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Dekubitus

Last und Entlastung

11.01.2010
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Von Silke Lauterbach und Annett Pfeiffer / Die Prävalenz von Druckgeschwüren bei Patienten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie in der häuslichen Pflege ist sehr hoch. Wie kann man Risikofaktoren frühzeitig erkennen und dem Wundliegen vorbeugen?

Die folgenschwerste Komplikation bei bettlägerigen Menschen ist ein Dekubitus. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet »darniederliegen«. Dieses auch als Druckgeschwür bekannte Leiden betrifft oft immobile, kranke und/oder alte Menschen. Die Behandlung ist ebenso schwierig wie langwierig und verursacht einen enormen Pflege- und Kostenaufwand.

Nach vorsichtigen Schätzungen erkranken jährlich in Deutschland mehr als 400 000 Menschen an einem behandlungsbedürftigen Dekubitus. Die tatsächliche Häufigkeit von Dekubitalulzera ist sehr schwer anzugeben. Experten schätzen die Prävalenz in deutschen Krankenhäusern auf etwa 10 Prozent, in geriatrischen Kliniken und Altenheimen sogar auf 30 Prozent und bei Pflegebedürftigen im häuslichen Umfeld auf 20 Prozent (1).

 

Man kann davon ausgehen, dass die Dekubitushäufigkeit in den nächsten Jahren noch steigen wird, da mit Erreichen eines immer höheren Lebensalters auch die Zahl der chronisch kranken und immobilen Menschen zunehmen wird.

 

Ein Dekubitus kann immer dann entstehen, wenn zu lange ein erhöhter Druck auf eine prädisponierte Körperstelle einwirkt. Dadurch kommt es im Gewebe durch Sauerstoffmangel und Azidose zu einer Ischämie. In der Folge bilden sich Ödeme und/oder Blasen. Es kommt zur Gewebsschädigung bis zur Ausbildung von Nekrosen. Besonders gefährdet sind alle Körperstellen, an denen wenig Unterhautfettgewebe den Betroffenen schützt. In Rückenlage sind dies vor allem Kreuz- und Steißbein, Fersen und Achillessehnen, Ellbogen, Schulterblätter und Hinterhauptknochen. Im Sitzen sind vor allem die Sitzbeinhöcker, Hinterhauptknochen, Wirbelsäule und Fersen betroffen.

 

Druckgeschwüre werden nach ihrem Schweregrad in vier Stadien eingeteilt (Abbildung 1, nach Seiler):

 

Stadium 1: Rötung (nicht wegdrückbar);

Stadium 2: Druckschädigung der Haut, sichtbar als Blase, Abschürfung oder flaches Geschwür;

Stadium 3: Schädigung aller Hautschichten bis auf die darunter liegenden Muskelfaszie; tiefes offenes Geschwür;

Stadium 4: ausgeprägte Zerstörung aller Hautschichten mit Gewebsnekrose oder Schädigung von Muskeln, Knochen oder Sehnen.

 

Risikofaktoren früh erkennen

 

Das Risiko, einen Dekubitus zu bekommen, lässt sich in eine Formel fassen:

Druck x Zeit x Risikofaktoren = Wahrscheinlichkeit für das Entstehen eines Dekubitus

Als lokale Risikofaktoren gelten neben dem Alter, Grad der Immobilität und Ernährungszustand auch der Hautzustand der Patienten. So haben kachektische Menschen ein erhöhtes Dekubitusrisiko durch hervorstehende Knochenvorsprünge und adipöse Menschen durch einen erhöhten Auflagedruck. Zudem neigen Dickleibige durch aufeinanderliegende Hautfalten zu Mazerationen (Abbildung 2).

Das Auf- und Erweichen der Haut durch längere Einwirkung von Feuchtigkeit ist nachteilig. Es gilt heute als erwiesen, dass Hautfeuchtigkeit einen wesentlichen Risikofaktor für die Entstehung eines Dekubitus darstellt. Bei einer Mazeration kommt es zur Absorption von Flüssigkeit in der Epidermis mit nachfolgender Quellung, was die Hautbarrierefunktion einschränkt. Bedingt durch die reduzierte Hautbarriere können Hautkeime sowie toxische oder allergene Substanzen durch die mazerierte Epidermis penetrieren und in tieferen Gewebsschichten Entzündungen oder Sensibilisierungen induzieren.

