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Transiente globale Amnesie

Wenn das Gedächtnis Pause macht

14.01.2015
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Für Angehörige und Betroffene ist es erschreckend, wenn die Merkfähigkeit auf einmal weg ist. Als transiente globale Amnesie bezeichnen Neurologen diese vorübergehende Gedächtnisstörung, die zwar dramatisch anmutet, aber im Grunde harmlos ist.

Der 72-jährige Werder-Fan kommt vom Fußballspiel nach Hause. »Wie war es?«, fragt ihn seine Frau. Das weiß er nicht mehr. Auch wie das Spiel ausging, kann er nicht sagen. Er wirkt unruhig, unsicher, irgendwie ratlos. »Wo ist das Auto?«, fragt er. Sie schauen beide nach. Es steht eingeparkt am gewohnten Platz. Seine Frau fängt an, sich zu wundern und ihm Fragen zu stellen. Wer er ist, weiß er noch, und wo er wohnt. Seine Frau und Kinder kennt er auch, seine Enkelkinder allerdings nicht mehr. Weitere Symptome wie Kopfschmerz, Schwindel oder Übelkeit hat er nicht, nur die Orientierung und das Gedächtnis sind beeinträchtigt. Immer wieder fragt er nach dem Auto, obwohl sie bereits nachgeschaut haben. Alarmiert ruft die Frau einen Krankenwagen. Mit Verdacht auf Schlaganfall wird der Mann ins Krankenhaus gebracht.

 

Die Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren zeigen keine Auffälligkeiten. Ein Schlaganfall kann ausgeschlossen werden. Innerhalb von zehn Stunden kommt das Gedächtnis wieder zurück, nur eine Lücke von wenigen Stunden bleibt bestehen. Anhand der klinischen Symptomatik stellen die Ärzte die Diagnose transiente globale Amnesie (TGA).

 

Lücke im Kurzzeitgedächtnis

 

Diese auch als amnestische Episode bezeichnete Gedächtnisstörung tritt bei etwa drei bis acht von 100 000 Einwohnern pro Jahr auf. Die meisten Betroffenen sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Charakteristisch für die TGA ist die plötzlich einsetzende, schwere Störung des Kurzzeitgedächtnisses. Neue Gedächtnisinhalte können die Patienten in der akuten Phase nicht länger als 30 bis 180 Sekunden behalten (anterograde Amnesie). Das Langzeitgedächtnis bleibt dagegen weitgehend intakt, wobei typischerweise Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit fehlen (retrograde Amnesie).

 

Betroffene wissen daher noch, wer sie sind, aber häufig nicht, wo sie sich derzeit befinden, und wie sie dort hingekommen sind. Charakteristisch sind daher wiederkehrende Fragen zur Umgebung oder Situation. Das prozedurale Gedächtnis, also das Abrufen erlernter Fähigkeiten wie Autofahren, Telefonieren oder Klavierspielen, ist nicht beeinträchtigt. Vom Stadion nach Hause zu fahren und rückwärts einzuparken, funktionierte in dem besprochenen Fall daher noch. Auch die Aufmerksamkeit ist nicht gestört, die Betroffenen sind wach und kontaktfähig.

 

Die Gedächtnisstörung setzt plötzlich ein und dauert zwischen 1 und 24 Stunden, im Schnitt zwischen sechs und acht Stunden an. Für den Zeitraum der Symptomatik bleibt eine Gedächtnislücke bestehen. So erschreckend die Gedächtnisstörung für die Angehörigen und die Betroffenen auch ist, gilt sie doch als harmlos. In den meisten Fällen tritt sie nur einmalig auf. Etwa 18 Prozent erleiden eine weitere Episode. Das Rezidivrisiko liegt bei 6 bis 10 Prozent pro Jahr, heißt es in der entsprechenden Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Langfristig bleiben keine neuropsychologischen Defizite zurück, auch die Risiken für Demenz und Schlaganfall sind nicht erhöht.

 

Eine TGA kann sowohl im Akut­stadium als auch im Anschluss daran anhand der klinischen Symptomatik diagnostiziert werden (siehe Kasten). Dabei ist sie von Gedächtnisstörungen anderer Ursache abzugrenzen. Hierzu zählen Epilepsie (transiente epilep­tische Amnesie), Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Vergiftungen, Entzündungen des Gehirns (beispielsweise Herpes-Enzephalitis) oder funktionale Störung nach traumatischen Erlebnissen. Für eine TGA sprechen, wenn anstrengende körperliche oder emotionale Ereignisse der Symptomatik vorangingen, der Patient immer die gleichen Fragen stellt und sich in der Anamnese kooperativ verhält. Gegen eine TGA spricht dagegen, wenn es Hinweise auf eine Epilepsie, ein Trauma oder eine Unterzuckerung gibt. Außerdem ist eine andere Ursache der Gedächtnisstörung zu vermuten, wenn der Patient schläfrig, erregt oder wesensverändert ist, eine Desorientierung zur Person zeigt oder Details zur akuten amnestischen Episode schildern kann.

 

Bei eindeutigem klinischem Bild ist keine weitere Diagnostik notwendig. Die Betroffenen können auch von Angehörigen zu Hause betreut werden. Eine kausale Therapie existiert nicht. Wenn die Diagnose nicht eindeutig gestellt werden kann, sollten die Betroffenen stationär aufgenommen werden, um sie beobachten und andere Erkrankungen mittels EEG oder MRT ausschließen zu können.

 

Wie es zu der vorübergehenden Gedächtnisstörung kommt, ist bislang unklar. Man geht von einem multifakto­riellen Geschehen aus. Bei der Mehrheit der Patienten gehen Ereignisse der Symp­tomatik voraus, die möglicherweise als Auslöser infrage kommen. Dies sind emotional belastende Erlebnisse, körperliche Anstrengung, Geschlechtsverkehr oder ein Sprung ins kalte Wasser. Letzterer hat der TGA im englischen Sprachraum auch den Namen Amnesia by the Seaside eingebracht.

 

Keine bleibenden Schäden

 

Fest steht laut Leitlinie nur, dass eine vorübergehende Funktionsstörung der mediobasalen Temporallappen-Anteile inklusive der beiden Hippocampi vorliegt, also der Gehirnstrukturen, die für die Gedächtnisbildung verantwortlich sind. Darauf weisen auch Läsionen im Hippocampus hin, die bei etwa der Hälfte der Patienten in MRT-Untersuchungen gefunden werden. Eine Durchblutungsstörung als Ursache der TGA gilt mittlerweile als unwahrscheinlich, da die Betroffenen kein erhöhtes Risiko für zerebrale Infarkte aufweisen. Mehrere Fallkontrollstudien deuten auf eine Assoziation der TGA mit Migräne hin, ein Zusammenhang ist aber nicht bewiesen.

 

Auch bei dem beschriebenen Patienten liegt eine positive Migräneanamnese vor. Als emotional belastendes Ereignis vor der TGA könnte bei ihm das Fußballspiel infrage kommen: Seine Mannschaft hatte hoch verloren. Letztlich bleibt auch bei ihm die Ursache unklar. /

Diagnose der TGA

Kriterien zur klinischen Diagnose der TGA laut Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie:

 

  • akut beginnende und ausgeprägte Neugedächtnisstörung
  • Dauer mindestens 1 Stunde, Rückbildung innerhalb von 24 Stunden
  • Fehlen fokal-neurologischer Symptome und zusätzlicher kognitiver Defizite
  • Fehlen einer Bewusstseinsstörung oder Desorientierung zur Person
  • kein vorangehendes Trauma oder Epilepsie

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