Pharmazeutische Zeitung online

Was erwarten Sie von 2006?

09.01.2006  16:22 Uhr

PZ-Umfrage

Was erwarten Sie von 2006?

PZ  Neues Jahr, neues Glück? Für Apotheker muss dies nicht unbedingt gelten. Noch weiß niemand, was die geplante Gesundheitsreform tatsächlich bringen wird. Die PZ hat Pharmazeuten gefragt, was sie von diesem Jahr erwarten.

 

Im Schaufenster der Merlin-Apotheke an der Karl-Liebknecht-Straße dreht sich ein großes Apotheken-A. Ein politisches Statement in Zeiten des Umbruchs? »Eigentlich gehört das Logo nur zur Dekoration«, schmunzelt Apotheker Hellmut Kaeber. Dann wird er ernst: »Für die Apotheken ist in kaufmännischer Hinsicht heute nichts mehr kalkulierbar. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben doch gezeigt, dass politische Entscheidungen keine Zukunftssicherheit mehr bieten.« Weil die Politiker immer wieder nach dem Sozialneidprinzip handelten, werde es für ihn als Kaufmann zunehmend schwieriger einzuschätzen, welche Investitionen sich mittel- und langfristig tatsächlich lohnen. Auch das neue Jahr lässt für Kaeber unter wirtschaftlichen Aspekten nicht allzu viel Erfreuliches erwarten: »Jetzt müssen wir erst einmal versuchen, die wegfallenden Naturalrabatte auszugleichen«, so der Berliner Apotheker. »Und was das Image unseres Berufsstandes angeht, da gehen wir tagtäglich neu in die Offensive.«

 

»In diesem Jahr werden uns die wegbrechenden Rabatte und die anstehende Mehrwertsteuererhöhung beschäftigen«, sagt Peter-Stephan Bart von der Monbijou-Apotheke an der Oranienburger Straße in Berlin. Weil sich das bereits im Entwurf vorliegende Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz nicht mehr verhindern lasse, müssten sich die Apotheken auf Umsatzeinbrüche einstellen. Mit ihrer Gesundheitspolitik gerät die große Koalition laut Bart mehr und mehr zur Farce: »Wer spart denn, wenn unsere Spanne wegfällt?« Die Patienten würden ohnehin bereits über Gebühr belastet und machten die Apotheken zum Teil mitverantwortlich. Dabei sei es mit den so genannten Apothekenpreisen längst vorbei: »Wenn ich sehe, wie wir täglich ackern, und was dann tatsächlich in der Kasse übrig bleibt, könnte mir manchmal die Lust an meinem Beruf vergehen.«

 

Zu viele Krankenkassen

 

Die Verdrossenheit müsste nicht sein. Bart hat vier Jahre lang in Australien gearbeitet und eine ganze Reihe an Eindrücken zu einer funktionierenden Gesundheitsversorgung mitgebracht. »Nehmen sie nur den Überfluss an Krankenkassen hier zu Lande. Ein Jahr lang muss ich auf meine Abrechnungen warten, ohne dass ich dann die Möglichkeit zur Nachbesserung hätte. In Australien gab es eine Krankenkasse, und retaxierte Rezepte wurde schon nach zwei Wochen an uns zurückgeschickt - mit der Möglichkeit zur Korrektur.« Besonders ärgert sich Bart derzeit an der Wiederbesetzung von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: »Die Frau verkündet eine Hiobsbotschaft nach der anderen und strahlt dabei. Aber was hat Schmidt wirklich geleistet?«

 

Kritik an der Ministerin kommt auch von Ines Höhn aus der Greifswalder Apotheke. »Schmidts neue Rabattregelung beispielsweise finde ich außerordentlich problematisch. Wie soll man als Kaufmann auf seine Kosten kommen, wenn einem die Spanne streitig gemacht wird?« Die Apothekerin benennt eine der Ursachen für die Misere beim Namen: »Wir haben einfach keine so gute Lobby wie die Ärzte oder die Krankenkassen. An den Beiträgen in den Medien kann man doch immer wieder sehen, wer gerade den größten Einfluss auf das Ministerium hat.«

 

»Der Stern ist am Sinken«, fügt ihr Mann, Dr. Heiko Höhn, lachend hinzu und steigt mit abgenommener Weihnachtsdekoration von der Leiter an der Fassade. Höhn versucht, die aktuellen und zu erwartenden gesundheitspolitischen Wirrungen mit einem gesunden Maß an Ironie zu nehmen. Reibereien zwischen den verschiedenen Interessensgruppen im Gesundheitswesen gehören für ihn zur »Rutschbahn des Lebens«. »Nehmen Sie nur die Abkopplung der Apothekenhonorare von den Arzneimittelpreisen. Das war zunächst günstig für uns, jetzt soll erneut nachjustiert werden. Immerhin sind nun auch die Krankenkassen dran. An irgendeinem Rädchen im System wird immer gedreht - so bleibt es wenigstens spannend.«

 

Finanzierbare Qualität

 

Bedenken kommen Höhn allerdings, wenn ökonomische Einschnitte die fachgerechte Ausübung des Apothekerberufs zu beeinträchtigen drohen. »Qualitätssicherung muss finanzierbar sein. Ohne eine funktionierende Quersubventionierung droht beispielsweise QMS zu einem reinen Formalismus zu werden.« Weil kleinteiligere Versorgungsformen in diesem Zusammenhang besser funktionierten, müsse so lange wie möglich für deren Erhalt gekämpft werden, so Höhn.