 

Bei Inkontinenz wird die Haut zusätzlich durch Urin oder Stuhlgang gereizt. Inkontinenzartikel sollen deshalb so beschaffen sein, dass sie Flüssigkeit gut ableiten, die Haut der Patienten atmungsaktiv unterstützen und keinen Flüssigkeits- oder Wärmestau verursachen.

 

Neben den lokalen Risikofaktoren gibt es auch verschiedene systemische. So haben Menschen mit bestimmten Hauterkrankungen, zum Beispiel mit Ekzemen, Allergien und Pergamenthaut, oder mit Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Tumoren, Durchblutungsstörungen und psychischen Störungen ein erhöhtes Risiko, ein Druckgeschwür zu entwickeln. Ist die Haut bereits geschädigt, können zusätzlich Infektionen auftreten. Durch Einschleppen von Keimen in eine offene Wunde kann sich eine lokale Entzündung bilden, die gelegentlich auch zur Streuung von Eiterherden über die Blutbahn führt. Als Folge drohen Knochenabszesse, Lungenentzündungen oder gar Sepsis.

 

Ein weiterer Einflussfaktor auf Entstehung und auch Abheilung eines Dekubitus ist die Ernährung. Es ist wichtig, den Ernährungsstatus eines Menschen richtig einzuschätzen und mögliche Mängel auszugleichen. Eine Mangelernährung bedeutet die Unterversorgung mit einem oder mehreren Makro- und Mikronährstoffen wie Kohlenhydrate, Eiweiße, Fette, Vitamine und Spurenelemente und ist nicht gleichzusetzen mit Untergewicht. Verschiedene Studien belegen, dass bis zu zwei Drittel der in Krankenhäuern aufgenommenen Senioren mangelernährt sind (2, 3). Häufig ist die Mangelernährung bedingt durch einseitige oder zu geringe Nahrungsaufnahme.

 

Um eine Mangelernährung frühzeitig festzustellen, eignen sich zum Beispiel der Body-Mass-Index (BMI) oder das Erfassen des Gewichtsverlaufs. Bei Erwachsenen bis 65 Jahren weist ein BMI unter 18,5 kg/m2 auf Untergewicht im Sinne einer Reduktion der Körperfettreserven hin. Wenn bei Menschen über 65 Jahren der BMI unter 20 kg/m2 liegt, wird das ebenfalls als Hinweis auf eine Mangelernährung gewertet. Hat der Patient bereits einen Dekubitus, so steigt sein Bedarf an Makro- und Mikronährstoffen, da der Verschluss einer Wunde einen enormen Energie- und Substanzaufwand für den Organismus bedeutet. Die Zufuhr von Zink, Eiweiß und Vitaminen bewirkte in Studien eine doppelt so schnelle Abheilung von Druckgeschwüren (4). Außerdem gehen über großflächige Geschwüre ständig Nährstoffe durch das Wundsekret verloren, die durch eiweißreiche Trinkpräparate, die zusätzlich Spurenelemente und Vitamine enthalten, substituiert werden können (4).

 

Neben der Nährstoffaufnahme ist auf einen ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt zu achten. Am besten ist eine über den Tag verteilte, kontinuierliche Flüssigkeitszufuhr. Dabei sollte das Getränkeangebot auch an eventuelle Begleiterkrankungen angepasst werden. Vorsicht ist zum Beispiel bei Herzerkrankungen geboten, da es hier schnell zur Überwässerung kommen kann (5).

 

Das Risiko richtig einschätzen

 

Der Dekubitus beziehungsweise dessen Vermeidung werden in der gesundheitspolitischen Diskussion als Qualitätsindikator für die pflegerische und medizinische Versorgung von alten und kranken Menschen angesehen. Das deutsche Netzwerk für Qualitätssicherung in der Pflege hat daher einen Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe herausgegeben (6). Darin ist beschrieben, wie die Entstehung eines Dekubitus bei gefährdeten Patienten durch frühzeitige Prophylaxemaßnahmen verhindert werden kann.

