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Zigaretten

Eine ist nicht keine

31.01.2018  10:27 Uhr

Von Annette Mende / Eine ist keine – dieser Satz gilt nicht, wenn es um das kardiovaskuläre Risiko des Zigarettenrauchens geht. Denn schon eine Zigarette pro Tag erhöht das Risiko etwa halb so viel wie eine ganze Schachtel.

Manch ein Raucher, der vergeblich versucht hat aufzuhören, gibt sich damit zufrieden, wenn er es schafft, nur noch eine oder sehr wenige Zigaretten täglich zu paffen. Frei nach dem Motto: »Das bisschen macht bestimmt fast gar nichts.« Damit liegt er jedoch hinsichtlich des Herz-Kreislauf-Risikos gründlich falsch, wie eine Metaanalyse im »British Medical Journal« jetzt eindrucksvoll belegt (DOI: 10.1136/bmj.5855).

 

Keine lineare Kurve

 

Eine Schachtel enthält 20 Zigaretten. Wenn zwischen dem Risikoanstieg und der Zigarettenzahl ein linearer Zusammenhang bestünde, würde deshalb eine Zigarette pro Tag lediglich ein Zwanzigstel des Risikos einer Schachtel bedeuten (5 Prozent). Beim Lungenkrebs ist das tatsächlich so, wie die Autoren um Professor Dr. Allan Hackshaw vom University College in London in der Einführung zu ihrer Studie berichten. Was das Herz-Kreislauf-Risiko angeht, namentlich das für koronare Herzkrankheit (KRK) und Schlaganfall, war jedoch schon länger bekannt, dass die entsprechende Kurve nicht linear verläuft: Bereits sehr wenige Zigaretten sind hier für einen sehr großen Anteil des Gesamtrisikos verantwortlich.

 

Um dies noch einmal zu untermauern beziehungsweise Betroffenen und ihren betreuenden Ärzten überhaupt erst bewusst zu machen, unternahmen Hackshaw und Kollegen eine Meta­analyse von 141 prospektiven Kohortenstudien mit insgesamt mehreren Millionen Teilnehmern. Das Ergebnis bestätigte ihre Erwartungen.

 

Bei Männern, die täglich eine Zigarette rauchten, fand sich im Vergleich zu Nichtrauchern ein relativ erhöhtes Risiko für KHK um 48 Prozent und für Schlaganfall um 25 Prozent; bei männ­lichen Rauchern von 20 Zigaretten täglich waren es 104 beziehungsweise 64 Prozent. Bei Frauen war der relative Risikoanstieg noch ausgeprägter: Für KHK betrug er 57 Prozent (eine Zigarette pro Tag) beziehungsweise 184 Prozent (20 Zigaretten pro Tag), für Schlag­anfall 31 respektive 116 Prozent. Der Risiko­anstieg durch das Rauchen einer einzigen Zigarette pro Tag entsprach damit bei Männern 46 Prozent dessen, was eine ganze Schachtel am Tag anrichtete (KHK) beziehungsweise 41 Prozent (Schlaganfall). Bei Frauen waren es 31 beziehungsweise 34 Prozent. Bezogen die Forscher weitere Faktoren wie Alter, Cholesterolspiegel und Blutdruck in die Analyse mit ein, verstärkte das die gefundenen Effekte sowohl des ­geringfügigen als auch des Ketten­rauchens.

 

Mit Blick auf das Herz-Kreislauf-­System ist daher bereits eine Zigarette pro Tag eine zu viel, lautet das Fazit der Autoren: »Es gibt hinsichtlich des kardio­vaskulären Risikos kein sicheres Level.« Als Auslöser gilt vor allem der Feinstaub im Zigarettenrauch; er verursacht systemischen oxidativen Stress, eine entzündliche vaskuläre Dysfunk­tion, erhöhte Plättchenaktivierung und Blutviskosität, Atherosklerose, KHK ­sowie eine veränderte autonome Herzfunktion. Das berichtet Professor Dr. Kenneth Johnson von der University of Ottawa in einem begleitenden Editorial (DOI: 10.1136/bmj.k167).

 

Passivrauchen und E-Zigaretten

 

Der Epidemiologe weist darauf hin, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und nicht Krebs – den größten Anteil an der überschüssigen Mortalität von Rauchern haben. Einem Bericht des Sanitäts­inspekteurs der Vereinigten Staaten von Amerika zufolge hätten 48 Prozent der vorzeitigen Todesfälle von Rauchern kardiovaskuläre Ursachen (www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK53017). Johnson leitet daher aus dem Studienergebnis drei Kernbotschaften ab. Erstens: Nur ein vollständiger Rauchverzicht bietet Schutz; auf ihn sollten daher alle Präventions- und politischen Bemühungen abzielen. Zweitens: Auch Passivrauchen, bei dem ebenfalls hohe Mengen Feinstaub inhaliert werden, ist mit einem substanziellen Risikoanstieg für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert. Drittens: Dasselbe gilt höchstwahrscheinlich für E-Zigaretten und alternative Tabakprodukte, bei denen der Tabak nicht verbrannt, sondern erhitzt wird. Letztere werden derzeit von den Herstellern massiv mit der Aussage beworben, dass sie im Vergleich zu Zigaretten risikoreduziert sind. »Zu behaupten, dass diese Produkte mit einem nennenswert reduzierten KHK- und Schlaganfall-Risiko assoziiert sind, wäre vorschnell«, urteilt dagegen Johnson.

 

Die Autoren der Metaanalyse sehen das anders. Sie halten E-Zigaretten für ein wichtiges Mittel zur Risikoreduk­tion, das Rauchern dabei helfen könne, komplett aufzuhören. Zwar könnten mögliche negative Wirkungen der ­E-Zigaretten auf das Herz-Kreislauf- System noch eingehender untersucht werden, aber es sei unwahrscheinlich, dass diese Effekte – falls vorhanden – ebenso schädlich sind wie der Rauch auch nur weniger Zigaretten. Diese Haltung spiegelt die offizielle Einschätzung in Großbritannien wider, wo anders als in Deutschland bei der Beurteilung der ­E-Zigarette deren Chancen und nicht deren Risiken im Vordergrund stehen. /

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