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Übertherapie

Plädoyer für ein friedliches Sterben

30.01.2017
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Von Christiane Berg, Berlin / Während die Sterbehilfe in den Medien immer wieder ausführlich thematisiert wird, bleibt das eigentliche Desaster unangetastet: In deutschen Krankenhäusern, so Dr. Matthias Thöns, Witten, werden todkranke Menschen viel zu häufig am Sterben gehindert, weil der finanzielle Profit im Fokus steht.

»Bis zum letzten Atemzug wird operiert, katheterisiert, infundiert, bestrahlt, chemotherapiert, geröntgt und beatmet, was die Gebührenordnung hergibt. Das Milliardengeschäft mit der Übertherapie floriert.« Das sagte Thöns auf einer Veranstaltung des Humanistischen Pressedienstes (hpd) e. V. in Kooperation mit der »Bundeszentralstelle Patientenverfügung« des Humanistischen Verbands Deutschlands am 24. Januar in Berlin.

 

Thöns berichtete vom zunehmenden Einsatz übermäßig teurer, jedoch zumeist überflüssiger und oftmals qualvoller Hightech-Therapien, die einen gnädigen Tod unmöglich machen. In seiner täglichen Praxis als Palliativ­mediziner sehe er immer wieder Menschen in teils »entwürdigenden Zuständen«, deren Leid juristisch besehen den Tatbestand der schweren Körperverletzung erfüllen könnte. Die Übertherapie sei zu einer »ans Kriminelle grenzenden Fachrichtung avanciert«.

 

Falsche Halbgötter in Weiß

 

Der Autor des im Herbst 2016 erschienenen Buches »Patient ohne Verfügung – Das Geschäft mit dem Lebensende« betonte im weiteren Verlauf seiner Ausführungen, dass die Ursachen in den Strukturen des Gesundheitssystems selbst zu finden seien. Dieses berge finanzielle Fehlanreize für Mediziner, »die – allen selbst geschaffenen Mythen zum Trotz – nun mal weniger Halbgott in Weiß als auch Geschäftsmann und charakterlich nicht besser oder schlechter als andere Menschen aufgestellt sind«.

 

Es gehe um viel Geld und liege somit in der Sache der Natur, wenn viele Ärzte, Kliniken und Pflegedienste die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gezielt ausschöpfen. »Diese Rahmenbedingungen müssen überdacht und korrigiert werden«, so lautet die Forderung von Thöns. Denn: Zu vielen Menschen werde heute der selbstbestimmte und ruhige Tod in möglichst vertrauter Umgebung vorenthalten. »Jeder zweite Deutsche stirbt im Krankenhaus.«

 

Neuerdings, so Thöns, werden Intensiveinheiten sogar in sogenannte Beatmungs-WGs verlegt, wenn Kliniken Betten für neue Patienten brauchen. »Acht und mehr Sterbenskranke werden dort rund um die Uhr maximaltherapiert, damit auch im nächsten Monat die 22 000 Euro für die weitere Behandlung fließen.« Viel zu häufig kämen bei lebensbedrohlichen und letztlich Erlösung verheißenden Infektionen unter anderem auch Antibiotika zum Einsatz. Nicht ohne Grund sei die Lungenentzündung vormals als »Freund des alten Menschen« bezeichnet worden. Der Tod, so Thöns, sei früher meist leidlos im Koma gekommen.

 

Thöns ist nicht der einzige Mediziner, der die zum Teil grausamen Missstände anprangert. Der »Deutsche Ethikrat« hat 2016 auf »Mengenausweitungen« sowie »die gefährliche Konzentration auf besonders gewinnbringende Behandlungsverfahren«, sprich: »besorgniserregende Entwicklungen in der Krankenhausmedizin« verwiesen. In seiner Funktion als Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat unter anderem auch Professor Ferdinand Gerlach, Frankfurt am Main, die »organisierte Verantwortungslosigkeit« im Gesundheitswesen kritisiert.

 

Im Ressort »Wissen« verweist die überregionale deutsche Wochenzeitung »Die Zeit« in ihrer Ausgabe vom 4. Januar 2017 auf die aktuellen, sich schleichend ausweitenden »üblen Seiten der medizinischen Profession«. Noch vor kurzer Zeit habe die Angst vorgeherrscht, dass alten und todkranken Menschen Therapieoptionen vorenthalten werden, da sich »der Aufwand nicht mehr lohnt«.

 

Nunmehr sei die Vermutung nicht länger von der Hand zu weisen, dass selbst im Sterbeprozess nicht etwa zu wenig, sondern zu viel unternommen und das Siechtum verlängert wird. Es gelte, so die »Zeit«-Autoren, ein öffentliches Bewusstsein für dieses menschliche Fiasko zu schaffen. Umso erfreulicher sei die unter anderem durch Thöns initiierte »Gegenbewegung, die sich langsam formiert«.