Wir brauchen Stabilität

Dr. Christian Pacher, Inhaber der Süd-Apotheke in Ingolstadt

 

PZ: Was wollen Sie beruflich in diesem Jahr realisieren?

Pacher: Ich möchte die Weiterbildung zum Fachapotheker für Offizinpharmazie konsequent durchziehen und möglichst bald abschließen. Mein Ziel ist es, fachlich und wissenschaftlich auf dem neuesten Stand der Offizinpharmazie zu stehen.

 

PZ: Welche Pläne haben Sie für Ihre Apotheke?

Pacher: Zunächst hoffe ich, dass die mehrmonatigen Straßenarbeiten direkt vor unserer Apotheke diese nicht zu stark beeinträchtigen werden. Generell will ich die heilberuflich geführte Einzelapotheke als Beratungsstätte weiter stärken und positionieren. Unsere Kunden erwarten eine persönliche, umfassende Beratung und Betreuung - von allen Mitarbeitern und vor allem auch vom Apothekenleiter. Diesen Anspruch will ich mit dem ganzen Team gut erfüllen.

 

PZ: Welche Veränderungen im Gesundheitswesen halten Sie für nötig?

Pacher: Die Politiker müssen eine echte Gesundheitsreform anpacken und umsetzen. Wir brauchen Planungsstabilität. Mit Stückwerk ist es nicht getan. Dabei muss die Finanzierungsgrundlage vernünftig geregelt werden. Die Bürgerprämie halte ich für einen sinnvollen Kompromiss.

Neue Wege suchen

Patrick Pongs, Inhaber der Goethe-Apotheke an der Großen Bergstraße und von Carjell’s Apotheke am Mittelweg in Hamburg

 

PZ: Was erwarten Sie von diesem Jahr?

Pongs: Angesichts der zahlreichen Gesundheitsreformen und nun auch des anstehenden Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetzes könnte man schon dazu neigen, den Mut verlieren. Aber: Resignation lähmt. Ich schaue optimistisch in die Zukunft. Es hat keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten gilt es, das Beste aus den Dingen zu machen.

Wir Apotheker müssen nach neuen Wegen suchen, die sich unter anderem in der Prävention oder der Ernährungsberatung oder im Coaching von Patienten zum Beispiel bei Adipositas, Nikotinentwöhnung oder Inkontinenz beziehungsweise in der Begleitung von kranken Menschen bei einer Chemotherapie oder nach einem Schlaganfall erschließen: Unsere Chance liegt in der engen Kundenbindung, also darin, dass wir die Patienten nicht allein lassen mit ihren Sorgen und Problemen. Das ist auch unser Vorteil gegenüber Kettenapotheken, die es zu verhindern gilt.

 

PZ: Was muss die Politik leisten?

Pongs: Ich wünsche mir für 2006 klare gesundheitspolitische Vorgaben und somit mehr Planungssicherheit sowie ein wenig mehr Augenmaß der verantwortlichen Politiker. So ist mir völlig unverständlich, warum diese stets nur bei Ärzten und Apothekern sparen, wo doch zum Beispiel gerade bei den Krankenkassen erhebliche wirtschaftliche Reserven zu erschließen sind.

Des Weiteren wünsche ich mir eine offensivere Standespolitik. Es wundert mich, dass angesichts des geplanten Verbots der Naturalrabatte kein Aufschrei durch die Apothekerschaft geht, obwohl ihr damit quasi eine Existenzgrundlage entzogen wird. Es ist ein generelles Ärgernis, dass die Apothekerschaft, wenn überhaupt, stets nur reagiert und nicht agiert und alles ruhig hinnimmt, selbst, wenn ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Ich halte auch mehr Werbung in eigener Sache zur Stärkung der Position des Apothekers für dringend erforderlich. In unserer heutigen Ellenbogengesellschaft ist die nach wie vor praktizierte aristokratische Zurückhaltung der Apothekerschaft in Sachen Öffentlichkeitsarbeit völlig fehl am Platz. Pflicht einer effektiven PR ist es, dafür zu sorgen, dass auch dem Arzneimittel als wirklich teurem Gut mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, und nicht zuzulassen, dass es verramscht wird.

