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Musiktherapie

Der gute Ton

24.01.2018
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Von Ulrike Abel-Wanek / Musiktherapie mildert Ängste und ­Depressionen, reduziert das Schmerzempfinden und hat günstige Effekte bei Demenz und ADHS. Musik kann bei vielen Beschwerden und Krankheiten helfen zu heilen. Aber in Studien lassen sich die positiven Effekte nur schwer objektivieren.

»Blind randomisierte Studien mit einer Placebo-Kontrollgruppe: Das geht einfach nicht in der Musiktherapie.« Professor Dr. Lutz Neugebauer vom Vorstand der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) kennt die Probleme seines Fachs. Musiktherapie gilt in Expertenkreisen seit Jahren als ausgesprochen erfolgreiches Mittel zur Mit-Behandlung verschiedenster Krankheitsbilder. 

 

Schlaganfallpatienten erlangen mithilfe von Musik ihre motorischen Fähigkeiten schneller zurück, bei Brustkrebspatientinnen beugt Musiktherapie Studien zufolge dem Stress während und nach einer Strahlenbehandlung vor. Auch Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung von Frühgeborenen verbessern sich unter dem Einfluss von Musik. »Es gibt durchaus evidenzbasierte Studien mit Ergebnissen, die belastbar sind«, sagt Neugebauer. »Aber nicht im Sinne von Studien, die in der Medikamentenprüfung Standard sind. Dies funktioniert nicht in interaktiven Prozessen wie der Musiktherapie.«

 

Musik im Medizinstudium

 

Die Musik mit ihrer magisch-mystischen Wirkung hatte schon vor mehr als 4000 Jahren einen festen Platz in vielen Heilritualen verschiedener Kulturen. Im Mittelalter war Musik fest eingebunden in die ärztlich-medizinische Behandlung und gehörte bis 1550 zum Fächerkanon des Medizinstudiums. Erst mit der starken Ausrichtung auf die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert verschwand die Musiktherapie aus dem Sichtfeld vieler Ärzte, erlebte aber nach dem Zweiten Weltkrieg einen erneuten Aufschwung.

 

Körper, Geist und Seele

 

Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft definiert Musiktherapie als »gezielten Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit«. In Abgrenzung zu pharmakologischen und physikalischen Therapien ist sie eine Form der Psychotherapie, die ihre Arbeit mit einem musiktherapeutischen Instrumentarium verknüpft. Große Bedeutung hat dabei die stabile und vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Nichts zu tun hat diese Therapieform mit dem unüberschaubar gewordenen Markt an Hintergrund- und Entspannungsmusik. »Für die sachkundige Anwendung von Musiktherapie sind hoch qualifizierte Therapeuten erforderlich«, betont Neugebauer. Musiker, die im Altenheim Klavier spielten, machten zwar einen sozial wichtigen Job, aber keine Musiktherapie.

 

Beruflich bewegen sich Musiktherapeuten aber auf rechtlich dünnem Eis. Denn in Deutschland existiert keine offizielle Zulassung für diese Berufsgruppe – trotz Musikstudiums, musiktherapeutischer Grundausbildung mit Masterabschluss oder sogar Promotion. »Wir haben einen akademischen Gesundheitsberuf, der keine Psychotherapie im Sinne der Richtlinienverfahren ausübt, sind aber auch durch Ausschluss aus dem Heilmittelkatalog keine Heilmittelerbringer wie Physio- oder Ergotherapeuten«, kritisiert Neugebauer. Durch Gespräche mit Vertretern von Krankenkassen und Ärzteschaft hoffe man aber im Verband, in Zukunft Änderungen herbeiführen zu können.

 

Musiktherapeuten sind größtenteils in Kliniken angestellt. In medizinischen Fachgesellschaften für Psychiatrie, Neurologie und Psychosomatik sowie in pädiatrischen Fachverbänden ist die Berufsgruppe gut verankert und Teil interdisziplinär arbeitender Teams. Musiktherapie ist aber keine Kassenleistung. Wer sich selbstständig machen und niederlassen will, braucht zumindest die Zulassung zum Heilpraktiker oder hängt gleich ein psychotherapeutisches Studium an.