 

Um Hautschäden vorzubeugen, muss man Gefahren richtig einschätzen können. Dazu gibt es Risikoskalen, die Patienten mit erhöhtem Risiko frühzeitig (bei Aufnahme ins Krankenhaus, Pflege- oder Altenheim, nach Operationen oder in vergleichbaren Situationen) erkennen lassen und auch zum schnellstmöglichen Handeln anleiten sollen. Beispielhaft sei hier die Braden-Skala genannt, in der in sechs Kategorien (sensorisches Empfinden, Ernährung, Mobilität, Aktivität, Feuchtigkeit der Haut und Reibung) jeweils bis zu vier Punkte vergeben werden können. Je niedriger die Gesamtpunktzahl ist, umso höher ist das Risiko für ein Druckgeschwür. Weitere Risikoskalen sind zum Beispiel die Waterloo-, Norten- oder Medley-Skala.

 

Zur frühzeitigen Diagnose trägt auch der sogenannte Fingertest bei. Damit kann man erkennen, ob eine bestimmte Körperstelle gefährdet ist, einen Dekubitus zu entwickeln. Wenn man bei einem Patienten eine gerötete Stelle bemerkt, drückt man auf diese mit dem Finger. Im Normalfall verfärbt sich die gedrückte Stelle kurz weiß, bevor sich die Hautfarbe wieder normalisiert. Ist jedoch keine Weißfärbung, sondern anhaltende Rötung zu sehen, ist das Risiko, dass dort ein Dekubitus entsteht, sehr hoch. Der Patient muss sofort druckentlastend gelagert werden.

 

Die Last eines Dekubitus

 

Druckgeschwüre sind für die Betroffenen sehr belastend. Sie verursachen große Schmerzen, fesseln ans Bett und können zu sozialer Isolation führen. Für die Patienten entsteht ein wahrer Teufelskreis. Der Dekubitus induziert oder verstärkt die Immobilität und dadurch reduziert sich der Allgemeinzustand des Patienten weiter. Proteinmangel und Muskelschwund treten bereits nach wenigen Tagen der Bettruhe ein. Der Patient gerät so in eine katabole Stoffwechselsituation, wodurch eine Kachexie entstehen oder verstärkt werden kann. Durch das Abmagern treten Knochenstrukturen stärker hervor und erhöhen die Auflagendrücke an den exponierten Stellen.

 

Ein Dekubitus zählt zu den sogenannten chronischen Wunden. Die häufig langen Behandlungszeiträume sind für privat und beruflich Pflegende eine große Herausforderung. In Institutionen und Heimen müssen Therapie- und Pflegekonzepte vorhanden sein und alle Maßnahmen dokumentiert werden. Die Unterlassung der Dokumentation kann im Rechtsstreit zur Beweislastumkehr führen.

 

Druckentlastung ist das A und O

 

Das Lagern ist die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung von Hautschäden bei bettlägerigen Menschen. Eine Mikrolagerung kann mit einfachen Mitteln, zum Beispiel kleinen Kissen oder gefalteten Handtüchern, erfolgen. Damit werden in kurzen Abständen Arme, Beine oder abwechselnd eine Hüftseite unterlegt. So ist sichergestellt, dass sich der Auflagedruck immer wieder anders verteilt, und die Gefahr eines Druckgeschwürs sinkt.

 

Zur weiteren Druckentlastung und zur Beobachtung der Haut muss sichergestellt werden, dass auch eine komplette Umlagerung von einer Seite auf die andere erfolgt. Nur so können eventuelle Hautveränderungen frühzeitig erkannt und behandelt werden. Feste Zeitintervalle, wie oft die Pflegepersonen den Patienten umlagern sollen, gibt es nicht. Man geht im Allgemeinen von einem zweistündigen Turnus aus.

Eine weitere Möglichkeit zur Druckreduzierung sind spezielle Lagerungssysteme. Diese werden in Form von Schaumstoff- und Wechseldruckmatratzen oder anderen Speziallagerungssystemen gewichtsadaptiert angeboten. Sie sind jedoch nicht für alle Patienten geeignet, da sie auch unerwünschte Wirkungen haben können. Zum Beispiel verschlechtern sie die Körperwahrnehmung dadurch, dass die Eigenbewegung auf einer Spezialmatratze erschwert wird. Dadurch nimmt die Immobilität weiter zu. Bei Patienten, die beispielsweise an Spastiken, akutem Schlaganfall, Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson leiden, sind sie kontraindiziert, da sie diese Krankheitsbilder verschlechtern können.

