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Mittelohrentzündung

Hilfe durch Schmerzmittel und Schonung

19.01.2010  10:59 Uhr

Von Bettina Sauer, Berlin / Lange galten Antibiotika als Standardbe­handlung der akuten Mittelohrentzündung. Doch meist scheinen sie den Krankheitsverlauf kaum zu beeinflussen. Säulen der Therapie sind Schmerzmittel, Bettruhe und Zuwendung. Dennoch gehören Kinder mit Mittelohrentzündung in ärztliche Behandlung.

Kaum eine Krankheit treibt so viele Kinder zum Arzt wie die akute Mittelohrentzündung (Otitis media). Hochrechnungen zufolge erkrankt in Europa jedes Kind bis zum siebten Lebensjahr mindestens einmal da­ran. »Ab dem Schulalter kommen Mittelohrentzündungen immer seltener, bei Erwachsenen kaum noch vor«, berichtete Professor Dr. Hans-Wilhelm Pau, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Universitätsklinikum Rostock, bei einem interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer im Januar in Berlin. Er nannte zwei Hauptgründe für die hohe Anfälligkeit von Kleinkindern: deren erst unzureichend ausgebildete Immunabwehr sowie ihre noch sehr kurze Ohrtrompete (auch als Eustachische Röhre oder Tuba auditiva bezeichnet). Auf diesem Weg dringen bakterielle und virale Krankheitserreger viel leichter als bei Erwachsenen aus dem Hals-Nasen-Rachen-Raum in das rechte oder linke Mittelohr ein, wo sie mitunter schmerzhafte Entzündungen verursachen.

Entsprechend folgt die Krankheit oft auf einen banalen Schnupfen oder andere Atemwegsinfekte. Sie äußert sich in der Regel mit heftigen, pulsierenden Ohrenschmerzen, die denn auch als Leitsymptom gelten und oft plötzlich einsetzen. »Die meisten Kinder reagieren mit einem sogenannten Ohrzwang, also einem ständigen Bedürfnis, die schmerzende Stelle zu berühren«, sagte Pau. Als weitere typische Symptome nennt die Leitlinie »Ohrenschmerzen« der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) Hörstörungen, ein schlechtes Allgemeinbefinden sowie mitunter Fieber und Schwindel. »Diese Alarmzeichen erfordern dringend einen Besuch beim Arzt«, betonte Pau.

 

Um den Verdacht zu überprüfen, soll dieser das Kind laut DEGAM-Leitlinie körperlich untersuchen, das Allgemeinbefinden erfragen und insbesondere den Nasen-Rachen-Raum und beide Ohren genau auf Anzeichen einer Infektion inspizieren. Letzteres geschieht in der Regel mithilfe der Ohrspiegelung (Otoskopie), die Einblick in den Gehörgang und auf das Trommelfell bietet. »Dort zeigen sich deutliche Spuren der Krankheit, da sich die Entzündung direkt hinter diesem Häutchen befindet«, sagte Pau. Im Falle einer akuten Otitis media erscheine es nicht gräulich, sondern rosa bis rot, bei Vorliegen einer Sekretansammlung im Mittelohr wölbe es sich vor. Mitunter sei es durch den Flüssigkeitsdruck sogar verletzt, dann fänden sich darin Risse oder Löcher. Meist reicht die Begutachtung des Trommelfells, um die Diagnose zu sichern, heißt es in der DEGAM-Leitlinie.

 

Allerdings nennt sie diagnostische Hinweise auf Komplikationen und verwandte Erkrankungen, die spezielle Therapien erfordern. So entwickeln manche Kinder eine chronische Mittelohrentzündung, die das Trommelfell dauerhaft schädigt. Als Therapie empfiehlt die Leitlinie gegebenenfalls Antibiotika gemäß eines zuvor erstellten Antibiogramms. Paus Erfahrung nach nützt oft auch die mechanische Belüftung des Mittelohrs durch eine kleine Operation, die sogenannte Parazentese. Denn vielfach lägen der chronischen Form Belüftungsstörungen des kindlichen Ohrs zugrunde. Von allein heile die Erkrankung in der Regel nicht, und sie führe mitunter zu Schwerhörigkeit. Letztere zählt auch zu den möglichen problematischen Folgen der akuten Otitis media, ebenso wie ein Übergriff der Entzündung auf angrenzende Knochen (Mastoiditis) oder die Hirnhaut.