Trotz aller anstehenden Herausforderungen wird es ein gutes Jahr werden. Denn: Es ist eine Lust zu leben. Meine Frau und ich betrachten es als unsere vorrangigste Aufgabe, diese lebensbejahende Einstellung meines Vaters, der auch Apotheker war, unseren drei Kinder weiterzuvermitteln.

Raus auf die Stationen

Dr. Ullrich Frauer, Leitender Apotheker, AMEOS Klinikum St. Salvator Halberstadt GmbH

 

PZ:Was erwarten Sie beruflich von diesem Jahr?

Frauer: Wir werden den seit Jahren eingeschlagenen Weg weitergehen: Heraus aus den Räumen der Apotheke - die in Krankenhäusern zu 90 Prozent im untersten Stockwerk sind - raus auf die Stationen, in die Abteilungen, hin zu den Patienten. Der Apotheker gehört in das therapeutische Team, gemeinsam mit den Ärzten und den Kollegen der anderen Berufsgruppen, die sich im Krankenhaus um den Patienten kümmern.

 

PZ:Denken Sie, dass ihre Krankenhausapotheke zum Jahresende besser oder schlechter dasteht als heute?

Frauer: Besser. Wir haben klinisch-pharmazeutische Dienstleistungen etabliert und wir werden das weiter tun. Diese Dienstleistungen erhöhen die Qualität der medizinischen Betreuung und bringen für das Krankenhaus auch einen ökonomischen Nutzen, abrechenbar in Euro und Cent. Damit kann die Krankenhausapotheke einen nicht unerheblichen Deckungsbeitrag für das Gesamtunternehmen Klinikum leisten.

 

PZ:Was müsste sich aus Ihrer Sicht politisch unbedingt ändern?

Frauer: Die moderne Medizin mit ihren Möglichkeiten, seien es neue Arzneimittel, Untersuchungsmethoden, Operationsverfahren; Implantate, kann dem kranken Menschen so viel Nutzen bringen. Und dieser Nutzen muss jedem Patienten unabhängig von seiner sozialen Herkunft zur Verfügung stehen. Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und andere Leistungserbringer müssen für Ihre Arbeit fair entlohnt werden. Ich denke, dass die Politik bereit sein muss, auch mehr Mittel für das wertvolle Gut Gesundheit bereitzustellen.

Du bist Apotheke

Ingrid Glaeske-Allers, Inhaberin der Grindelhof-Apotheke, Hamburg

 

PZ: Was erwarten Sie von diesem Jahr?

Glaeske: Die anstehenden gesundheitspolitischen Veränderungen lassen nun wahrhaftig nicht auf Entspannung der wirtschaftlichen Situation von Apotheken hoffen. Ich erwarte schweres Fahrwasser und denke, es wird kein gutes Jahr für meine Apotheke werden. Trotz aller Herausforderungen glaube ich jedoch an die Kraft der Veränderung. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass wir Apotheker mehr Planungssicherheit brauchen und nicht alle acht Monate neue Hiobsbotschaften mit finanziellen Einschnitten, die uns die Luft zum Atmen nehmen.

 

PZ: Was muss die Standespolitik leisten?

Glaeske: Ich wünsche mir für 2006, dass es in Anlehnung an die Kampagne »Du bist Deutschland« innerhalb des Berufsstandes eine Kampagne »Du bist Apotheke« nach dem Motto »Du gestaltest die Apotheke, Du bist verantwortlich für das Bild nach außen, Du hast Einfluss« gibt.

Von der Standespolitik erhoffe ich mir mehr auch Einfluss auf die Entscheidungen der Gesundheitspolitik in Berlin. Wieso wird da geglaubt, dass man die Leistung Apotheke wie eine Zitrone ausquetschen kann. Wir müssen massiv an der Verbesserung unseres Image auch in der Bevölkerung und in den Medien arbeiten. Es ist Sache auch und gerade einer effektiven Öffentlichkeitsarbeit, die gesellschaftliche Position des Apothekers zu stärken.

Rückgang der Erträge

Rainer Späth, Inhaber Mohren-Apotheke, Hanau

 

PZ: Was erwarten Sie beruflich von diesem Jahr?

Späth: Einen Rückgang der Roherträge im OTC-Bereich.

 

PZ: Denken Sie, dass Ihre Apotheke zum Jahresende besser oder schlechter dasteht als heute?

Späth: Zum Jahre 2006 wird es nur zu einer geringen Verschlechterung des Ergebnisses kommen, da die entsprechenden Gesetzesvorhaben erst zum Ende des Jahres greifen werden.

 

PZ: Was müsste sich aus Ihrer Sicht politisch unbedingt ändern?

Späth: Es kann nicht sein, dass deutsche Arzneimittel mit 16 oder gar 19  Prozent Mehrwertsteuer belastet werden; im Vergleich mit ausländischen Arzneimitteln jedoch Preise mit sehr viel niedrigeren Mehrwertsteuersätzen zu Grunde gelegt werden.

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