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Hereditäres Angioödem

Geballte Kompetenz in Frankfurt

26.01.2010
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Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Langsam, aber stetig: Die Ambulanz für Blutgerinnungsstörungen und Immundefekte der Universitätsklinik Frankfurt hat sich zur weltweit größten Anlaufstelle für Patienten mit Hereditärem Angioödem (HAE) entwickelt. Dort werden mittlerweile etwa 550 HAE-Patienten betreut.

Vor rund 125 Jahren beschrieb der Schotte John Laws Milton einen Angioödem-Patienten mit einer »Riesen-Urtikaria«. Und genau das ist auch heute noch die Crux dieses Krankheitsbildes. HAE wird nicht nur von vielen Betroffenen, sondern auch von Ärzten häufig als Allergie fehlgedeutet. Doch die massiven rezidivierenden Schwellungen im Gesicht, den Extremitäten, im Gastrointestinaltrakt und in den Atemwegen kommen nicht etwa durch eine übermäßige Histaminausschüttung zustande, sondern durch einen Defekt im Komplementsystem. Diesem seltenen und schwerwiegenden Immundefekt, der autosomal dominant vererbt wird, liegt ein Mangel an einem speziellen Protein zugrunde, dem C1-Esterase-Inhibitor. Folge: Sowohl das Komplement- als auch das Kallikrein-Kinin-System laufen auf Hochtouren; Bradykinin wird im Übermaß gebildet und ist für die lokalen Ödeme verantwortlich.

Die Patienten spüren zunächst ein Prickeln oder einen Spannungsreiz, der sich innerhalb weniger Stunden zu einem massivem Ödem auswächst. Erst nach drei bis fünf Tagen, manchmal nach einer Woche ist der Spuk wieder vorbei. Manche Betroffenen ereilen solche Attacken zwei- bis dreimal die Woche.

 

Es liegt auf der Hand: Die Schwellungen im Bereich der Atemwege können lebensbedrohlich sein. Studien aus Frankfurt und Mainz haben gezeigt, dass rund die Hälfte aller HAE-Patienten im Laufe ihrer Krankheit ein Larynxödem entwickeln. Vor allem diese Schwellungen im Kehlkopfbereich sind für die hohe Sterblichkeit von HAE-Patienten (30 bis 50 Prozent) verantwortlich, dann nämlich, wenn die Krankheit nicht diagnostiziert und deshalb falsch therapiert wurde. Aber auch die Schwellungen der Schleimhaut im Magen-Darm-Trakt bringen großes Leid. Die Schmerzen sind ungewöhnlich stark, gleichen einer Kolik und können bis zum Darmverschluss führen.

 

Privatdozent Dr. Wolfhart Kreuz, Leiter der Gerinnungs- und Immundefektambulanz am Uniklinikum in Frankfurt, und sein Team betreuen inzwischen fast 550 HAE-Patienten. »Damit findet sich in der Mainmetropole die weltweit größte Ambulanz für diese seltene Erkrankung«, sagte Kreuz auf einer Pressekonferenz. In Deutschland bietet nur noch die Universitätsklinik in Mainz ein derartiges, aber kleineres Zentrum. In den letzten Jahren hat sich bezüglich der Therapie einiges verändert. Denn bevor Kreuz vor rund 25 Jahren bei den Patienten begann, den genetisch bedingten Inhibitormangel mithilfe von C1-Esterase-Inhibitor-Konzentrat (Berinert® P) zu substituieren, galt die Behandlung mit Androgenderivaten wie Danazol als Therapiestandard. Eine Behandlung, die heute so gut wie obsolet ist, führte sie doch bei vielen Patienten zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Virilisierung des weiblichen Organismus, massive Gewichtszunahme, Depressionen oder Bluthochdruck.

 

Frankfurter Konzept macht Schule

 

Kreuz entwickelte mit seinen Kolleginnen das sogenannte Frankfurter-Therapiekonzept, wodurch die meisten Betroffenen heute ein nahezu normales Leben führen können. Sie sind in der Lage, zu arbeiten und auch in Urlaub fahren zu können. Kreuz hatte vor rund 25 Jahren die Idee, die Patienten so anzulernen, dass sie sich selbst zu Hause behandeln können. Die Betroffenen lernen in der Ambulanz, wie sie sich das Präparat intravenös verabreichen müssen und wann welche Dosis erforderlich ist. Was vor einem Vierteljahrhundert mit einzelnen Patienten begann, hat Schule gemacht. Und heute werden die meisten Betroffenen für diese ärztlich kontrollierte Heimselbstbehandlung ausgebildet.

 

Durch die Substitution des C1-Esterase-Inhibitor-Konzentrats normalisiert sich die Gefäßpermeabilität. Die Schwellung geht bereits nach einer halben Stunde zuverlässig zurück. »Bei den allerersten Anzeichen spritze ich mir das Plasmaprotein. Mit einer 10-ml-Infusion komme ich dann hin. Je früher ich spritze, umso effektiver kann ich die Schwellung unterbinden«, erzählte Lucia Schauf, 1. Vorsitzende der HAE-Vereinigung und mindestens dreimal pro Woche von Attacken heimgesucht. »Wenn ich die ersten Anzeichen jedoch nachts verschlafe, brauche ich mitunter die dreifache Dosis.« Wenn eine Operation oder eine Zahnbehandlung ansteht, wird in Frankfurt zur Kurzzeitprophylaxe vorsorglich substituiert.

 

Die HAE-Ambulanz arbeitet eng mit der HAE-Vereinigung, zusammen. »Dadurch haben wir hier eine gute Mischung aus erlernter und erlebter Kompetenz«, sagte Kreuz. Durch die Betreuung der relativ vielen Betroffenen wurden auch neue Erkenntnisse gewonnen. »So scheint es Blasenschleimhautschwellungen zu geben, die sich ähnlich einer Harnwegsinfektion äußern. Es wird aber nie ein auslösender Keim gefunden. Auch wurden hier in der Ambulanz Gehirnschwellungen mit neurologischen Ausfällen dokumentiert«, informierte Dr. Emel Aygören-Pürsün.

 

Auch um neue Erkenntnisse für die Therapie zu gewinnen, ist die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfegruppe dienlich. So steht aktuell der relativ neue Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist Icatibant (Firazyr®) auf dem Prüfstand, der seit rund eineinhalb Jahren auf dem Markt ist. Er biete zwar den Vorteil, dass er subkutan verabreicht werden kann. Doch durch seine relativ kurze Halbwertszeit sei er für Patienten mit häufigen Attacken nicht geeignet. Außerdem sei Icatibant derzeit nicht für die Heimselbstbehandlung vorgesehen, sondern muss vom Arzt verabreicht werden, erklärte Aygören-Pürsün. Auch für Schwangere und Kinder ist Icatibant mangels Erfahrung nicht zugelassen. /

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