues / Häusliche Gewalt findet meistens im Verborgenen statt und ist doch alles andere als ein privates Problem. Hilfsversuche können aus verschiedenen Gründen scheitern, und oft benötigt es manchen Umweg, damit Hilfe ankommt. Dieser kann auch über die Apotheke führen.

Mit Patienten über gesundheitliche Probleme zu sprechen, die diese verheimlichen oder ignorieren, stellt eine besonders schwierige Beratungssituation dar, die Apothekenmitarbeiter aus ihrer täglichen Arbeit kennen. Was aber tun, wenn sich die Ursache – meist wiederkehrender – Beschwerden nicht in einem medizinischen Bereich finden, sondern eher in privaten Lebensumständen?

 

Häusliche Gewalt führt nicht nur und nicht immer zu den bekannten sichtbaren körperlichen Verletzungen, für die nicht selten eine Küchentür oder Kellertreppe als Erklärung herhalten muss. Psychische oder psychosomatische Beeinträchtigungen kommen ebenfalls häufig vor, darunter Atemprobleme oder Gleichgewichtsstörungen, anhaltende Übelkeit oder Erbrechen, Schlaflosigkeit oder Panikattacken, Essstörungen und ein erhöhtes Selbstmordrisiko. Dies ist nur eine Auswahl möglicher Beschwerden.

 

Wie häufig und wie schwer im häuslichen Bereich Gewalt ausgeübt wird, ist nicht abschließend geklärt, denn verschiedene Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das liegt zum einen an unterschiedlichen Definitionen häuslicher Gewalt, zum anderen an den gewählten Untersuchungsmethoden. Einige Studien legen Polizei- oder Gerichtsstatistiken (sogenanntes Hellfeld) zugrunde, andere hingegen Befragungen (Dunkelfeld). Nach einer repräsentativen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 hat mindestens jede vierte Frau ein- oder mehrmals körperliche oder sexuelle Übergriffe durch einen Beziehungspartner erlebt. Eine deutliche Sprache sprechen auch die Zahlen des Bundeskriminalamtes zu Tötungsdelikten: Knapp die Hälfte der im Jahr 2011 getöteten Frauen wurde Opfer ihrer aktuellen oder ehemaligen Partner.

 

Deutlich schlechter sieht dagegen die Datenlage zum Thema Gewalt von Frauen gegen Männer aus. Dass es sie gibt – bis hin zur Tötung – ist unstrittig, aber das Ausmaß ist nicht genau untersucht. Ein Anhaltspunkt ist die Zahl des Bundeskriminalamtes zu Tötungsdelikten. Rund 7 Prozent der 2011 getöteten Männer waren Opfer ihrer aktuellen oder ehemaligen Partnerinnen. Wie häufig Gewalt in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften vorkommt, ist aus Studien, die vor dem Hintergrund der Geschlechtersystematik durchgeführt werden, naturgemäß nicht zu erkennen.

 

Verschiedene Opfertypen

 

Die Frage häuslicher Gewalt allein anhand von Geschlechtergrenzen zu betrachten, wird aber auch Opfern und Tätern nicht gerecht, denn sie bilden jeweils keine homogenen Gruppen – selbst wenn die Untersuchungen zu Opfern bisher meist nur bei Frauen und die zu den Tätern nur bei Männern durchgeführt wurden. So entwickelte eine deutsche Studie (Helfferich, 2005) anhand von Frauen, deren gewalttätige Männer durch die Polizei aus der gemeinsamen Wohnung gewiesen wurden, vier Typen von weiblichen Opfern:

 

  • Typus »Rasche Trennung«: Die Frau stellt nach kurzer Beziehungszeit fest, dass sie an einen zu Gewalt neigenden Partner geraten ist und trennt sich. Eine Versöhnung kommt nur unter klaren Bedingungen infrage.
  • Typus »Fortgeschrittener Trennungsprozess«: Diese Frauen sind meist viele Jahre verheiratet, oft haben sie Kinder; die Gewalt hat mit den Jahren zugenommen. Obwohl sie innerlich schon getrennt sind, bleiben sie in der Beziehung, weil sie negative Konsequenzen und weitere Gewalt nach der Trennung fürchten.
  • Typus »Neue Chance«: meist ältere Frauen mit Kindern und langjähriger Ehe. Sie sehen die Gewalt als Folge von zum Beispiel Alkoholismus oder psychischen Problemen, also als »heilbar« an. Häufig wünschen sie eine Fortsetzung der Beziehung ohne Gewalt.
  • Typus »Ambivalente Bindung«: traumatisierte Frauen, die sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Gewalt ausübenden Partner befinden; ohne ihn haben sie mehr Angst als mit ihm; oft haben sie schon in der Kindheit die Erfahrung von Gewalt gemacht; Hochrisikogruppe für schwere Körperverletzung und gewaltsamen Tod.
     