 

Therapie auf Rädern

 

Musik kann der einzige Zugang zu Patienten sein, vor allem, wenn sie keine Sprache mehr haben. Denn Melodien sind noch präsent, wenn die Worte schon fast vergessen sind. Das weiß auch Dr. Barbara Keller, die 2003 das Franchise-Unternehmen »Musik auf Rädern« mitbegründete. Die Musiktherapeutin und ihre Kollegen begleiten Menschen, die nicht selber zur Therapie kommen können zu Hause, im Heim und im Krankenhaus – zum Teil über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren. »Die langfristige Beziehungsarbeit und die Musik wirken wie Türöffner und wecken Erinnerungen und Gefühle, über die wieder ein Austausch möglich wird« sagt Keller, die sich in ihrer Arbeit auf Menschen mit Demenz spezialisiert hat.

 

Evidenzbasierte Studien und Wirksamkeitsnachweise von Musiktherapie? »Das interessiert zum Beispiel die Altenpfleger in der Praxis überhaupt nicht«, so die Therapeutin, die über musikalische Sprachförderung bei Kindern im Kita-Alter promovierte. Vielmehr gebe der Erfolg der Therapierichtung Recht. Nach den Therapiestunden seien die Demenz-Patienten nachweislich zugänglicher und ausgeglichener als vorher. Studien bestätigen, dass sich mit Musiktherapie die demenzielle Agitation vermindert und die Interaktionsfähigkeit der Patienten zunimmt. Das sei gut für die Betroffenen und Angehörigen und erleichtere den Umgang mit den Demenz-Patienten für das Pflegepersonal, so Keller. »Wir können Demenz und andere Krankheiten nicht heilen, aber wir schaffen viele heile Momente«, sagt die Musiktherapeutin.

 

Struktur für den Zappelphilipp

 

»Beim Spielen eines Instruments scheinen Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen nur eine Lautstärke zu kennen – nämlich fortissimo«, schreibt die Sängerin Miriam Kurrle in ihrem Buch »Die Zappelbremse«. Doch hilft das Musizieren laut Studien – als Egänzung zur sogenannten multimodalen Therapie aus Elterntraining, Verhaltens- und Pharmakotherapie – die Impulse hyperaktiver Kinder zu steuern und zu kontrollieren. 

Rund 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben laut Robert-Koch-Institut eine ADHS-Diagnose, etwa genauso viele werden als Verdachtsfälle eingestuft. Speziell Trommel und Schlagzeug eignen sich Experten zufolge gut zur musiktherapeutischen Selbstregulation unruhiger Patienten, die sich schlecht konzentrieren und zuhören können.

 

»Kinder mit ADHS haben häufig negative Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht«, weiß Karin Böseler, niedergelassene Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin sowie Musiktherapeutin. Weil sie aufgrund ihres Verhaltens vielfach abgelehnt würden, zögen sie sich häufig auf Verhaltensmuster zurück, die mit Sprache allein nur schwer zu durchbrechen seien. »Als Musiktherapeutin kann ich aber mithilfe des Instruments hier wieder in einen Dialog eintreten«, sagt die Therapeutin. Ihr Instrument antwortet dabei dem des Patienten und umgekehrt. Es entstehe eine direkte Kommunikation ohne Worte. »Ein so entstehender, gelungener Dialog stärkt das Gefühl der Kinder, etwas richtig gemacht zu haben – und damit auch ihr Selbstbewusstsein«, so Böseler. Schon nach 10 bis 15 Stunden ließen sich deutliche Fortschritte bei der ADHS-Symptomatik erkennen, zum Beispiel mehr Selbstwertgefühl, bessere Kritikfähigkeit und in der Folge dann auch wieder bessere Schulleistungen der Kinder.

 

Musik sei eine einzigartige Möglichkeit, sich auszudrücken, ist Neugebauer überzeugt. »Patienten, die sich selber nicht artikulieren können, brauchen uns als Fürsprecher«, so der Musiktherapeut. /

Lesetipps

 


Bosse, J., Stegemann, T., Schmidt, H.U. & Timmermann, T., Musik­therapeutische Umschau, 34 (2013), S. 7–22:

Dem Aufmerksamkeitsdefizit mit Aufmerksamkeit begegnen – was die Musiktherapie Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS-Diagnose bieten kann.

 

 

Miriam Kurrle: Die Zappelbremse

Wißner Verlag 2017

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