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Erfahrungsbericht

Arzneitees in Wundertüten

22.01.2007  11:17 Uhr

Erfahrungsbericht

Arzneitees in Wundertüten

Von Wiebke Kändler, Lima

 

Wer bei einem Entwicklungsdienst arbeiten will, benötigt häufig die Approbation. So konnte ich den Entschluss, ein Praktikum in einem Entwicklungsland zu machen, erst nach dem Studium in die Tat umsetzen. Kurz nach Erhalt der Approbation machte ich mich auf den Weg nach Peru, wo ich drei spannende Monate in einem Ärztezentrum verbrachte.

 

Die Praktikumsstelle im alternativ-medizinischen Ärztezentrum »San Martin« in Villa el Salvador, einem armen Viertel im Süden Limas mit circa 400.000 Einwohnern, vermittelte mir ein seit 20 Jahren in Peru lebender deutscher Entwicklungshelfer. Bei meiner Ankunft in der 9-Millionen-Metropole Lima hatte ich das Gefühl, auf einer großen Baustelle gelandet zu sein. Aufgrund der hohen Steuer auf fertiggestellte Häuser sieht man in den Armen-Vierteln und den unteren Mittelklasse-Vierteln Limas fast nur sogenannte Häuser der Hoffnung. Unschwer zu erkennen sind sie an unverputzten Hauswänden, Wellblechdächern und senkrecht nach oben herausstehenden Mauerankern. Zudem liegt überall Bauschutt herum und, abgesehen von den wenigen geteerten Hauptstraßen, ist der Rest schmutziger Sand. Dies und die fast gänzlich fehlende Bepflanzung lassen 90 Prozent Limas ausgesprochen trist und grau erscheinen. Besonders düster ist die Stadt in den Wintermonaten, wenn sie von einer dicken Schicht aus Smog und Wolken bedeckt ist.

 

Mein Arbeitsplatz, das »Centro de medicina natural San Martin«, ist benannt nach San Martin de Porres, einem 1579 in Lima geborenen und 1962 heiliggesprochenen Mulatten. Der zum Schutzpatron der sozialen Gerechtigkeit und des Heil- sowie Pflegepersonals ernannte Heilige wurde als Wunderarzt, Apotheker und Heilkräuterkundiger verehrt und gründete selbst einige karitative Einrichtungen für die Armen und die unteren sozialen Schichten. Das erst vor zwei Jahren gegründete Ärztezentrum besteht aus einem Anmeldezimmer, fünf einfach eingerichteten Sprech- beziehungsweise Therapiezimmern, einem kleinen Labor und einer Küche.

 

Therapie mit Eigenurin

 

Eine Pflicht zur Krankenversicherung gibt es in Peru nicht, sodass alle Kosten selbst getragen werden müssen. Da es sich somit kaum jemand leisten kann, Medikamente zu kaufen, versuchen die Ärzte in vielen Fällen, ohne diese auszukommen. Stattdessen versuchen sie, insbesondere Menschen mit schweren chronischen Krankheiten mit gesunder Ernährung beziehungsweise speziellen Diäten, alternativen Heilmethoden wie Eigenurintherapie, Akupunktur und Fußreflexzonenmassage, Sport (Yoga und Thai Chi) und Phytotherapie zu helfen. Leider ist der Großteil der Peruaner aber wenig bereit, für die Gesundheit das gewohnte Leben umzustellen. Das vielfältige und günstige Angebot an Obst und Gemüse wird kaum genutzt. Stattdessen werden große Mengen an Fleisch, Reis und Zucker aufgenommen. Zum Beispiel werden in ein Glas Tee drei Esslöffel Zucker gerührt, wodurch eine fünfköpfige Familie im Monat leicht einen 25-Kilo-Sack Zucker verbraucht.

 

Bei manchen Methoden fiel es mir schwer, an deren Wirksamkeit zu glauben: Schon in der zweiten Woche erzählte mir eine Arbeitskollegin, dass sie ihrem zehnjährigen Sohn morgens immer seine Limonade gibt. Für ihn war es nur eine Spezial-Limonade, in Wirklichkeit war es Eigenurin mit Wasser verdünnt und einem Schuss Zitrone. Eines Morgens habe der Junge geschimpft, dass die Limonade heute nicht schmecke. Er sei selbst schuld gewesen, so meine Kollegin, denn er hatte am Tag zuvor Cola getrunken und die darin enthaltenen Konservierungsstoffe bewirkten, dass der Urin bitter schmeckte.

 

Als eine deutsche Kollegin eines Morgens über Bauchschmerzen klagte, tastete die Gastmutter ihren Bauch ab und diagnostizierte, dass sie böse angeguckt worden sei. Als liege das Mädchen im Sterben, rief die Mutter durchs Haus: »Ein Ei. Schnell! Ich brauche ein Ei!«. Daraufhin wurde die Patientin mit der Eiertherapie behandelt, wobei mit einem rohen Ei über den Körper gestrichen wird.

