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Barmer-GEK-Arztreport

Acht Minuten pro Patient

26.01.2010
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Von Martina Janning, Berlin / Durchschnittlich 18 Mal gingen die Deutschen im Jahr 2008 zum Arzt. Das ist zu viel, darüber herrscht Einigkeit. Strittig ist jedoch, wie sich die Anzahl der Praxisbesuche verringern lässt. Die Barmer GEK will das Hausarztmodell stärken, Ärztevertreter wollen die Praxisgebühr verschärfen.

Der Arztreport der Barmer GEK war der Auftakt: Seit die Kasse in der vorigen Woche die Zahlen für das Jahr 2008 präsentierte, ist eine Diskussion darüber entbrannt, wie sich Arztbesuche reduzieren lassen. Denn die Analyse der Daten von rund 1,7 Millionen GEK-Versicherten hatte ergeben, dass die Anzahl der Arztbesuche im Jahr 2008 auf 18,1 Mal gestiegen ist, 2007 waren es 17,7 Mal gewesen.

»Natürlich betrachten wir die Arztrennerei als problematisch und wollen uns mit den hohen Kontaktzahlen nicht abfinden«, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Um gegenzusteuern setzt die Barmer GEK auf eine hausarztzentrierte Versorgung. Allerdings stecke das aktuelle Hausarztmodell in einer »Sackgasse«, betonte der Vize-Vorstandschef. Er forderte dreiseitige Verträge zwischen Krankenkassen, Hausarztverbänden und Kassenärztlichen Vereinigungen. Diese sind nach der aktuellen Gesetzeslage jedoch nicht möglich. Faktisch hat der Hausarztverband heute eine Monopolstellung bei Hausarztverträgen. Hausarztvereinbarungen sollten freiwillig sein, forderte Schlenker, verbindliche Standards enthalten und Ärzten nur ein finanzielles Plus bringen, wenn sie die Verträge langfristig zu Einsparungen führen. »Was derzeit auf dem Tisch ist, ist schlichtweg zu teuer«, urteilte Schlenker.

 

Gewöhnung an Praxisgebühr

 

Der 2004 eingeführten Praxisgebühr misst Schlenker keine große Lenkungsfunktion bei. »Wir gehen davon aus, dass die Steuerungswirkung bei ihrer Einführung zunächst vorhanden war.« Sie habe aber graduell abgenommen. »Es ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten.« Allerdings seien die knapp zwei Milliarden Euro, die die Kassen durch die Praxisgebühr bekommen, schwer zu ersetzen. »Wer auf die Praxisgebühr verzichten will, muss sagen, woher die Einnahmen sonst kommen sollen«, forderte Schlenker und warnte davor, das Abschaffen der Praxisgebühr als Rechtfertigung für eine Kopfprämie zur Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung zu benutzen. Beides hat Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler auf seiner Wunschliste.

 

Inzwischen ist eine breite Debatte um die Praxisgebühr entfacht. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Köhler, schlägt vor, die Abgabe anders zu gestalten. Demnach sollte sich die Praxisgebühr künftig prozentual nach den Behandlungskosten richten und nicht pauschal 10 Euro pro Quartal betragen. Eine intelligentere Zuzahlungsregel könne helfen, unnötige Arztbesuche zu reduzieren, sagte Köhler.

 

Verbraucherschützer Stefan Etgeton warnt dagegen davor, die Praxisgebühr leichtfertig zu modifizieren. Wer Patienten durch »finanzielle Anreize« vom Arztbesuch abhalten wolle, müsse wissen, dass Menschen mit geringen Einkommen dann auch notwendige Behandlungen unterließen, sagte der Gesundheitsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) der »Frankfurter Rundschau«. Verschleppte Krankheiten könnten teuer kommen.

 

Stattdessen sei beim Anstieg der Arztbesuche zunächst einmal zu klären, welche Verantwortung die Ärzte durch zu häufiges Einbestellen tragen, forderte Etgeton. Dagegen wandte sich die Ärztevertretung Hartmannbund: »Der Vorwurf des gezielten übermäßigen Einbestellens von Patienten ist völlig absurd – und aus Sicht der Ärzte auch rein betriebswirtschaftlich blanker Unsinn«, sagte der Vorsitzende des Hartmannbundes, Professor Dr. Kuno Winn. Er schloss sich dem Vorschlag einer prozentual gestaffelten Praxisgebühr an Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Herbert Reichelt, nannte einen solchen Umbau unsozial und warf der KBV vor, in der GKV das Bezahlen von Leistungen nach dem Muster der privaten Krankenversicherung einführen zu wollen.

 

Tatsächlich sind 18 Arztbesuche pro Jahr vergleichsweise viel. Laut OECD-Angaben gingen die Bürger in Belgien, Dänemark, Frankreich und Österreich im Durchschnitt nur sechs bis acht Mal im Jahr zum Arzt, in Schweden sogar nur knapp drei Mal pro Jahr. Das bedeutet aber nicht, dass die Schweden oder Belgier gesünder sind als die Deutschen. Denn ein Zusammenhang zwischen häufigen Arztbesuchen und einer besseren Gesundheit besteht nicht. Durchschnittlich behandelt jeder Arzt 224 Menschen in der Woche. Pro Patient hat er gerade einmal acht Minuten Zeit – deutlich weniger als in anderen Ländern. Wenn Ärzte sich mehr Zeit nehmen, könnten Anschluss- oder Folgebesuche beim selben oder einem anderen Arzt oft überflüssig werden, sagte Schlenker. Ein Teil der Besuche beim Arzt gehe auch auf das Konto unnötiger Doppeluntersuchungen.

 

Anders als die Zahl der Praxisbesuche sanken die Arzneiverordnungen dem Bericht zufolge leicht. Jeden Tag haben demnach 1,39 Prozent der Deutschen im Jahr 2008 mindestens ein Arzneimittel auf Rezept verordnet bekommen. Die häufigsten Diagnosen waren Rückenschmerzen mit 26 Prozent, Bluthochdruck (25,4 Prozent), Sehstörungen (21,5 Prozent), Störungen des Fettstoffwechsels (19,2 Prozent) und Atemwegsinfekte (17,2 Prozent). /

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