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Tetanus, Tollwut, tückisch

30.01.2012
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Krämpfe und Lähmungen der Muskulatur sind typische Anzeichen von zwei schweren, oft tödlich verlaufenden Infektionskrankheiten. Sowohl der bakteriell verursachte Wundstarrkrampf als auch die viral bedingte Tollwut lassen sich meist jedoch verhindern.

Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation sterben jedes Jahr mehr als 55 000 Menschen an Tollwut (Rabies), einer durch Rhabdoviren ausgelösten Infektionskrankheit. Nach einer uncharakteristischen ersten Phase der Erkrankung setzt nach zwei bis zehn Tagen die akute neurologische Phase ein. Es kann es zu Angstgefühlen, Unruhe, Krämpfen der Schlundmuskulatur, vermehrtem Speichelfluss, Angst vor dem Kontakt mit Wasser und abwechselnd aggressiver und depressiver Stimmung kommen. Im Verlauf schreiten die Lähmungen fort. Der Tod tritt in der Regel als Multiorganversagen ein.

 

Ohne Behandlung ist Tollwut tödlich

 

Unbehandelt ist die Infektion ein sicheres Todesurteil. Die Therapie humaner Tollwuterkrankungen beschränkt sich auf supportive Maßnahmen. Ärzte sollten die Patienten mit Sedativa versorgen, um die klinische Symptomatik und das erhebliche Leiden zu lindern.

Vorsicht vor Fledermäusen

Seit 2008 gilt Deutschland als »frei von klassischer Tollwut«. Vor allem durch die Immunisierung von Füchsen (diese gelten als Hauptüberträger) mit Impfködern ist es gelungen, Tollwut bei Wild- und Haustieren auszurotten. Illegal aus Endemiegebieten nach Deutschland verbrachte Tiere können jedoch ein Infektionsrisiko bergen. Zudem sollte die Gefahr der Fledermaus-Tollwut auf keinen Fall unterschätzt werden.

 

Die Fledermaus-Tollwut gibt es auch hierzulande. Obwohl die Erkrankung durch andere Rabies-Viren ausgelöst wird als die humane Tollwut, birgt sie für den Menschen die gleiche Gefahr. Daher Hände weg von Fledermäusen! Weder lebende flugunfähige noch tote Tiere sollten angefasst werden, rät das Robert-Koch-Institut.

Bei berechtigtem Verdacht auf eine Tollwutexposition gilt es, schnell zu handeln. Wird sofort eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) eingeleitet, stehen die Überlebenschancen sehr gut. Laut RKI ist das Abwarten eines Laborbefunds dagegen als Kunstfehler zu werten. Neben sorgfältiger Wundsäuberung und Desinfektion umfasst die PEP in der Regel mehrere aktive Tollwut­impfungen. Als Goldstandard gilt das sogenannte Essen-Schema mit Impfungen an den Tagen 0, 3, 7, 14 und 28. Je nach Art und Grad der Exposition kann zusätzlich passiv immunisiert werden. Humanes Tollwut-Immunglobulin kann noch bis zu sieben Tage nach Beginn der Impfserie direkt in und um die Wundregion appliziert werden.

 

Die präexpositionelle Prophylaxe empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) beruflich potenziell exponierten Personen nur noch bei Wiederauftreten der Zoonose in einem zuvor tollwutfreien Gebiet. Laborpersonal mit Expositionsrisiko gegenüber Tollwutviren und Personen mit engem Kontakt zu Fledermäusen sollten sich aber gegen Tollwut impfen lassen. Auch bei Reisen in Endemiegebiete sollte die Apotheke auf den Tollwutschutz hinweisen. Das Impfschema beinhaltet drei Impfstoffdosen an den Tagen 0, 7 und 21 (oder 28).

 

Krankhaftes Grinsen

 

Eine zweite gefährliche Infektionskrankheit ist der Wundstarrkrampf (Tetanus). Wenn die Symptome auftreten, überleben nur etwa zwei Drittel der Betroffenen. Weltweit sterben pro Jahr circa 290 000 Menschen an der Infektion. In Deutschland gab es – dank Impfung und besserer Lebensbedingungen – laut RKI in den vergangenen Jahren weniger als 15 Erkrankungen pro Jahr.

 

Die Infektion entsteht meist durch verunreinigte kleine Wunden. Dabei gelangen Sporen des Tetanuserregers, die im Erdreich ubiquitär vorkommen, oft zusammen mit Fremdkörpern wie Holzsplittern oder Dornen unter die Haut. Tückisch: Eine Clostridium-tetani-Infektion beginnt völlig unbemerkt. Die Inkubationszeit beträgt in der Regel bis zu drei Wochen. Die Schürf- oder Risswunde ist oft schon verheilt, wenn die Exotoxine Tetanospasmin und Tetanolysin zu wirken beginnen.

Die ersten Symptome erinnern an eine Grippe: Kopf- und , Muskelschmerzen, Schweißausbrüche und Abgeschlagenheit. Im weiteren Verlauf wirkt Tetanospasmin auf die Nerven ein, verursacht Kaumuskel-Krämpfe und eine Kiefersperre, wie ein ständiges verzerrtes Grinsen (Risus sardonicus). Es kann zu plötzlichen schmerzhaften Kontrak­tionen ganzer Muskelgruppen kommen. Die Krampfanfälle können so stark werden, dass sie Knochenbrüche im Bereich der Wirbelsäule verursachen. Zudem reagieren die Betroffenen überempfindlich auf Geräusche und Licht. Hohes Fieber setzt ein. Schließlich kommt es häufig zu Atemstillstand, und der Herzschlag setzt aus.

 

Wie wird behandelt, wenn die Diagnose Tetanus feststeht? Zur Neutralisation von noch nicht gebundenem Toxin applizieren die Ärzte humanes Tetanus-Immunglobulin. Um die Bildung eigener Antikörper in Gang zu setzen, spritzen sie auch Aktiv-Impfstoff. Ferner sollte die Wunde möglichst schnell gründlich chirurgisch versorgt werden. Antibiotika können zwar das zirkulierende Toxin nicht verringern, töten aber Erreger ab, die weiteres Toxin bilden könnten. Das RKI empfiehlt Metronid-azol als Antibiotikum.

 

Intensivmedizinische Maßnahmen dienen dem Erhalt vitaler Funktionen und der Muskelrelaxation. Das Freihalten der Atemwege ist oft lebensrettend. Betroffene liegen häufig in einem abgedunkelten und schallgeschützten, also reizarmen Raum.

 

Tetanusprophylaxe für alle

 

Zur Prophylaxe des Wundstarrkrampfs steht die aktive Immunisierung zur Verfügung. Die Grundimmunisierung bei Erwachsenen umfasst drei Injek­tionen. Die beiden ersten erfolgen im Abstand von vier bis sechs Wochen, die dritte Impfung sechs bis zwölf Monate später. Kinder erhalten im Alter von zwei, drei und vier Monaten je eine Impfung. Zur vollständigen Grund­immunisierung sieht die STIKO eine vierte Injektion zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat vor. Die erste Auffrischung soll mit fünf bis sechs Jahren geschehen, die zweite zwischen neun und 17 Jahren.

 

Nach zehn Jahren ist eine Auffrisch­impfung angezeigt. Diese kann der Arzt auch schon nach fünf Jahren geben, wenn der Patient eine tiefe oder verschmutzte Wunde hat. Ist die Situation unklar oder liegt die letzte Tetanus-Impfung mehr als zehn Jahre zurück, wird immer aufgefrischt. / 

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