 

Mit Erscheinen seines zwischenzeitlich zum »Spiegel«-Bestseller arrivierten Buches, so Thöns selbst, habe er sich keineswegs nur Freunde gemacht. Zwar habe er viele zustimmende Zuschriften von Angehörigen, Pflegern und Medizinern erhalten. Doch sei er auch beschimpft und offen angeprangert worden. Dabei sei sein Buch keinesfalls als »pauschalisierende Verurteilung« des Ärztestandes gedacht. Im Gegenteil: »Der Großteil der Kollegen handelt korrekt und setzt sich mit großer Empathie für die Patienten ein. Dieser Großteil denkt wie ich und leidet gleichermaßen unter der machtvollen Minderheit des Sterbeverlängerungskartells.«

 

Er habe, so Thöns, nicht länger untätig zuschauen können. Anliegen seiner Aktivitäten sei es, »gemeinsam die Herde schwarzer Schafe im weißen Kittel« außer Gefecht zu setzen. »Wir Ärzte müssen es selbst sein, die medizinisch fragwürdige Prozeduren ächten.« Müssten angesichts des vielfach großen menschlichen Leids dringend auch die Politik und der Gesetzgeber einschreiten, so sei er erfreut, dass Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ihn für den kommenden Monat zu einem Gespräch eingeladen hat.

 

»Aufgeklärte Menschen sterben besser. Sie haben weniger Angst und Depressionen sowie mehr Zeit für Besinnung, Abschied und Trauerarbeit«: Das beste Mittel gegen die »Übertherapie-Offerten falscher Halbgötter in Weiß« jedoch sei und bleibe der informierte Patient. Diesen wolle er vorrangig erreichen, um ihm nicht zuletzt auch Anregungen zum Nachdenken über die »Kunst des Sterbens« zu geben. Wie stelle ich mir mein eigenes Ende vor? Wie kann ich mich seelisch schon zu Lebzeiten darauf vorbereiten? Es ist, so Thöns, »für jeden von uns ein Muss, nicht zu verdrängen, sondern genau hinzusehen«.

 

Nie ohne Zweitmeinung

 

Ob Unfall, Demenz, Wachkoma oder Krebs im Endstadium: Jedermann – jung oder alt, krank oder gesund – müsse zudem eine klar formulierte Patientenverfügung besitzen (Vordruck beim Bundesjustizministerium unter www.bmjv.de). Ob Einstellung der künstlichen Ernährung oder Flüssigkeitszufuhr beziehungsweise Beendigung von Beatmung, Dialyse, Antibiotikagabe oder anderweitiger Medikation: Gemäß eines Urteils des Bundesgerichtshofes vom 6. Juli 2016 (Az XII ZB 61/16), nach dem, so Thöns, viele alte Patientenverfügungen wertlos sind, muss hier konkret festgehalten werden, was, wann und wie im Angesicht des Todes gemäß des eigenen Willens zu geschehen hat. Eine professionelle Beratung könne hilfreich sein.

 

Weit gefehlt sei es anzunehmen, mit der Abfassung einer Patientenverfügung ist es nunmehr getan. Ebenso wichtig sei es, den Hausarzt sowie Familie und Freunde über die letzten Wünsche zu informieren sowie mithilfe einer Vorsorgevollmacht Bevollmächtigte zu benennen, die über die Erfüllung der explizit zu formulierenden Wünsche, sollte man sie selbst nicht mehr äußern können, wachen.

 

Thöns betonte, dass dieses stets reflek­tierte und durchsetzungsstarke Personen sein müssen, die den behandelnden Ärzten und Pflegern bei Nichtberücksichtigung oder gar Uminterpretation der Verfügung deutlich widersprechen und ihr klares Veto einlegen können. Die Strafverfolgung zuwiderhandelnder Ärzte sei seiner Erfahrung gemäß so gut wie aussichtslos. »Sterbende haben keinen Rechtsschutz.« Doch könne es in Fällen »besonderer Dreistigkeit« gegebenenfalls sinnvoll sein, einen Fachanwalt zu kontaktieren.

 

Ob Betroffene oder Angehörige: Als weiteres wichtiges Instrument im Kampf gegen Übertherapie und qualvolle Fehlversorgung am Lebensende hob Thöns das Einholen einer ärztlichen Zweitmeinung hervor. Von großer Relevanz könne es zudem sein, sich über die Möglichkeiten der Palliativ­medizin zu informieren. Diese sei internationalen Empfehlungen zufolge bereits frühzeitig sinnvoll.

 

»Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden«: Nicht zuletzt mit Blick auf Psalm 90 Vers 12 ist es für jeden Menschen bedeutsam, sich im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit zeitlebens in Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Autarkie zu üben, unterstrich Thöns. Dazu zähle es, Renitenz auch gegen menschenfeindliche Entgleisungen im Medizinsystem zu zeigen. »Denn jeder von uns könnte eines Tages Opfer der dramatischen Fehlentwicklungen sein.« /

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