 

Die energetischen Systeme haben durch den Motor einen erhöhten Geräuschpegel, was das Wohlbefinden, vor allem bei dementen Menschen negativ beeinflussen kann. Bei Tumorerkrankten können Schmerzen besonders durch Wechseldrucksysteme verschlimmert werden, weil der Druck an verschiedenen Stellen ansetzt. Es muss daher immer individuell entschieden werden, ob und welches Matratzensystem geeignet ist.

 

Phasengerecht behandeln

 

Trotz gut verfügbarer wissenschaftlicher Erkenntnisse werden immer noch veraltete und sogar schädliche Behandlungsmethoden bei wundgelegenen Patienten angewandt. Vielerorts herrscht Pragmatismus. »Das haben wir schon immer so gemacht« oder »Damit haben wir gute Erfahrungen«: Solche Argumente beeinflussen die Wahl des Behandlungsregimes.

Schritte in der Behandlung

Um den Patienten während der langen Behandlungszeiträume optimal zu versorgen, sind folgende Schritte zu beachten:

 

Erstbeurteilung/ Risikoeinschätzung,

Druckentlastung,

phasengerechte Wundbehandlung,

Verbesserung des Allgemeinzustands durch Ernährung und Förderung der Mobilität,

Infektionsprophylaxe,

Schmerztherapie,

Dokumentation.

 

Als druckreduzierende Maßnahmen werden immer noch echte und künstliche Felle für Fersen-, Hacken- oder Ellbogenschonung eingesetzt, obwohl sie keinerlei Effekt haben. Gummiringe zur Entlastung betroffener Hautstellen führen zu einer zirkulären Abbindung und sollten daher nicht verwendet werden. Hautpflege allein führt nicht zur Druckentlastung und Massagen mit hyperämisierenden Substanzen verschlimmern eher den Hautzustand. Gleiches gilt für Maßnahmen wie Fönen. Eine Zusammenstellung an obsoleten und entbehrlichen Produkten und Wirkstoffen in der Wundbehandlung zeigen die Tabellen 1 und 2.

Tabelle1: Entbehrliche Wirkstoffe bei der Behandlung chronischer Wunden

Wirkstoffe Eigenschaften, Bemerkungen
8-Chinolinol unzureichend wirksam, mutagen, neurotoxisch, allergen, tierexperimentell karzinogen
Chloramin T unzureichend wirksam, Inaktivierung durch Blut, allergen, zytotoxisch
Chlorhexidin Wirkungsschwächen, zytotoxisch, mutagen, reversibel prämaligne Veränderungen in der Mundhöhle (Ratte), Anaphylaxie, neurotoxisch
Ethanol 10-prozentig als Kombinationspartner für Antiseptika geeignet, 70- bis 80-prozentig bei fehlenden Alternativen, zum Beispiel auf Reisen, auch als Monowirkstoff anwendbar; Brennen auf der Haut (70-prozentiges Ethanol)
Farbstoffe unzureichend wirksam, lokal unverträglich, zum Teil systemische Risiken
Nitrofural unzureichend wirksam, mutagen, allergen, induziert benigne Tumore, Resorption aus Wunden, Resistenzentwicklung möglich
Quats unzureichend wirksam, zytotoxisch, resorptive Risiken, Resistenzentwicklung, Umweltbelastung
Säuren wie Essig- oder Zitronensäure unzureichend wirksam, brennen, Veränderung des Haut-pH-Werts
Silbersulfadiazin in vitro unzureichend mikrobizid wirksam, Resistenzentwicklung, zytotoxisch, systemische Risiken, allergen, Bildung eines störenden Eiweiß-Wundsekret-Komplexes (Schorf)
Wasserstoffperoxid 3 Prozent unzureichend wirksam, Inaktivierung durch Blut, zytotoxisch

Dekubitalgeschwüre sollten wie alle chronischen Wunden immer phasengerecht, das heißt entsprechend der physiologischen Wundheilungsphasen behandelt werden.

 

Zur Wundbehandlung eignen sich die sogenannten hydroaktiven Wundauflagen. Bei der Auswahl der richtigen Auflage müssen neben der aktuellen Heilungsphase der Wunde auch lokale Störfaktoren wie Infektionen, Nekrosen, Beläge oder Mazerationen erkannt und entsprechend behandelt werden. Häufig sind apparative Heilmethoden nützlich.

