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Arzneimittelversorgung

Kassen wollen Apothekenketten

28.01.2015  09:37 Uhr

Von Ev Tebroke, Berlin / Apothekenketten, Versandhandel, telematisc­he Assistenz: Die Krankenkassen fordern modernere Apothekenstrukturen. Auch was die Vergütung der Apotheker anbelan­gt, präsentierte der GKV-Spitzenverband konkrete Vorstellun­gen im vergangene Woche in Berlin vorgestellten Positionspapi­er. Die Apotheker sind brüskiert.

In den im Papier beschriebenen zehn Handlungsfeldern für eine verbesserte Qualität und Finanzierbarkeit in der Arzneimittelversorgung geht es neben Forderungen an Ärzte und Pharmaindustrie auch um den Apothekenmarkt. Um die Arzneimittelversorgung hierzulande noch besser und wirtschaftlicher zu gestalten, müsse auch das Fremd- und Mehrbesitzverbot endlich aufgehoben werden, hieß es.

 

Die Kassen wünschen sich unter den Apotheken mehr Wettbewerb und sehen diesen durch das in Deutschland geltende Verbot von Apothekenketten behindert. »Wir haben hier immer noch mittelalterliche Gildestrukturen«, kritisierte der stellvertretende Verbandschef Johann-Magnus von Stackelberg. Um auch in ländlichen Gebieten die Arzneimittelversorgung insbesondere von älteren Menschen zu gewährleisten, müssten dort Vertriebsstrukturen wie Versandhandel oder auch telemedizinische Fernberatung durch Apotheker möglich sein. Bei einer Routineversorgung von Patienten, bei der keine komplexe Beratung erforderlich ist, sei eine telematische Assistenz sinnvoll, so von Stackelberg. Die bislang gesetzlich festgelegte Verpflichtung, dass Haupt- und Filialapotheke einer identischen Ausstattung bedürfen, müsse weg­fallen.

 

Was die Honorarforderungen der Apotheker betrifft, so sprechen sich die Kassen eindeutig gegen eine Erhöhung der Packungspauschale aus. »Dies wäre kontraproduktiv«, hieß es. Der kleinen Landapotheke würde es nichts nützen, umsatzstarke Apotheken in Ballungszentren hingegen würden überproportional profitieren.

 

Keine Doppelvergütungen

 

Grundsätzlich stehen die Kassen zusätzlichen Honorierungsformen der Apotheker zwar offen gegenüber. Jedoch müsse dabei ein Zusatznutzen für den Patienten entstehen. Doppelvergütungen auf Ärzte- und Apothekerseite für ein und dieselbe Leistung müssten vermieden werden, sagte von Stackelberg mit Blick auf den im sogenannten E-Health-Gesetz geplanten Medikationsplan. Hier müsse ein eindeutiger Mehrwert erkennbar sein, wie es ihn etwa bei der Wirkstoffverordnung gebe. Dabei verordnet der Arzt kein namentlich genanntes Medikament mehr, sondern nur noch einen Wirkstoff. Der Apotheker sucht dann ein entsprechendes Präparat desjenigen Herstellers heraus, mit dem die Kasse des Patienten einen Rabattvertrag hat. Eine Anpassung der Apothekenvergütung kann aus Sicht der Kassen aber nur erfolgen, wenn die Apotheker endlich repräsentative Daten über gestiegenen Aufwand und Kosten vorlegten, so von Stackelberg.

 

Aus Sicht der Apotheker stellen die Kassen mit ihren Forderungen den Grundkonsens in der Gesundheitsversorgung aufs Spiel. »Mit solchen Vorstellungen, die vor allem Ausgabenkürzungen und Leistungseinschränkungen für Versicherte bedeuten, wird die gesetzliche Krankenversicherung die Herausforderungen des demografischen Wandels sicher nicht bewältigen«, sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt. Bisher habe die Apothekerschaft immer einen kooperativen Ansatz im Umgang mit den Krankenkassen gesucht. »Angesichts der fortgesetzten Angriffe auf unsere Versorgungsstrukturen müssen wir uns jetzt aber fragen, ob dies auch in Zukunft so bleiben kann.« /

Kommentar

Zu welchem Preis?

Die Kassen wollen nach eigenen Worten die Arzneimittelversorgung hierzulande noch besser und wirtschaftlicher gestalten. Mit ihrer Forderung nach Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots, Liberalisierung des Versandhandels und einer Apothekenberatung per Internet wird es aber nicht besser als jetzt, sondern schlechter. Das Thema Arzneimittelberatung steht gerade ganz oben auf der politischen Agenda. Zu Recht, denn bei einer immer älter werdenden Bevölkerung wird sie immer wichtiger. Und plötzlich soll es eine Beratung per Internet richten? Vielleicht wird durch verschärften Wettbewerb ein Medikament hier und da billiger zu haben sein. Aber bei der Arzneimittelversorgung geht es vor allem um die Sicherheit des Patienten. Und nicht um ein paar Euro Ersparnis. Profitieren würden vor allem die Kassen, aber zu welchem Preis?

 

Ev Tebroke, 

Redakteurin Politik & Wirtschaft

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