 

Doch in der Regel verlaufen akute Mittelohrentzündungen weitgehend harmlos. Laut DEGAM-Leitlinie heilen sie bei vier von fünf Patienten innerhalb von 7 bis 14 Tagen von selbst aus. Um die Zeit bis dahin für die Kinder erträglicher zu machen, empfehlen die Autoren körperliche Schonung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und viel Zuwendung, bei schmerzhaften Verläufen zudem die systemische Anwendung von Paracetamol (täglich höchstens 50 mg/kg Körpergewicht, verteilt auf drei bis vier Gaben), beziehungsweise Ibuprofen (täglich höchstens 30 mg/kg Körpergewicht, verteilt auf drei bis vier Gaben). Vom Einsatz von Acetylsalicylsäure raten sie dagegen ab. Denn das Medikament verursacht im Zusammenspiel mit viralen Infekten in seltenen Fällen eine Hirnschädigung, das sogenannte Reye-Syndrom. Zudem warnt die Leitlinie vor der lokalen Behandlung durch schmerzstillende Ohrentropfen. Diese sind wirkungslos, da sie bei intaktem Trommelfell nicht zur Entzündung vordringen können. Auch schleimhautabschwellende Nasentropfen oder -sprays, die vielfach bei ohrenschmerzengeplagten Kindern zum Einsatz kommen, brächten keinen Nutzen. Auch Referent Pau teilt diese Einschätzung. Sie stützt sich vor allem auf eine 2004 veröffentlichte und 2007 aktualisierte Cochrane-Analyse, die 15 klinische Studien mit knapp 2700 kindlichen Teilnehmern einbezieht. Demnach bringt bei akuter Mittelohrentzündung die Behandlung mit den Nasenmedikamenten keinen Vorteil bezüglich der Zeit bis zur Heilung, der Milderung von Symptomen oder der Vorbeugung von Komplikationen.

 

»Auch am Nutzen der Antibiotika, die bis vor Kurzem als Standardtherapie der akuten Mittelohrentzündung dienten, bestehen inzwischen Zweifel«, berichtete Pau. So belegten mehrere klinische Studien der letzten Jahre, dass die antibakteriellen Medikamente die Symptome der Kinder meist weder milder verlaufen noch schneller verschwinden lassen. Die DEGAM-Leitlinie weist zudem darauf hin, dass Mittelohrentzündungen weit seltener zu gefährlichen Komplikationen führen als aufgrund älterer Studien und Beobachtungen vermutet. Zudem warnt sie vor den möglichen Nebenwirkungen der Antibiotika und der Gefahr, dass die Medikamente aufgrund zu häufiger Verordnungen ihre Wirksamkeit einbüßen.

 

Zurückhaltung bei Antibiotika

 

Als Fazit lautet die Empfehlung, im Falle einer unkomplizierten akuten Mittelohrentzündung auf eine unmittelbare Antibiotikagabe zu verzichten. Allerdings sollten die Ärzte das Befinden ihrer kleinen Patienten nach spätestens 48 Stunden kontrollieren und bei Nicht-Besserung oder Verschlechterung der Symptome doch noch ein Antibiotikum verordnen. Zudem sei die antibakterielle Behandlung in manchen Fällen von vornherein unverzichtbar. Dazu zählten Kinder unter zwei Jahren, beziehungsweise mit Begleit- und Grunderkrankungen, schlechtem Allgemeinzustand, hohem Fieber sowie anhaltendem Erbrechen und Durchfall. Als Antibiotikum der ersten Wahl nennt die Leitlinie Amoxicillin, gefolgt von Makroliden und Cephalosporinen der zweiten Generation.

 

Nicht in dem Papier erwähnt, aber in der Praxis oft verwendet, sind homöopathische Medikamente und ein Hausmittel, das Zwiebelsäckchen. Allerdings sollen Eltern eine vermutete oder bestätigte Mittelohrentzündung ihres Schützlings nie auf eigene Faust behandeln, sondern immer ärztlichen Rat suchen, betonte Pau. »Denn Komplikationen sind zwar selten, aber dennoch nicht zu unterschätzen.« /

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