Tabelle 2: Obsolete Produkte in der Wundbehandlung

Wirkstoff Bemerkung
Ethacridinlactat allergen, Wundheilungshemmung, in vitro mutagen, im Vergleich zu modernen Antiseptika deutlich toxischer, unzureichend wirksam, Resistenzentwicklung, instabil unter Lichteinwirkung
Organische Quecksilberverbindungen Wirkung erregerabhängig, zum Teil unwirksam, systemische Nebenwirkungen, Sensibilisierung, Umweltbelastung
Perubalsam zytotoxisch, kanzerogen

Bei Nekrosen kann zum Beispiel eine Abtragung der Beläge durch Hochdruckwasserstrahl erfolgen. Die weitere Wundheilung wird oft durch Vakuumversiegelung gefördert, wobei durch den Sog einer Vakuumpumpe überschüssiges Wundsekret, Zelltrümmer und Bakterien aus der Wunde abgesaugt werden und so eine schnelle und effektive Wundreinigung induziert wird.

 

Reinigungsphase

 

In dieser Phase ist der Dekubitus häufig von schmierigen Belägen aus avitalem nekrotischem Gewebe bedeckt (Abbildung 4). Diese müssen vor jeder weiteren Behandlung durch ein Débridement beseitigt werden. Dafür stehen verschiedene konservative und operative Verfahren zur Verfügung. Die schnellste und effektivste Methode zur Nekrosenabtragung ist das chirurgische Debridement. Hierbei wird mit einem Skalpell abgestorbenes Gewebe entfernt. Weitere Möglichkeiten sind das biochirurgische Debridement mittels speziell gezüchteter, steriler Fliegenlarven, das pharmakologische Debridement mithilfe von Enzympräparaten oder das autolytische Debridement mit sogenannten Hydrogelen.

Nach der Säuberung der Wunde sollten in der Reinigungsphase Wundverbände eingesetzt werden, die sehr saugfähig sind und trotzdem die Wunde feucht halten. Ein Sekretstau kann eine Wundinfektion begünstigen. Zudem sollten Mazerationen der umliegenden Hautareale vermieden werden. Als Barriereschutz kann ein flüssiger Hautschutzfilm indiziert sein, der gleichzeitig als Haftgrundlage für klebende Wundauflagen dient. Bei intakter Haut kann die Wundumgebung mit wirkstofffreien lipidreichen Pflegepräparaten, Polyurethanfolien, dünnen Hydrokolloiden oder Silikongazen geschützt werden.

 

Obsolet ist das Eincremen der Wundumgebung mit Pasten auf fetthaltiger oder öliger Basis. Wenn diese Topika in die Wunde gelangen, kann es zu einem Sekretstau kommen.

Geeignete Wundauflagen in der Reinigungsphase enthalten Alginate, Hydrogele und/oder Polyurethan-(PU)-Schaumstoffe. Bei infizierten Wunden müssen zusätzlich aseptische Maßnahmen, zum Beispiel lokale Antiseptika (Octenidin- oder Polyhexanid-haltige Lösungen), angewandt oder silberhaltige Wundauflagen eingesetzt werden. Lokalantibiotika oder Farbstofflösungen sind überholt oder sogar kontraindiziert (Tabellen 1 und 2).

 

Granulation und Epithelisierung

 

In der Granulationsphase ist es wichtig, das wachsende Gewebe durch permanentes Feuchthalten vor dem Austrocknen zu schützen. Trocknet die Wunde jetzt aus, sterben Zellen ab und die Wundheilung ist gestört. Gleichzeitig muss überschüssiges Wundexsudat gebunden werden, um einer Mazeration an den Wundrändern vorzubeugen. Ist die Wunde eher trocken, empfiehlt es sich, sie mit Hydrogelen zu befeuchten, um ein optimales Zellwachstum zu fördern. Bei stark nässenden Wunden eignen sich Verbände mit hoher Saugkapazität wie Alginate oder Schaumverbände. Bei mäßig stark exsudierenden Wunden können Hydrokolloide eingesetzt werden.

Das sehr empfindliche Granulationsgewebe muss außerdem vor Traumatisierung, zum Beispiel beim Verbandwechsel oder Druck von außen, geschützt werden. Bei optimalen Heilungsbedingungen kommt es meist rasch zur Wundkontraktion und Bildung von Epithelgewebe (Abbildung 5).

