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DAK-Report

Krise lässt Deutsche schlecht schlafen

09.02.2010  17:38 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Ein bisschen kränker als zuvor waren die Deutschen 2009. Das lag vor allem an vielen Erkältungen und psychischen Störungen. Auch finden mehr Menschen nicht zum gesunden Schlaf.

Die Bevölkerung hat sowohl die Wirtschaftskrise als auch die Schweinegrippe ohne fatale Folgen für die Gesundheit überstanden – jedenfalls soweit sie bei der DAK versichert ist. In Berlin präsentierte die Krankenkasse ihren diesjährigen Gesundheitsreport, den sie traditionell aus eigenen Daten sowie zusätzlichen Umfragen ermittelt. Zentrales Ergebnis ist ein geringer Anstieg des Krankenstandes der 2,5 Millionen DAK-Mitglieder von 3,3 Prozent im Jahr 2008 auf 3,4 Prozent in 2009. Dieser Wert lag bis 2003 lange Zeit bei 3,5 Prozent, fiel bis 2006 stetig auf 3,0 Prozent und steigt seither von Jahr zu Jahr leicht an. Konkret bedeutet das, dass ein DAK-Mitglied 2009 im Durchschnitt 12,4 Tage am Arbeitsplatz fehlte.

Besorgniserregend ist dieser leichte Anstieg nicht, im Gegenteil. »Wir haben seit Jahren historisch betrachtet sehr niedrige Krankenstandszahlen«, sagte Professor Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK. Eine Ursache dafür ist offensichtlich ökonomischer Natur: Die Angst um den Job veranlasst die Menschen dazu, sich zur Arbeit zu schleppen, solange es irgendwie geht. Rebscher sprach in diesem Zusammenhang vom Phänomen des »Präsentismus«. »Die Menschen verstärken ihr berufliches Engagement«, so der DAK-Chef. »Die Kehrseite ist, dass die Zahl der psychischen Krankheiten stetig steigt.«

 

Psychische Erkrankungen waren 2009 für 10,8 Prozent der Krankheitstage der beschäftigten DAK-Versicherten verantwortlich. Laut Hans-Dieter Nolting, Geschäftsführer des für die Studie verantwortlichen IGES Instituts, handelt es sich hier um eine von zwei Indikationen mit einem signifikanten Anstieg gegenüber 2008. Eine Steigerung um 6 Prozent stützt die Vermutung, dass die Rezession sehr wohl einige Arbeitnehmer auch gesundheitlich überfordert hat – wenngleich in einem überschaubaren Rahmen.

 

Schweinegrippe ohne Bedeutung

 

Das andere Krankheitsgebiet mit einem spürbaren Beitrag zum höheren Krankenstand sind Erkrankungen des Atmungssystems. Den Zuwachs bezifferte Nolting mit 20 Prozent. Insgesamt sind Atemwegserkrankungen für 19 Prozent der beruflichen Fehltage ursächlich. Die medial aufgeblasene Schweinegrippe schlage sich in diesen Zahlen jedoch kaum nieder, wie Nolting ausführte. Bereits im vergangenen Winter sorgte die Kälte für einen drastischen Anstieg der Erkältungen gegenüber den vergangenen Jahren. Weiter ganz oben auf der Liste stehen Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems, die 20,8 Prozent des Krankenstandes verursachten.

 

Genauer unter die Lupe nimmt der DAK-Report dieses Mal das Problem der Schlafstörungen. Fast jeder zweite Berufstätige in Deutschland fühle sich davon betroffen, so Rebscher: »Wir können deshalb schon fast von einer Volkskrankheit sprechen.« Die Ursachen für die zunehmende Verbreitung schlechten Schlafes lägen in beruflichem und familiärem Stress, in unregelmäßigen und schwer zu planenden Arbeitszeiten und in veränderten Lebensgewohnheiten wie nächtlichem Fernsehen und Surfen im Internet. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 9,3 Prozent der Bevölkerung an hochgradigen Schlafproblemen leiden. Diese Gruppe wird mindestens dreimal die Woche von Schlafstörungen geplagt und quält sich regelmäßig stark übermüdet durch den Tag. 14,4 Prozent haben laut DAK-Report Schlafstörungen mittleren Grades.

 

Weil sich die Betroffenen häufig nicht in medizinische Behandlung begeben oder weil Ärzte das Problem nicht erkennen, grassiert der oftmals blinde Griff zu Tabletten. Im Report genannte Experten sprechen sogar davon, dass 400 000 Bundesbürger von Schlafmitteln abhängig sind, sogar mehr als eine Million, wenn man Benzodiazepine und Antidepressiva dazu zähle. Knapp die Hälfte der eingenommenen Schlafmittel werden vom Arzt aktuell verschrieben, etwa ein Viertel der Patienten kaufen ihre Medikamente ohne Rezept in der Apotheke. Die restlichen Arzneimittel stammen aus der Hausapotheke.

 

Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Berlin, warnte vor Panik. Zum einen seien gelegentliche Schlafstörungen normal. Krankhaft sei es, wenn über einen längeren Zeitraum bis zum Einschlafen oder Wiedereinschlafen mehr als eine halbe Stunde vergehe. Zum anderen seien Schlafmittel durchaus eine adäquate Form der Therapie. »Es wäre unethisch, sie den akut Betroffenen vorzuenthalten«, sagte Fietze. In der Versorgung gebe es dennoch Defizite. Zwar erhielten die Kranken in den 323 deutschen Schlaflaboren eine bestmögliche Betreuung. In der Weiterbildung der Allgemeinmediziner gebe es erheblichen Nachholbedarf, die Krankheit zu erkennen und zu behandeln. /

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