Das macht verständlich, warum manche Opfer Hilfsangebote nicht erfolgreich nutzen oder gar nicht erst annehmen können – ein Grund, weswegen sich nicht selten mit der Zeit auch Freunde von den Opfern häuslicher Gewalt abwenden. »Sie will es offenbar nicht anders«, lautet ihre Interpretation.

 

Meist mit eigener Gewalterfahrung

 

Neben Opfertypologien unterscheidet die Forschung auch verschiedene Tätertypen:

 

  • Typus »Familientäter«: nach außen unauffällig, kaum Alkohol- oder Drogenkonsum, wenig belastbar, geringe soziale Kompetenz in der Beziehung, körperliche Gewalthandlungen sind nicht so häufig und schwer, er lehnt Gewalt grundsätzlich ab, zeigt häufig Reue; Familientherapie kann erfolgreich sein, Rückfallgefahr wird als gering eingestuft.
  • Typus »Dysphorischer oder Borderlinetäter«: übt Gewalt als Mittel der Macht und Kontrolle aus, übt oft auch außerhalb der Beziehung Gewalt aus, zeigt häufig eine frauenfeindliche Einstellung; spricht gut auf Therapien an, vor allem wenn diese frühere Gewalterfahrungen des Täters behandeln.
  • Typus »Generell gewalttätig und antisozial«: hohes Gewaltpotenzial, nicht nur in der Beziehung gewalttätig, häufig vorbestraft, grundsätzlich feindselige Haltung gegenüber Frauen, häufig Alkohol- oder Drogenprobleme, zeigt keine oder wenig Reue, häufig Gewalterfahrung in der Kindheit; schwer therapierbar mit hoher Rückfallneigung.

Was nun aber tun, um einem vermuteten Opfer häuslicher Gewalt geeignete Hilfe anzubieten? Kann man dies überhaupt als Außenstehender, wenn enge Freunde oft resignieren? Von direkter Ansprache oder gar dem Drängen, den gewalttätigen Partner zu verlassen, raten Fachleute ab. Das setze Betroffene zusätzlich unter Druck und füge der Bevormundung durch den Partner nur eine weitere hinzu. Die Gefahr, dass Betroffene mit einer Blockadehaltung reagieren, ist dann groß. Apothekenmitarbeiter können auf andere Weise helfen: Oft ist es für Betroffene schon hilfreich zu erfahren, welche Anlaufstellen es gibt. Dazu gehört angesichts der vielfältigen Folgekrankheiten durch häusliche Gewalt auch der Rat zum Arztbesuch. Denn der kann nicht nur medizinische Hilfe leisten, sondern bei der Anamnese auch Verletzungen und deren mögliche Ursachen dokumen­tieren.

 

Dass und wie Apothekenmitarbeiter sich engagieren können, zeigt auch eine Aktion des Hessischen Apothekerverbandes (HAV) mit der Landesarbeitsgemeinschaft Hessischer Frauenbüros und dem Hessischen Sozialministerium aus dem vergangenen Herbst (über den Start berichtete die PZ in Ausgabe 47/2013, Seite 78). Die hessischen Apotheken haben dabei rund 300 000 »Rote Karten« mit Informationen zu Gewalt gegen Frauen zur Mitnahme ausgelegt. Weitere Aktionen oder Informationen zu lokalen Ansprechpartnern begleiteten die Aktion. Selten habe eine Aktion eine solche Resonanz hervorgerufen wie diese, berichtete Kirsten Müller-Kuhl, Pressesprecherin des HAV, auf Nachfrage der PZ.

 

Im Gespräch mit Apothekenkunden habe sich vielfach gezeigt, dass Kundinnen die Informationen für Freundinnen mitnähmen, sagte Mira Sellheim, Leiterin der Apotheke am Ludwigsplatz in Gießen. Mit Absicht habe sie die Karten so platziert, dass sie auch unbemerkt eingesteckt werden konnten. Manche Betroffene sei sicher erst über die starke Resonanz in der Tagespresse darauf aufmerksam gemacht worden, dass sie in ihrer Situation überhaupt Hilfe finden könne, berichtete sie weiter. Vereinzelt kam Kritik männlicher Kunden, dass das Angebot sich nur an Frauen richte. Hier gebe es sicher noch Nachholbedarf, gab sie zu bedenken. Dass das Thema eines ist, das in die Apotheke gehört, steht für sie außer Zweifel: »Apothekenkunden kommen mit Fragen zu allen Lebenslagen.« Nicht zuletzt mit solchen, über die sie ansonsten nicht sprechen möchten oder von denen sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können. /

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