 

Meerschweinchentherapie

 

Noch wirkungsvoller als die Eiertherapie soll die Schwarze-Meerschweinchen-Therapie sein, die vor allem im Urwald praktiziert wird. Hierbei wird ein schwarzes lebendes Meerschweinchen, das eigens dafür gezüchtet ist, direkt über dem Körper des Patienten auf und ab bewegt. Seine Krankheit wird dabei auf das Meerschweinchen übertragen.

 

Bei der im Ärztezentrum angewendeten Chakra-Diagnostik werden zum Beispiel mittels eines Stabes die sieben Energiefelder des Körpers auf krankhafte Abweichungen untersucht. Wie auf diese Weise etwa ein Helicobacter-pylori-positiver Ulcus einfach und schnell durch Auflegen eines Fingers des Patienten auf eine Schwarz-Weiß-Kopie eines vergrößerten Helicobacter pylori diagnostiziert werden soll, blieb mir ein Rätsel.

 

Trotzdem hat mich die Idee überzeugt, den Menschen die eigene Verantwortung bezüglich ihrer Gesundheit aufzuzeigen und eine Alternative zur unbezahlbaren Dauertherapie zu bieten. Denn die alternative Behandlungsmöglichkeit für die Armen ist wenig überzeugend: Bei Diabetes oder Bluthochdruck werden beispielsweise zehn Tabletten Metformin beziehungsweise Metoprolol verschrieben - mehr nicht. So sind die Tabletten meist verbraucht, bevor sie eine Wirkung zeigen. Bei Durchfall bekommt der Kranke drei Tabletten Ciprofloxacin und zur Asthmatherapie stehen ausschließlich Salbutamol-Lösung und Cortison-Tabletten zur Verfügung.

 

Im Krankenhaus behandelt wird nur, wer das nötige Geld oder eine Kreditkarte vorweisen kann. Bevor die Behandlung beginnen kann, bekommt der Patient eine Liste der benötigten Medikamente, die er selbst oder die Familie besorgen muss. Im Notfall muss ein Angehöriger schnell zur nächsten Apotheke laufen, um etwa eine notwendige Injektion zu holen.

 

Hühnchenfeier und Spendenmarathon

 

Um das Geld für eine teurere Untersuchung, Therapie oder eine kleine Operation zu beschaffen, veranstalten die Peruaner sogenannte Polladas (Pollo bedeutet Huhn). Alle Freunde, Verwandten und Nachbarn werden zu dem Fest eingeladen. Der Veranstalter kauft Hühnchen ein, die gebraten und dann zusammen mit Pommes verkauft werden. Der Erlös ermöglicht dem Kranken die Therapie.

 

Mein Hauptarbeitsplatz war das Labor, das wenig Ähnlichkeit mit einem Labor nach unseren Vorstellungen hat. Statt nach Chemikalien roch es dort, besonders nachdem neue Arzneipflanzen zum Trocknen aufgehängt wurden, immer angenehm nach Kräutern. Auch die fertigen Teemischungen lagerten in dem Labor, wo sich Hausfrauen, die in einem Kurzlehrgang in Phytotherapie ausgebildet wurden, um die Herstellung der Teemischungen kümmerten. Das Etikettieren dieser Mischungen wurde während meines Aufenthaltes zum Diskussionsthema. Die vor meiner Ankunft verwendeten Etiketten mit Angabe der Indikation, Dosierung und Zubereitung sollten ersetzt werden. Denn die Angabe der Indikation sowie jeglicher Hinweis, dass es sich bei den Tees um Medikamente handelt, sind gesetzlich verboten. Einzige Ausnahme ist die Herstellung eines angemeldeten Medikamentes unter der Verantwortung eines Apothekers. So wurden aus den Teemischungen zunächst geheimnivolle Wundertüten, die mit den Nummern 1 bis 30 beschriftet waren. Mein Vorschlag, die enthaltenen Teedrogen auf dem Etikett abzudrucken, traf auf keine große Begeisterung. Meine Kolleginnen erklärten mir, dass zu befürchten sei, dass die gleichen Mischungen wenig später auf dem Markt um die Ecke zum halben Preis angeboten werden, wenn genau deklariert ist, was in den Teemischungen enthalten ist. Die Angestellten hatten Angst, ihren Arbeitplatz zu verlieren. In einer Personalbesprechung wurde dann doch im Sinne der Sicherheit des Patienten entschieden und wir verwendeten fortan die Etiketten mit Angabe der Zusammensetzung.

 

Mir wurde in den drei Praktikumsmonaten bewusst, dass dem Menschen Veränderungen widerstreben, was den Wunsch zu helfen immens erschwert. Mir wurde aber auch klar, dass große Hilfe alleine durch Anwesenheit, Zuhören, ein Lächeln oder ein Gespräch möglich sind. Es war eine tolle Erfahrung, für die ich dankbar bin. Obwohl das Leben in dem Armenviertel nicht immer leicht war, habe ich meine Entscheidung nie bereut.

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