 

Der letzte und entscheidende Schritt bei der Wundheilung ist die Reepithelisierung (Abbildung 6). Das wachsende Epithelgewebe benötigt feuchte und warme Bedingungen zur Migration der Epithelzellen. Die Wunde sollte zudem vor mechanischen Einwirkungen von außen geschützt werden. Hier eignen sich dünne Hydrokolloide, Hydrogele oder selbstklebende Wundfolien.

 

Ein schweres Problem in der Wundversorgung ist eine fragile Wundumgebung (Abbildung 7). Unelastische und dünne Altershaut, Epithelgewebe auf jungem Narbengewebe sowie die papierartige Pergamenthaut infolge langer Corticoidtherapie sind sehr verletzlich.

Klebende Wundauflagen können leicht zusätzliche Verletzungen beim Verbandwechsel verursachen. Eine bessere Möglichkeit bieten silikonhaltige Wundauflagen. Durch ihre Mikrohaftung verläuft der Verbandwechsel in der Regel atraumatisch. Bislang sind keine Allergien gegenüber Silikon beschrieben.

 

Umfassend beraten

 

Druckgeschwüre sind multifaktorielle Erkrankungen. Zahlreiche Einflussfaktoren wie schlechter Allgemeinzustand und ungenügende Ernährung sowie Risikofaktoren wie Immobilität und Demenz treffen bei vielen Patienten zusammen und erfordern ein konsequentes Vorgehen.

 

Durch frühzeitige und gezielte Maßnahmen lässt sich das Risiko für einen Dekubitus minimieren, jedoch oft nicht ganz ausschalten. Neben der effektiven Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegepersonal ist die Beratung und Aufklärung von Patienten und Angehörigen, auch in der Apotheke, sehr wichtig. Informationsmaterial kann die Apotheke zum Beispiel über die Initiative chronische Wunde (ICW) bekommen und für das Beratungsgespräch bereithalten (7). Viele Hersteller von Wundauflagen bieten meist kostenlose Infobroschüren an. /

 

 

Literatur

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Leffman, C., et al., Dekubitus. Heft 12 aus der Reihe Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Robert-Koch-Institut, Dezember 2002.

Löser, C., et al., Der ungewollte Gewichtsverlust des alten Menschen. Dt. Ärzteblatt 104 (2007) Heft 49.

Pirlich, M., et al., Deutsche Studie zur Mangelernährung im Krankenhaus. Clin. Nutr. Vol. 25 (2006) 563-572.

Müller, S. D., Immunmodulation aus ernährungsmedizinischer Sicht. Schweiz. Zschr. Ganzheitsmedizin 17 (2005) 48-51.

www.dgem.de

Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege. Fachhochschule Osnabrück, Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege. 2. Aufl. mit aktualisierter Literaturstudie 1999-2002.

www.icwunden.de

 

Die Autorinnen

Silke Lauterbach studierte von 1994 bis 1999 Pharmazie in Marburg. Sie ist Fachapothekerin für Klinische Pharmazie und arbeitet im Rotes-Kreuz-Krankenhaus in Kassel als stellvertretende Apothekenleiterin und Leiterin der Materialwirtschaft. Seit 2002 leitet sie den Arbeitskreis Wundversorgung im Krankenhaus. Sie ist Autorin einer Wundfibel sowie Dozentin für die Landesapothekerkammer Hessen und in der innerbetrieblichen Fortbildung des Hauses.

 

Annett Pfeiffer war nach der Ausbildung zur Kinderkrippenerzieherin in Görlitz bis 1990 in diesem Beruf tätig. Es folgte eine Ausbildung zur Krankenschwester in Kassel. Seit 1994 arbeitet Pfeiffer als Krankenschwester auf der Intensivstation des Rotes-Kreuz-Krankenhauses in Kassel und absolvierte dort von 1995 bis 1997 eine Ausbildung zur Fachkrankenschwester in der Intensivpflege. Dort ist sie Mitglied des Arbeitskreises Wundversorgung und seit 2007 Wundexpertin ICW.

 

Für die Verfasserinnen:

Silke Lauterbach

Apotheke im Rotes-Kreuz-Krankenhaus

Hansteinstraße 29

34121 Kassel

apotheke(at)rkh-kassel.de

Links zum Titelbeitrag

 

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